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hochzeitsfoto eines glücklichen Paars

Eine Ahnung vom Unglück

Bevor man heiratet, sollte man eher dem Bauchgefühl vertrauen, denn die bewusste Einschätzung der Beziehung kann täuschen. Wie eine Studie zeigt, liefern unbewusste Einstellungen gegenüber dem Partner nämlich die bessere Prognose über den zukünftigen Verlauf einer Ehe.

Eheprognose 29.11.2013

Auf den Bauch hören

Die Studie in"Science":

"Though They May Be Unaware, Newlyweds Implicitly Know Whether Their Marriage Will Be Satisfying" von J.K. McNulty et al., erschienen am 30. November 2013.

"Drum prüfe, wer sich ewig bindet", heißt es in einem berühmten Gedicht von Friedrich Schiller von 1799. Diesen längst zur Lebensweisheit mutierten Satz sollten sich Heiratswillige durchaus zu Herzen nehmen, denn die Gefahr, dass etwas schiefgeht, ist recht groß. Wer heute in Österreich vor den Altar tritt, trägt immerhin ein Risiko von knapp 43 Prozent, dass der vermeintliche Bund fürs Leben noch vor dem Tod endet.

"Das Lied von der Glocke" von Friedrich Schiller, 8. Strophe:

Denn wo das Strenge mit dem Zarten,
Wo Starkes sich und Mildes paarten,
Da gibt es einen guten Klang.
Drum prüfe, wer sich ewig bindet,
Ob sich das Herz zum Herzen findet!
Der Wahn ist kurz, die Reu ist lang.

Möglicherweise sollte man bei dieser Prüfung mehr auf den Bauch als auf den Geist hören - das legt zumindest die aktuelle Untersuchung der Forscher um James K. McNulty von der Florida State University nahe. Das Team hat 135 Paare über vier Jahre begleitet und dabei im Abstand von jeweils einem halben Jahr die Zufriedenheit und die Probleme innerhalb der Ehe erhoben.

Unbewusste Haltungen

Ö1 Sendungshinweis:

Darüber berichtet auch Wissen Aktuell am 29.11. um 13:55.

Beim allerersten Treffen mit den Forschern waren die Jungvermählten erst weniger als sechs Monate verheiratet. Dabei mussten sie zuerst die Qualität ihrer Partnerschaft auf einer Skala anhand von gegensätzlichen Adjektiven einschätzen, wie "gut" vs. "schlecht" oder "zufrieden" vs. "unzufrieden". Es wurde aber noch etwas Anderes gemessen, und zwar die unbewusste Einstellung gegenüber dem Partner, mit Hilfe eines assoziativen Schnelltests.

Dabei bekamen die Probanden ultrakurz das Bild ihres/r Angetrauten zu sehen, nämlich nur für eine Drittelsekunde. Danach wurden entweder Begriffe wie "fantastisch" und "wunderbar" oder solche wie "schrecklich" und "furchtbar" gezeigt. Die Teilnehmer mussten nun mittels Tastendruck blitzschnell entscheiden, ob es sich dabei um einen positiven oder negativen Ausdruck handelt. Die gemessene Reaktionszeit nahmen die Forscher dann als Maß für die unbewussten Haltungen. D.h., jene, die positive Wörter nach dem Anblick ihres Partners sehr schnell erkannt hatten, negative hingegen eher langsam, hatten vermutlich eine positivere Grundeinstellung gegenüber ihrer Ehefrau bzw. ihres Ehemanns.

Die zuvor abgegebene bewusste Einschätzung und die Ergebnisse dieses Reaktionstests stimmt erstaunlicherweise oft wenig überein. Und für die langfristige Entwicklung der Ehegemeinschaft ist offenbar nur der automatische Reflex entscheidend, wie die regelmäßigen Befragungen in den Folgejahren letztlich ergeben haben.

Reines Wunschdenken

Im Lauf der vier Jahre hatte die eheliche Zufriedenheit bei allen Beteiligten abgenommen - allerdings in sehr unterschiedlichem Ausmaß. Wie unzufrieden die Verheirateten waren oder wie viele Probleme aufgetaucht waren, war anscheinend nur von einem Faktor abhängig, nämlich von der unbewussten Haltung gegenüber dem anderen. D.h., desto positiver diese zu Beginn der ehelichen Gemeinschaften gewesen war, umso weniger hatte die Zufriedenheit abgenommen.

Die Diskrepanz zwischen der bewussten Einschätzung und der unbewussten Haltung, lässt sich laut den Forschern auch gut verstehen. Offensichtlich legt sich das Bewusstsein - in der Hoffnung auf eine rosige Zukunft - die Dinge eben passend zurecht, selbst wenn sie nicht ganz mit den "wahren" Gefühlen übereinstimmen.

Anders gesagt: Man versucht sich den anderen und damit die Beziehung schönzureden. "Jeder will eine gute Ehe haben. Und zu Beginn versuchen Menschen, sich selbst davon zu überzeugen, dass sie auch gut werden wird", so McNulty. Langfristig hilft aber offenbar der stärkste Wille nichts. McNulty rät daher, von Anfang an mehr auf sein Bauchgefühl zu achten.

Eva Obermüller, science.ORF.at

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