Standort: science.ORF.at / Meldung: "Musik macht doch nicht klüger"

Ein Mann spielt Klavier

Musik macht doch nicht klüger

Vor 20 Jahren hat der "Mozart-Effekt" für großes mediales Aufsehen gesorgt. Demnach verbessert musikalisches Training geistige Leistungen. Seitdem wurde immer wieder versucht, ihn zu reproduzieren - mit mäßigem Erfolg. Ähnlich erging es nun einer experimentellen Studie. Sie verweist den Effekt ins Reich der Mythen.

Erziehung 12.12.2013

Musikalischer Mehrwert

Die Studie in "PLOS ONE":

"Two randomized trials provide no consistent evidence for nonmusical cognitive benefits of brief preschool music enrichment" von Samuel A. Mehr et al., erschienen am 11. Dezember 2013.

Musik macht das Leben schöner. Dass sie auch für Kinder in vielerlei Hinsicht eine Bereicherung darstellt, ist offensichtlich. Sie fördert unter anderem das emotionale Wohlbefinden, die Kreativität und den Selbstwert. Zudem verbessert das Erlernen eines Instruments die Konzentration und die Disziplin. Gründe für musikalische Erziehung gäbe es also genug, ausreichend sind sie anscheinend trotzdem nicht. Diesen Eindruck hat man zumindest, wenn man das mediale Echo einer 1993 in "Nature" erschienenen Studie betrachtet.

Die Forscher um Frances Rauscher vom Center for Neurobiology of Learning and Memory an der University of California haben darin über den leistungssteigernden Effekt von klassischer Musik berichtet. Studenten, die zehn Minuten lang Mozarts Sonate für zwei Klaviere in D-Dur gehört hatten, schnitten bei einem anschließenden Intelligenztest mit räumlichen Aufgaben deutlich besser ab als ihre Kollegen.

Der "Mozart-Effekt" war geboren, wenngleich sein Name erst etwas später von einem Sachbuchautor erfunden und gleich patentiert worden ist. Klassische Musik galt plötzlich als Wundermittel zur Steigerung der Intelligenz. Das hat soweit geführt, dass Mütter bereits ihre Ungeborenen mit Mozart beschallen.

Ö1 Sendungshinweis:

Darüber berichtet auch Wissen Aktuell am 12.12. um 13:55.

Breite Überzeugung

Die Überzeugung von der Wirksamkeit ist zwar ins allgemeine Weltverständnis eingesickert - laut Umfrage vertreten z.B. 80 Prozent der US-Bürger diesen Standpunkt; rein wissenschaftlich betrachtet ist die Angelegenheit weitaus weniger abgesichert. Im Fahrwasser des medialen Erfolgs haben viele Forscher versucht, diesen oder vergleichbare Effekte zu finden, mit recht unterschiedlichen Ergebnissen. Die Schwierigkeiten beginnen bereits bei der Methodologie, wie die Forscher um Samuel Mehr von der Harvard Graduate School of Education in ihrer aktuellen Arbeit schreiben.

In den dutzenden Studien, die sie sich im Vorfeld ihrer eigenen Untersuchungen angesehen haben, fanden sie nur fünf, die evidenzbasierte Experimente durchgeführt hatten. Nur eine der fünf hat einen positiven Effekt gemessen, nämlich eine Steigerung des Intelligenzquotienten um 2,7 Punkt nach einem Jahr Musikunterricht.

Das sei so gering, dass man kaum von statistischer Signifikanz sprechen kann. Generell finden sich in der publizierten Literatur zum Thema keine Wiederholungsstudien. Das legt den Forschern zufolge nahe, dass hier ein Publikationsbias vorliegt. D.h., nur die positiven Ergebnisse werden überhaupt veröffentlicht.

Keine Leistungsunterschiede

Mehr und seine Kollegen haben dem Ganzen nun selbst zwei experimentelle Untersuchungen hinzugefügt. Für die erste haben sie 29 Eltern und ihre vierjährigen Sprösslinge rekrutiert. Zu Beginn wurden die musikalische Eignung der Erwachsenen und die Vokabelfähigkeiten der Kinder getestet. Dann wurde sie nach dem Zufallsprinzip zwei Gruppen zugeteilt. Die erste traf sich sechs Wochen lang zur musikalischen Früherziehung: gemeinsames Singen, Tanzen, Instrumente ausprobieren und Ähnliches. In der gleichen Zeit beschäftigte sich die andere Gruppe mit bildnerischen Tätigkeiten. Die Autoren wollten so ein möglichst realistisches Szenario untersuchen.

Am Ende haben sie anstelle der generellen Intelligenz bestimmte Fähigkeiten getestet, nämlich solche, die in früheren Studien von musikalischem Training profitiert hatten: räumliche Orientierung, die Wahrnehmung von Formen, Zahlen- und Wortverständnis. Es zeigte sich ein ganz kleiner Effekt bei den räumlichen Kategorien. Die Musikgruppe schnitt etwas besser bei der Orientierung ab, die bildnerische bei der Wahrnehmung.

Nachdem die untersuchte Gruppe so klein war, wiederholten die Forscher das Experiment mit 45 Elternteilen. Dieses Mal erhielt die eine Hälfte Musikunterricht, die anderen gar keinen. Trotz der Verwendung verschiedener statistischer Methoden fanden die Forscher bei dieser Anordnung keinerlei positive Auswirkungen der musikalischen Früherziehung. Das Gleiche gilt für die Auswertung der kombinierten Ergebnisse aus Test eins und zwei. "Es gab kleine Unterschiede bei den Leistungen, aber keiner davon war statistisch signifikant", so Mehr.

Zutiefst menschlich

Die gute Nachricht: Musikalisches Training hatte die kognitiven Leistungen zumindest nicht beeinträchtigt. Außerdem sei eine derartige Erziehung so oder so von hohem Wert, wie Mehr ausführt. Es gebe sehr gute Gründe, Musik zu unterrichten, die nichts mit Zusatznutzen zu tun haben. "Wie unterrichten nicht deswegen Shakespeare, weil wir glauben, dass die Schüler dann bei Tests besser abschneiden, sondern weil wir Shakespeare für wichtig halten", so der Studienautor.

Ganz ähnlich verhalte es sich mit Musik. Laut Mehr handelt es sich dabei um eine sehr alte, zutiefst menschliche Aktivität: "Jede Kultur auf der Welt macht Musik. Musik sagt etwas darüber aus, was es bedeutet, ein Mensch zu sein. Es wäre verrückt, das nicht an unsere Kinder weiterzugeben."

Eva Obermüller, science.ORF.at

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