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Zwei Pyramiden von Gizeh in Ägypten

Integrationspolitik im Zeitalter des Hellenismus

Nach der Eroberung Ägyptens durch Alexander den Großen findet man im Land am Nil eine eigene Organisationsform, die eingeführt worden sein dürfte, um Minderheiten zu integrieren. Gemeinschaften mit Migrationshintergrund wurde so eine halbautonome Stellung innerhalb einer städtischen Siedlung ermöglicht.

ÖAW Young Science 03.01.2014

In einem Gastbeitrag stellt der Althistoriker und Papyrologe Patrick Sänger die Charakteristika der Organisationsform politeuma ("Gemeinwesen") vor und analysiert deren soziale Wurzeln und politische Bedeutung. Offenbar war Migration auch in der Antike Auslöser von sozialen Prozessen und von realpolitischen Integrationsmaßnahmen.

Das politeuma: Ein antikes Integrationsmodell

Von Patrick Sänger

Poträt Patrick Sänger

privat

Über den Autor:
Patrick Sänger, geb. 1979, studierte Alte Geschichte und Altertumskunde mit Schwerpunkt Papyrologie in Wien. Von 2005 bis 2009 war er Assistent (prae doc) am Institut für Alte Geschichte der Universität Wien. Anfang 2009 hatte er als Jacobi-Stipendiat einen Forschungsaufenthalt an der Kommission für Alte Geschichte und Epigraphik München.

Nach der Promotion war er von 2009 bis Anfang 2013 Assistent (post doc) am Institut für Papyrologie der Universität Heidelberg. 2010 wurde ihm der Klaus-Georg und Sigrid Hengstberger-Preis für den wissenschaftlichen Nachwuchs der Universität Heidelberg verliehen (mit Dr. Rodney Ast). Seit März 2013 ist er APART-Stipendiat der ÖAW am Institut für Alte Geschichte der Universität Wien, wo er an der Abfassung seiner Habilitationsschrift zum Thema „Das politeuma: Ursprung, Funktion und Definition einer ptolemäischen Organisationsform zur Integration von Minderheiten“ arbeitet.

Nachdem Alexander der Große Ägypten im Jahr 332 v. Chr. erobert hatte, wurde das Nilland bis zur römischen Übernahme im Jahr 30 v. Chr. zum Kerngebiet eines hellenistischen Großreiches, das unter der Führung der Ptolemäer stand.

Diese makedonische Dynastie war nach ihrem Gründer, Ptolemaios I. Soter, benannt, der als Feldherr in Alexanders Armee gedient und nach dessen Tod die Verwaltung Ägyptens übernommen hatte.

Unter makedonischer bzw. griechischer Führung wurde Ägypten zu einem regelrechten Einwanderungsland: Nachdem Griechen aus allen Teilen des Mittelmeerraumes sowie auch Juden und Perser als Angehörige der Armeen von Alexander und Ptolemaios I. Soter bereits am Ende des 4. Jahrhunderts v. Chr. in das Nilland gelangt waren, ist über das gesamte 3. Jahrhundert v. Chr. hinweg eine starke Einwanderung der genannten sowie auch anderer Volksgruppen zu beobachten.

Ägypten: Das Land der Papyri

Migrationsprozesse sind in Ägypten besonders gut dokumentiert, weil das trockene Klima in den Wüstengebieten des Landes die Erhaltung eines ganz besonderen Quellenmaterials fördert, das in anderen Regionen nur sehr selten die Jahrhunderte überdauert hat: Es handelt sich um Papyrus, das Papier der Antike.

Da auf Papyri u.a. "Alltagstexte" (Verträge, Quittungen, Privatbriefe, usw.) festgehalten wurden, die nicht für die Nachwelt bestimmt waren, gewähren diese Zeugnisse einen unmittelbaren Einblick in das Leben und den Rechtsalltag im antiken Ägypten.

Den besonderen Wert dieser Quellengattung hat ein im Jahr 2001 publiziertes Archiv einmal mehr unter Beweis gestellt, das ein politeuma von Juden in der ca. 100 km südlich des heutigen Kairo, westlich des Nils gelegenen Bezirkshauptstadt Herakleopolis dokumentiert. Den zwanzig zugehörigen, zwischen 144 and 133 v. Chr. datierten Papyri kommt deswegen eine besondere Bedeutung zu, da diese Texte erstmals eine genauere Definition der Organisationsform politeuma zulassen.

Das politeuma: Organisationsform für Minderheiten

ÖAW Young Science:

Der Text ist Teil des Projektes Young Science, im Zuge dessen Gastbeiträge von jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Österreichischen Akademie der Wissenschaften erscheinen. Das Projekt ist eine Kooperation zwischen Ö1/science.ORF.at und der Akademie der Wissenschaften.

Bis zur Veröffentlichung besagter Papyri war die Überlieferungslage zu der Organisationsform politeuma disparat. Sie tauchte vereinzelt in Steininschriften und einem einzigen Papyrus auf. Diesen Quellen war zu entnehmen, dass sich in einem politeuma ethnisch kategorisierte Gruppen versammelten, die auf "ausländische" Söldnertruppen zurückzuführen sein dürften, die an einem städtischen Garnisonsort stationiert waren.

Zudem verfügten die Mitglieder eines politeuma zur Ausübung ihres Kultes anscheinend über ein Heiligtum oder einen Tempelbezirk. Abgesehen von den Juden in Herakleopolis, scheinen in Ägypten bislang folgende Volksgruppen als ein politeuma organisiert gewesen zu sein: Boioter, Kilikier, Kreter, Idumäer, Phryger und Lykier.

Semi-autonome Gemeinde

Neben den genannten Charakteristika der Organisationsform politeuma ist aus den Papyri aus Herakleopolis abzuleiten, dass die jüdische Gemeinschaft als semi-autonome Gemeinde einzustufen sein dürfte. Das ist den Kompetenzen ihrer leitenden Funktionäre, der Archonten und des vorsitzenden Politarchen, zu entnehmen, die wahrscheinlich nicht nur befugt waren, Rechtsstreitigkeiten zwischen Juden, sondern auch solche zwischen Juden und Nicht-Juden zu schlichten.

Die angeführten Amtsträger des jüdischen politeuma scheinen daher sogar als allgemeine Ordnungsmacht im Hafenviertel von Herakleopolis aufgetreten zu sein, wo die Juden des politeuma konzentriert gewesen sein dürften. Für diese Lokalisierung spricht, dass kurz bevor das jüdische politeuma dokumentiert ist, im Hafenviertel eine Festung erbaut wurde: Das jüdische politeuma in Herakleopolis könnte also, wie die anderen als politeuma organisierten Gemeinschaften, zu einem gewissen Teil aus Soldaten bestanden haben und militärischen Ursprungs gewesen sein.

Die Hellenes

Literaturhinweise:

Honigman, Sylvie, Politeumata and Ethnicity in Ptolemaic Egypt, Ancient Society 33 (2003) 61–102.

Kruse, Thomas, Das jüdische politeuma von Herakleopolis und die Integration fremder Ethnien im Ptolemäerreich, in: Dement’eva, Vera V. – Schmitt, Tassilo (Hrsg.), Volk und Demokratie im Altertum (Bremer Beiträge zur Altertumswissenschaft Band 1), Göttingen 2010, 93–105.

Lüderitz, Gert, What is the Politeuma?, in: van Henten, Jan W. – van der Horst, Pieter W. (Hrsg.), Studies in Early Jewish Epigraphy (Arbeiten zur Geschichte des antiken Judentums und des Urchristentums 21), Leiden – New York
– Köln 1994, 183–225.

Sänger, Patrick, Das politeuma in der hellenistischen Staatenwelt: Eine Organisationsform zur Integration von Minderheiten, in: Ast, Rodney – Sänger, Patrick (Hrsg.), Minderheiten und Migration. Antike, Zeitgeschichte und Gegenwart (Studien zur Historischen Migrationsforschung), Paderborn (im Druck).

Die rechtliche Stellung und das Wesen der jüdischen Gemeinde sind wahrscheinlich auch repräsentativ für alle anderen, weniger gut dokumentierten Gruppen, die ein politeuma bildeten. Denn alle betreffenden Volksgruppen, auch die Juden, wurden von der ptolemäischen Administration zu der steuerprivilegierten Bevölkerungsgruppe der "Griechen" (Hellenes) gezählt.

Juden stellten staatsrechtlich und sozio-politisch betrachtet demnach keine separierte Bevölkerungskategorie dar. Das in den Papyri hervortretende jüdische politeuma von Herakleopolis dürfte folglich als Modellfall einzustufen sein.

Systemintegration im ptolemäischen Ägypten

Alles in allem stellt sich die Organisationsform politeuma sowohl als Folge von Migrationsprozessen im Hellenismus als auch der sich daraus ergebenden realpolitischen Konsequenzen dar.

Sie legt ein eindringliches Zeugnis davon ab, wie die ptolemäische Regierung ethnisch kategorisierte und zur Bevölkerungskategorie der "Griechen" zählende Gemeinschaften, die auf eine der größten Einwanderungsgruppen des ptolemäischen Königreiches (und zwar Söldner bzw. deren Nachkommen) zurückzuführen sind, als semi-autonome Gemeinden auf religiöser, rechtlicher und administrativer Ebene erfolgreich in ihr politisches System integrierte - wodurch die ptolemäische Regierung innen- und außenpolitisch ein deutliches Zeichen setzte.

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