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Bunte Punkte und Kreise vor dunklem Hintergrund

Wie LSD die Forschung zum Erzählen brachte

LSD hat Chemiker und Psychiater genauso fasziniert wie Schriftsteller und Intellektuelle. Heute ist die Forschung an der Droge weitestgehend verboten. Denn die Grenze zwischen seriöser und dubioser Wissenschaft war irgendwann nicht mehr auszumachen, sagt die Literaturwissenschaftlerin Jeannie Moser in einem Interview.

Drogenforschung 20.12.2013

sicence.ORF.at: Was hat Sie als Literaturwissenschaftlerin dazu veranlasst, eine "LSD-Biographie" zu schreiben?

Jeannie Moser: Man kann LSD (Lysergsäurediethylamid) in einer Formel darstellen, aber das sagt nichts darüber aus, was den Kern dieser Substanz ausmacht. Für mich war interessant, wie mit dem Aufkommen von LSD, auch in den harten Wissenschaften, die Forscherinnen und Forscher anfangen zu erzählen. Sie arbeiten mit Figuren, mit Metaphern, mit Narrativen. Auch die Protokolle von den Versuchen werden im Nachhinein narrativ bearbeitet, ergänzt.

Das zeigt sehr gut, wie Erkenntnisproduktion und Text- bzw. Begriffsarbeit zusammenfallen. Für mich ist die zentrale Frage, wie Wissen und Darstellung miteinander zusammenhängen und kooperieren. Es gibt nicht auf der einen Seite ein Wissen, das dann irgendwann in Sprache übersetzt wird. Der Erkenntnisprozess geht immer einher mit der Begriffsarbeit. Und dafür ist LSD ein sehr brauchbarer Gegenstand.

Jeannie Moser, Literaturwissenschaftlerin

Jeannie Moser

Zur Person:
Die promovierte Literaturwissenschaftlerin Jeannie Moser hat Germanistik und Spanisch in Hamburg, Wien und Madrid studiert. Sie war Stipendiatin am Graduierten-Kolleg in Konstanz und Junior-Fellow am Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften an der Kunstuniversität Linz (IFK). Seit 2012 ist Jeannie Moser mit dem Fachgebiet Literaturwissenschaften, Schwerpunkt Literatur und Wissenschaft, an der TU Berlin.

Das Buch:
„Psychotropen - Eine LSD-Biographie“ von Jeannie Moser erschien 2013 im Verlag der Konstanz University Press.

Wie haben sich diese Narrative mit den verschiedenen Stationen von LSD in der Wissenschaft verändert?

Das hat immer damit zu tun, in welchen Milieus diese Droge benutzt worden ist. Man kennt sie als die Leitsubstanz der Hippies und der Counter Culture. Aber sie hat ja eine Vorgeschichte: Die Karriere von LSD beginnt in einem pharmazeutischen Labor in Basel in den 1940er Jahren - dort wurde es vom Schweizer Chemiker Albert Hofmann entdeckt. Von dort wandert es in den Raum der experimentellen Psychiatrie.

Dort wird es anfangs für eine "Magic Bullet" gehalten, der man zutraut, Schizophrenie zu heilen. Hier kommt der Begriff des Psychotomimetikums auf. Das bedeutet, dass es eine Substanz ist, die eine Psychose nachahmt. Daran kann man schon erkennen, wie die Forschung zu dieser Zeit ausgerichtet ist: Über Jahre hinweg ist diese Modellpsychose das Gravitationszentrum der drogistischen Forschung. Es wurden riesige Forschungsprogramme eingerichtet, bei denen es immer darum geht, die Psychose nachzubilden und darüber ihr Wesen zu erkennen.

Dabei ist es aber nicht geblieben, oder?

Irgendwann hat man bemerkt, dass das Erfahrungsspektrum größer ist als jenes von Psychotikern. Dann passte auch der Begriff nicht mehr, und es wurden alle möglichen Namen für LSD und ähnliche Substanzen vorgeschlagen. Etwa "psycholytische" oder "psychedelische" Drogen. An diesen Namen kann man ablesen, was die Erwartung an die Leistungen dieser Droge waren. Nämlich, dass sie das Wesen oder die Persönlichkeit zum Vorschein bringt. "Halluzinogene" passte nicht, denn man hielt es für keine Halluzinationen mehr. Was man zum Vorschein kommen sah, stammt nicht von Außen, sondern von Innen.

Ihr Buch trägt im Titel den Begriff "Psychotropen" - was hat es damit auf sich?

Das ist ein Wortspiel. Eine psychotrope Substanz wie LSD ist eine psychoaktive, bewusstseinsverändernde Droge, ihr Plural lautet korrekt Psychotropika. "Tropen" wiederum sind rhetorische Figuren, und mich hat interessiert, wie im Zuge der Drogenforschung Psychotropen, also Figurationen der Psyche produziert werden. Man benutzte die Substanz, um sich mit Ihrer Hilfe ein Bild der Psyche zu machen.

Im Laufe der LSD-Forschungsgeschichte haben sich auch die Erwartungshaltungen an die Leistungen dieser Droge verändert.

Neben der Modellpsychose hat man die Droge beispielsweise auch für Empathie-Schulungen von Psychiatrie-Fachkräften genutzt. Denn mit ihrer Hilfe konnte man sich temporär in einen Ausnahmezustand versetzten, man meinte zu sehen, wie es ist "wahnsinnig zu sein". Dann wurde mit LSD die psychedelische Therapie bzw. "Psycholyse" entwickelt. In diesem Wort steckt bereits die Verkürzung der Psychoanalyse, und es ging tatsächlich darum, mithilfe von LSD die Psychoanalyse abzukürzen. Anstatt in einem Zeitraum von zwei Jahren und in vielen Sitzungen das Unbewusste an die Oberfläche zu bringen, sagte man: Zweimal LSD und alles ist da.

Und das ist insofern spannend, weil das der Moment ist, in dem die Droge in einen Selbsterfahrungskontext wandert. Weil dann das Ich, mit dem man sich im Rausch konfrontiert, gar nicht mehr notwendigerweise krank sein muss. Man erfährt über sein Inneres Ich. Wie Hofmann bereits Aldous Huxley zitiert hat: Man erlebt den eigenen Himmel und die eigene Hölle.

Haben sich diese Erwartungshaltungen erfüllt?

Das kann man letztlich nicht objektiv beurteilen. Durch das Verbot von LSD ist die Forschung an einem Stand abgebrochen worden, wo man der Meinung war, das funktioniert.

Wieso wurde die Forschung verboten und wie schaut es heute aus?

Seit ein paar Jahren werden wieder einzelne Studienprogramme zugelassen. Für das Verbot gibt es zwei Gründe. Zum Einen wurde diese Droge in den 1960er Jahren mit sozialpolitischer Bedeutung aufgeladen, sie wurde zum Gegenstand, an dem sich gesellschaftspolitische Konflikte entzünden. Damals war LSD die Leitsubstanz der Hippies, und es ging tatsächlich darum: Wer die Kontrolle über diese Substanz hätte, hätte auch die Kontrolle über diese Bewegung. Das Verbot war eine Reaktion darauf, dass man die Bewegung, aber auch die Substanz nicht mehr kontrollieren konnte. Man wusste nicht mehr, wer sie in welchem Rahmen nimmt, sie hat sich verselbständigt.

Diese Verselbständigung führt dann zu jenem Grund, warum auch die wissenschaftliche Forschung verboten wurde: Man konnte irgendwann nicht mehr sagen, was in diesem Bereich eigentlich wissenschaftlich ist und was nicht. Die großen Forschungszentren waren ja US-Eliteuniversitäten wie Harvard, Stanford und Princeton.

Timothy Leary, der dann zum Drogenpapst und zentralen Figur der Counter Culture wurde, hat selbst in Harvard geforscht. Irgendwann konnte keine Grenze mehr zwischen seriöser und dubioser Forschung gezogen werden. Das wiederum hat mit der Droge selbst zu tun, denn sie ist nicht objektivierbar. Dadurch, dass die Wirkung so einer hochpotenten Droge stets an das Subjekt gebunden ist, haben auch alle Aussagen, Daten und Ergebnisse, die produziert werden, ihren Ursprung im Subjekt.

Das heißt aber auch, die Forscherpersönlichkeit spielt eine wesentlich wichtigere Rolle, als bei anderen Forschungsgegenständen?

Das sieht man bei Hofmann sehr gut. Da wird ganz stark versucht, über die Inszenierung eines seriösen Forschers die Drogenforschung zu legitimieren. Das Drogenwissen zeigt immer auf die subjektive Quelle zurück und so kann man nur diese subjektive Quelle mit Autorität und Wissenschaftlichkeit ausstatten. In "LSD - Mein Sorgenkind" macht Hofmann genau das: Er verknüpft seine Erkenntnisse mit seiner eigenen Biographie. Da kommen dann narrative und rhetorische Verfahren ins Spiel. Und so entscheidet letztlich die Art, wie man über sich selbst erzählt, ob die Drogenforschung, die man betreibt, seriös ist oder nicht.

Und so ist die LSD-Forschung irgendwann an ihre Grenzen gestoßen?

Das liegt in der Natur der Sache. Die Frage war: Machen das die Leute, weil sie über neurochemische Zusammensetzungen forschen wollen oder weil sie die Droge super finden? Das ist wegen der Wirkungsweise der Droge letztlich nicht zu entscheiden.

Was macht LSD im Körper?

Im Zuge der LSD-Forschung ist so etwas wie das "Neurochemische Selbst" entstanden. Was die Forschung damals stark beschäftigt hat, war, dass das Gehirn nicht überschwemmt werden muss und der LSD-Rausch anhält, auch wenn kein LSD mehr im Körper zu finden ist. Man ging davon aus, dass das anders funktioniert wie etwa Alkohol. Man ist zu dem Schluss gekommen, dass etwas getriggert wird. Heute ist das ganz selbstverständlich: Es gibt Synapsen und Trigger und es wird ein Mechanismus in Gang gesetzt. Diese Modelle entstehen in dieser Zeit. Und für diese, inzwischen selbstverständliche, neurozentrische Erklärung war LSD ganz wichtig.

Gerade bei der LSD-Forschung spielen sprachliche Mittel eine wichtige Rolle. Viele sagen, man könne mit Worten gar nicht beschreiben, was bei einem Trip passiert.

Alle behaupten, man kann das nicht erzählen - und dennoch wird so wahnsinnig viel erzählt. Interessant ist, wie sich die Wissenschaft dann plötzlich an die Literatur wendet. Man wollte Schriftsteller involvieren, weil man sich von ihnen die Fähigkeit erwartete, diese Erfahrung sprachlich zu bewältigen. So wird die Rauschbeschreibung in den Zuständigkeitsbereich der Literatur verschoben. Dadurch entstehen viele interdisziplinäre Forschungsbünde. Hofmann machte etwa Versuche mit Ernst Jünger, Aldous Huxley mit Humphry Osmond, Anais Nin mit Oscar Janiger und viele mehr.

LSD faszinierte also Chemiker, Psychiater, Schriftsteller, Künstler und viele andere. Was ist das Besondere an dieser Droge?

Diese Droge ist sehr potent. Ich denke es ist faszinierend, dass mit einem einzigen Tropfen der Geist komplett umgestellt und umorganisiert wird. Es tun sich ganz andere Welten auf, die keine Referenz zur Außenwelt haben. Anfangs wurden mit LSD ja Versuche in dunklen, isolierten Zimmern gemacht - auch mit sehr starker Dosierung, das würde heute keiner mehr machen. Dass komplett ohne Außenreize, über einen Zeitraum von zehn bis zwölf Stunden komplett andere Welten entstehen, das war wohl faszinierend. Und weil es eine Droge ist - wie Hofmann es sagt - die bei höheren geistigen Funktionen ansetzt.

Das lässt darauf schließen, dass sich aus der Wirkungsweise der Droge auch Klassenunterschiede im Bezug auf die Konsumenten und Konsumentinnen ergeben?

Die Verbreitung von LSD geht von den Elite-Universitäten aus, und so sind es viele Elite-Studierende, die die Substanz konsumieren. Ich denke, LSD ist nur für jene Leute interessant, die auch die Zeit haben, sich 24 Stunden dem Studium ihres "inneren Ichs" hinzugeben. Dadurch, dass die Droge keine leistungssteigernde Wirkung hat, wird jemand, der am Bau arbeitet, mit ihr nichts anfangen können. Sie ist interessant für eine bestimmte Klasse, die sich das leisten kann. Das ist ja auch heute noch so: Der durchschnittliche LSD-User ist männlich, weiß und kommt aus einer bürgerlichen Schicht.

Die Forschungsgeschichte von LSD hat aber auch eine Geschlechterkomponente: Es haben praktisch nur Männer daran geforscht.

Das waren durchwegs Männerbünde. Das hat schon einmal damit zu tun, dass die Droge bzw. dieser andere, drogistische, nicht rationale Zustand weiblich konnotiert wird. Das ist das Fremde, der Wahnsinn. Männer gestatten sich einen Abstecher in diese fremde Welt. Hier ist das Narrativ der Reise wichtig - man geht auf diese Reise, kehrt dann aber wieder zurück.

Dadurch stabilisiert sich das Alltagsbewusstsein oder die Nüchternheit als männliche, wissenschaftliche und letztlich auch weiße Ordnung. Das ist insofern spannend, wenn man sich beispielsweise das Symposion zu Hofmanns 100. Geburtstag, 2006 in Basel, anschaut. Dort hieß es bei einer Podiumsdiskussion, LSD wäre deshalb so toll gewesen, weil sich dabei die Kategorien Rasse, Klasse und Geschlecht aufgelöst hätten. Und wer saß am Podium? Weiße, akademisch gebildete, bürgerliche Männer.

Es waren nicht nur wissenschaftliche, sondern auch gesellschaftliche Erwartungen mit LSD verknüpft. Die einen erhofften sich ein Kontrollinstrument für die Gesellschaft, die anderen ein Mittel zur Selbstverwirklichung. Wo verlief hier die gesellschaftliche Trennlinie?

Die Substanz wurde von unterschiedlichen Gruppen unterschiedlich codiert. Das Interessante dabei: Im Grunde sind das Wissen und die Grundannahmen, mit denen operiert wird, dieselben. Nämlich ein stofflich basiertes Selbst, das dann eben auch über Stoffe reguliert werden kann. So hat die CIA geglaubt, man könne bestimmte Verhaltensmuster aufbrechen und die Psyche gewissermaßen neu bespielen. Das war damals auch die Zeit des Behaviorismus.

Und jemand wie Timothy Leary sagt im Grunde das gleiche, er hat nur ein anderes Ziel. Es geht auch ihm darum, dass man seine neurologischen Schaltkreise neu regelt - mithilfe von Drogen. Das heißt, die Lager, die eigentlich in Frontstellung zueinanderstehen, gehen vom selben Sachverhalt aus: Dass man über Substanzen Subjekte oder die Gesellschaft verändern kann.

Wird LSD heute noch konsumiert?

Relativ wenig. Es gibt Revivals in der Goa-, Trance-, oder Tekkno-Szene. In den 90ern war es eine Zeit lang wieder "in". Dann gab es andere Stoffe, die zu einer bestimmten Kultur, einer bestimmten Zeit besser passten. LSD hat in den 60er Jahren gepasst, heute hat man andere Mittel. Von Managertrainings bis zum "Rebirthing" - es gibt eine ganze Selbsterfahrungsindustrie, man könnte jedes Wochenende auf 35 Kurse fahren.

Damals wurde LSD - relativ sorglos - auch durch Pharmakonzerne unter die Menschen gebracht. Ist man heute vorsichtiger im Umgang mit solchen Substanzen geworden?

Wie sorglos das war, ist so eine Frage. Denn LSD hat vergleichsweise geringe Nebenwirkungen. Es ist eine Droge, die körperlich nicht süchtig macht. Das bringen auch heute noch Drogenbefürworter ins Feld: Das sind keine schlimmen Drogen, Alkohol hat körperlich viel schlimmere Auswirkungen.

Was sagt das über unsere moderne Gesellschaft aus, wenn Alkohol akzeptiert und körperlich weniger gefährliche Substanzen wie LSD geächtet sind?

Daran sieht man, wie Substanzen mit sozialpolitischer Bedeutung aufgeladen sind. Ich möchte nicht behaupten, dass LSD nicht gefährlich ist. Es heißt, LSD kann Psychosen auslösen. Wenn es eine Prädisposition gibt - so jedenfalls das Narrativ - kann ein Trip dazu führen, dass die Droge zwar schon längst aus dem Körper verschwunden ist, aber die Psychose bleibt. Alkohol hingegen ist nicht verbunden mit einer politischen Haltung, mit einem Aufbegehren gegen einen bestimmten gesellschaftlichen Zustand. Das alles ist verbunden mit LSD. Und weil es obendrein nicht kontrollierbar ist, ist es suspekt.

Hunter S. Thompson hat geschrieben: "Wenn es einen Gemeinplatz in Bezug auf psychedelische Drogen gibt, dann den, dass jeder, der ohne eigene Erfahrungen über sie schreibt ein Narr ist, ein Schwindler." Muss man also LSD genommen haben, um darüber schreiben zu können?

Nein. Genau das ist das Interessante an dem Zitat: Dass immer die eigene Erfahrung so stark gewertet wird. Das Authentische, die Vorstellung, dass man eben nur aus der eigenen Erfahrung heraus wahrhaft sprechen kann. Der einzige Vorteil daran es selbst genommen zu haben ist, dass man dadurch in der Lage ist, den Unterschied zu sehen, was andere mit dieser Erfahrung machen.

Interview: Theresa Aigner, science.ORF.at

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