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Skelett von Homo neanderthalensis (rechts) und Homo sapiens (links)

Gesucht: Der unbekannte Urmensch

Seit 2006 untersuchen Forscher aus aller Welt das Erbgut des Neandertalers, nun ist das Großprojekt abgeschlossen. Die Analyse gewährt tiefe Einblicke in das Liebesleben der Urmenschen. Sie zeigt auch: In der Eiszeit dürfte eine bisher unbekannte Menschenart existiert haben.

Anthropologie 19.12.2013

Mit Knochenbeschau allein hätte man wohl nie definitiv bestätigen können, dass einander moderner Mensch und Neandertaler dereinst näher gekommen sind. Rund zwei Prozent unseres Erbguts stammen vom Homo neandertalensis (ausgenommen Afrikaner, sie tragen bemerkenswerterweise keine genetischen Spuren unseres Verwandten in ihrem Genom).

Wie man seit 2010 weiß, gab es in der Eiszeit noch eine dritte menschliche Art bzw. Unterart. Nämlich den Denisova-Menschen, benannt nach dem Fundort, der Denisova-Höhle im Süden Sibiriens. Auch der Denisova-Mensch hat Spuren in unserem Erbgut hinterlassen. Die Bewohner Ozeaniens sowie Ostasiens tragen genetische Sequenzen dieser bis vor kurzem unbekannten Hominiden in ihrem Erbgut.

Jeder mit jedem

Mittlerweile wurde auch die dritte Paarungsvariante nachgewiesen, Conclusio: Nähere Kontakte gab es während der Eiszeit in allen möglichen Konstellationen, jeder hat es mit jedem getan, wie die Molekulargenetik beweist.

Die Studie

"The complete genome sequence of a Neanderthal from the Altai Mountains", Nature (18.12.2013; doi:10.1038/nature12886).

Kürzlich haben Paläontologen in der sibirischen Denisova-Höhle einen weiteren Knochen entdeckt. Es handelt sich um einen 50.000 Jahre alten Zehenknochen. "Wir gingen davon aus, dass er von einem Denisova-Menschen stammt", sagt Kay Prüfer vom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig. Diese Vermutung war falsch. Wie Prüfer mit seinen Kollegen im Fachblatt "Nature" berichtet, stammt der Zehenknochen von einer Neandertalerin.

In der Höhle im Altai-Gebirge haben also zwei verschiedene Hominiden gelebt - gleichzeitig? "Wir glauben, dass die Neandertalerzehe etwas älter ist als die Knochen des Denisoveraners, aber können es nicht ausschließen", sagt Prüfer im Gespräch mit science.ORF.at.

"Sequenz von unbekannter Menschenart"

Ö1-Sendungshinweis

Über diese Studie berichtet auch "Wissen aktuell", 19.12.2013, 13:55 Uhr

Prüfers genetische Studie überrascht mit einem Befund: Im Erbgut vom Denisova-Menschen befindet sich eine uralte genetische Sequenz, deren Herkunft keinem der bisher bekannten Urmenschen zugeordnet werden konnte. "Die einfachste Erklärung ist, dass sie von einer unbekannten Menschenart stammt, die schon sehr, sehr lange existiert. Wir schätzen: zwischen einer und vier Millionen Jahren."

Dieser Urmensch muss noch vor 400.000 Jahren gelebt haben (jener Zeitpunkt, als sich Neandertaler und Denisovaner voneinander genetisch getrennt haben). Wann er ausgestorben ist, ist noch unbekannt. Theoretisch könnte es sich dabei um Homo erectus gehandelt haben, mindestens ebenso wahrscheinlich ist es, dass es damals noch eine weitere Menschenart gab, Homo X - der große Unbekannte. Bleibt zu hoffen, dass auch von diesem Hominiden einmal Knochen ausgegraben werden.

Prüfers Studie wirft auch in familiärer Hinsicht Licht auf das Liebesleben der Urmenschen. Der Zehenknochen der Neandertalerin aus der Denisova-Höhle zeigt, dass Inzucht zu jener Zeit gang und gäbe war. Die Eltern der Neandertalerfrau waren offenbar nahe verwandt. Möglich sind folgende Varianten: "Sie waren entweder Halbgeschwister mütterlicherseits, Großcousin und Großcousine, Onkel und Nichte, Tante und Neffe, Großvater und Enkelin oder Großmutter und Enkelsohn", sagt Montgomery Slatkin von der University of California in Berkeley, ein Co-Autor der Studie.

Die Forscher wollen nun die Gensequenzen von Neandertalern und Denisova-Menschen in menschliche Zellkulturen einbringen. Das soll zeigen, was den modernen Menschen - genetisch - zum Menschen macht.

Robert Czepel, science.ORF.at

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