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"Schäm dich, Europa" - ein Pamphlet

Die Abschottungspolitik europäischer Staaten gegenüber Migranten und Flüchtlingen steht im Zentrum eines wütenden Textes des Schriftstellers und Philosophen Wolfgang Maria Siegmund. "Schäm dich, Europa" ist der Titel des Buches, in dem die Gleichgültigkeit angesichts der Not dieser Deklassierten angeklagt wird.

Philosophie 25.12.2013

Siegmund stellt die Frage, wie lange die Bewohner der europäischen Trutzburg noch die Augen vor dem Elend der Flüchtlingsströme verschließen wollen, die auch aus Staaten fliehen, in denen der europäische Kolonialismus geherrscht hat. Insofern sollte sich Europa besonders schämen, meint Siegmund.

Auf die hemmungslose Ausbeutung der Kolonisierten folgte die Ignoranz gegenüber den Nachfahren, die als Opfer des Kolonialismus noch heute darunter zu leiden haben.

Biografie

Wolfgang Maria Siegmund, geboren 1956 in Graz, Studium der Rechtswissenschaften, Mitbegründer der Zeitschrift "nebelhorn", Mitglied der Grazer Autorenversammlung

Buchcover: Schäm dich, Europa

Styria

Literaturhinweise

Wolfgang Maria Siegmund: Schäm dich, Europa. Meer-Ethik in Anbetracht der Herzenge von Gibraltar, styria premium

Männerb(r)uch. Von der schrecklich-schönen Nachtmeerfahrt des westlichen Mannes, Leykam
Abdellah Taïa (Herausgeber): "Briefe an einen jungen Marokkaner", übersetzt von Margret Millischer und dem ZTW-Übersetzungskollektiv, Passagen Verlag

Fabien Didier Yene: "Bis an die Grenzen". Chronik einer Migration", übersetzt von Beatiz Graf, Drava Verlag

Lyrik:
Der verdünnte Pazifik. Gedichte. Graz. Leykam
Skizzen für eine Windsbraut. Gedichte, Leykam
Irgendwo müssen noch Väter sein. Prosagedichte, Zsolnay
Das halbsüße Leben. Poems aus Triest und Venedig, Leykam
Adria liegt nicht am Meer. Gedichte, Leykam 1994

Hörspiele:
Pegasus wünscht sich einen Borsalino (ORF 1985)
Erde, geknickter Strauch (ORF 1986)
Spätsommertage auf Kalliste (ORF 1987)
Über der Mohnbucht (ORF 1989)
Das pralle Herz der Aeronauten (ORF 1991)
Das Mädchen des Poeten (ORF 1994)
Männer am Jahrtausend-Ende (ORF 1999)
Das kurze Leben der Idealisten (ORF 2001)

Sekundärliteratur:
Werner Stegmeier: Levinas zur Einführung, Junius Verlag
Benoît Peeters: Jacques Derrida. Eine Biographie. Aus dem Französischen von Horst Brühmann, Suhrkamp Verlag
Martin Meyer: Albert Camus. Die Freiheit des Lebens. Hanser Verlag
Eva Geulen: Agamben zur Einführung, Junius Verlag

Fiktive Kreuzfahrt mit illustren Gästen

In der Festung Europa hat sich eine Mentalität der Überlegenheit ausgebildet, die auch Intellektuelle und Philosophen teilen. So notierte etwa Edmund Husserl: "Wir verspüren es an unserem Europa, das ist etwas Einzigartiges". In diesem Gefühl der Superiorität ortet Siegmund die Wurzeln eines Anti-Humanismus, der sich zurzeit in Europa ausbreitet. Sein philosophischer Gewährsmann ist der jüdische, aus Algerien stammende Philosoph Jacques Derrida. "Gerade im Namen der europäischen Identität ereignen sich die schlimmsten Gewalttaten", schrieb Derrida, "die Verbrechen der Ausländerfeindlichkeit, der Rassismus, der Antisemitismus und der nationalistische Fundamentalismus".

Diese Verrohung Europas, die mit einer ethischen Verwüstung einhergeht, ist der Gegenstand eines fiktiven Diskurses zwischen vier Philosophen/Schriftstellern, die Siegmund auf ein ebenfalls fiktives Schiff einlädt. Es sind dies - neben Derrida - der in Litauen geborene Emmanuel Levinas, der in Algerien geborene Albert Camus und der italienische Philosoph Giorgio Agamben. Siegmunds Pamphlet – "ein Mix aus Literatur, Philosophie und Reisebericht" - richtet sich nicht an "den alles wissenden Philosophen"; es ist zwar aus dem Geist der Empörung entstanden, kennt aber durchaus "die Selbstironie und das Augenzwinkern".

Passagier 1 - Emmanuel Levinas

Allen vier Schiffspassagieren ist gemeinsam, dass sie in ihren Werken den Mainstream der europäischen Philosophie verlassen und sich an den Rändern und in den Exilen des Denkens bewegen. Als ersten Passagier stellt der Autor Emmanuel Levinas vor. Dessen
"Reise an den Rand der Möglichkeiten und darüber hinaus" fasziniert Siegmund besonders; denn Levinas suspendiert das Projekt einer Identitätsphilosophie, die das Subjekt als höchste Instanz ansetzt, die sich die gesamte Objektwelt aneignet. Diese "Aneignungsmaschine" wie sie Siegmund nennt, "die unentwegt das Fremde zum Eigenen macht", negiert den Anderen, den Fremden.

Levinas geht den umgekehrten Weg: Er propagiert ein Denken des Anderen, "in dem die Sorge für den Anderen über die Sorge um sich selbst siegt. Unsere Menschlichkeit besteht darin, dass wir den Vorrang des Anderen anerkennen können". Dieser Gedanke erfährt bei Siegmund folgende Paraphrase: ""Das ´Erkenne dich selbst´ kann nur entwickelt werden, wenn du im gleichen Atemzug den Anderen verstehst".

Passagier 2 - Jacques Derrida

An den Rändern des Denkens hielt sich auch der französische Philosoph Jacques Derrida auf, der trotz seines Status als Starphilosoph der Postmoderne zeit seines Lebens von dem Gefühl der Fremdheit und der Isolation begleitet wurde. Gegenüber philosophischen Begriffen der Tradition, äußert er in einem Gespräch, habe er folgendes Gefühl: "Ich habe immer den Fluchtreflex gehabt, als würden mir bei der ersten Berührung, schon beim bloßen Nennen dieser Begriffe, die Flügel mit Leim verklebt wie der Fliege: gefangen, gelähmt, Geisel, in die Falle gelockt durch ein Programm."

Derrida versteht sich als Außenseiter der Philosophie. Durch seine Geburt in Algerien, als Sohn einer jüdischen Familie, lernte Derrida schon in frühester Jugend das Schicksal der Stigmatisierung kennen. Er wurde 1942 vom Unterricht am Gymnasium ausgeschlossen und verbrachte fast ein Jahr als subversives Individuum im Untergrund. Siegmund dürfte mit seiner Vermutung Recht haben, dass "hier am Krater dieser frühen Wunde die Gründe für sein stetes Dagegenschreiben gegen den gesamten Kanon westlicher Metaphysik" liegen. Und Siegmund bezieht sich auf die Strategie postkolonialistischer Theoretiker/innen wie Edward Said und Gayatri Spivak, die ihre intellektuelle Tätigkeit als ein "writing back", als "ein Dagegenschreiben" gegen das koloniale Erbe verstehen.

Passagier 3 - Albert Camus

Noch ein illustrer Passagier findet sich auf Siegmunds fiktiven Schiff ein; er ist ein Landsmann seines Philosophenkollegen Jacques Derrida. Der ebenfalls in Algerien geborene Albert Camus empfand Unbehagen angesichts des imperialen Herrschaftsdiskurses der meisten westlichen Philosophen und empfahl das "mittelmeerische Denken". Im Gegensatz zu den Meisterdenkern wie Hegel oder Sartre, die zur Selbstüberschätzung, zum Totalitarismus und zur Radikalität neigten – so Camus - lebten die "mittelmeerische Denker" einfach, naturnah, maßvoll und dem Glauben an das Leben verpflichtet. "Wir suchen weder Belehrung noch die bittere Weisheit der Größe. Sonne, Küsse und erregende Düfte - alles Übrige kommt uns nichtssagend vor", schrieb Camus in dem Werk "Hochzeit in Tipasa".

Passagier 4 - Giorgio Agamben

Als vierten und letzten Passagier der imaginären Kreuzfahrt präsentiert Siegmund den italienischen Philosophen Giorgio Agamben. Sein Denken kreist um "das nackte Leben des Menschen", der seiner politischen Rechte beraubt wurde. Von Aristoteles übernimmt Agamben die Unterscheidung von "zoé" (das organische, natürliche Leben) und "bios" (das politische Leben/das Mitspracherecht der Bürger). Agamben geht aber weiter und behauptet, dass der natürliche Körper schon seit der Antike Teil des "bios" gewesen sei. Als Beispiel, führt Agamben das Recht des Vaters an, den Sohn zu töten. Und aus dem Recht zu töten, das allen Herrschaftsformen inhärent ist, leitet sich dann jede souveräne Macht ab. Dabei spielt der ideologische Hintergrund keine Rolle; der Souverän, der Herrscher, entscheidet über das "nackte" Leben der Menschen.

Auch in den westlichen Demokratien finden sich zahlreiche Menschen, deren "nacktes Leben" von staatlichen Behörden bestimmt wird. Beispiele dafür sind die Lagerinsassen der Guantanamo Bay oder Flüchtlinge und Asylanten, die sich in Lagern aufhalten müssen. Hier sieht Siegmund einen entscheidenden Anknüpfungspunkt für seine heftige Kritik an der Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal von Migranten und Flüchtlingen, die in mit Stacheldraht abgeschirmten Auffanglagern dahinvegetieren. "Es wird gefoltert, vertrieben und dank unserer Gleichgültigkeit unter Wasser getaucht und das im Namen der Demokratie", schreibt Siegmund.

Aufgaben einer kommenden Philosophie

Als probates Gegenmittel rät Siegmund, sich auf das Denken seiner Schiffsgäste einzulassen. Philosophie sollte sich nicht als eine auf das Subjekt zentrierte Tätigkeit verstehen, sondern als eine empathisches "Sorge um die Anderen"; speziell um jene Anderen, die - jeglicher Menschenrechte beraubt - völlig aus dem "normalen" Leben exkludiert wurden. "Es wäre die erste Aufgabe der kommenden Philosophie", konstatiert Siegmund, "über diese Entrechteten zu schreiben" und sich auch aktiv für sie einzusetzen.

Nikolaus Halmer, Ö1-Wissenschaft

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