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Waldlichtung

Seit 300 Jahren "nachhaltig"

Im Angesicht einer barocken Energiekrise formulierte ein sächsischer Beamter 1713 eine Anleitung zu nachhaltiger Forstwirtschaft. Heute ist das Prinzip der Nachhaltigkeit als "sustainable development" in aller Munde, droht aber zum Lippenbekenntnis zu werden.

Sozialökologie 30.12.2013

Der Raubbau an den Wäldern des Erzgebirges war zur Jahrhundertwende vom 17. zum 18. Jahrhundert so weit vorangeschritten, dass der für die Bevölkerung notwendige Holznachschub auszubleiben drohte: Holz, das benötigt wurde, um die Schmelzhütten zu befeuern, um Erz und Silber aus den Minen zu befördern. Die Existenz eines der damals wichtigsten europäischen Montanreviere war in Gefahr.

Gleichzeitig wuchsen die Städte und die Bevölkerungszahlen stiegen: Eine "Holznot" zeichnete sich ab. Als Antwort auf diese barocke Energiekrise veröffentlichte der adelige Oberberghauptmann Hans Carl von Carlowitz sein Werk "Sylvicultura Oeconomica - Naturmäßige Anweisung zur Wilden Baum-Zucht". Darin formulierte er Prinzipien einer nachhaltigen Forstwirtschaft und gilt seitdem als Pionier darin, wirtschaftliche Interessen und die respektvolle Nutzung von Ressourcen zusammenzuführen: "Wird derhalben die größte Kunst/Wissenschaft/Fleiß und Einrichtung hiesiger Lande darinnen beruhen / wie eine sothane Conservation und Anbau des Holtzes anzustellen / daß es eine continuierliche beständige und nachhaltende Nutzung gebe / weiln es eine unentberliche Sache ist / ohne welche das Land in seinem Esse nicht bleiben mag."

"Nachhaltende Forstwirtschaft"

Ö1 Sendungshinweis:

Dem Thema widmen sich auch die Dimensionen am 30.12., 19:05 Uhr: 300 Jahre Nachhaltigkeit - Vom barocken Konzept zum "sustainable development".

Das Wort "nachhaltend" verwendet Carlowitz in seiner Abhandlung nur ein einziges Mal. "Doch das Spannende an dem Buch ist, dass es vor 300 Jahren entstanden ist, er dort aber sehr genau beschreibt, wie Nachhaltigkeit zu funktionieren hat", erläutert Ulrike Gelbmann vom Institut für Systemwissenschaften, Innovations- & Nachhaltigkeitsforschung der Universität Graz.

Als Adeliger seiner Zeit hatte Carlowitz nach seinem Studium eine ausgedehnte Reise durch Europa gemacht. Auch in anderen Ländern bemerkte er, dass "mehr Holz abgetrieben worden war", als letztlich nachwachsen konnte. Er kam zu dem Schluss, dass der verschwenderische Umgang mit dem Rohstoff Holz schließlich der gesamten Wirtschaft und damit der Bevölkerung schaden würde.

Carlowitz spitzte seine Überlegungen vor 300 Jahren nicht auf eine Entweder-Oder-Frage zu, nicht auf Ökologie oder Ökonomie. Seine Ideen verbinden Umwelt und Gesellschaft, denn der Mensch solle niemals "wider die Natur handeln", er muss mit ihr agieren.

Die Grenzen des Wachstums

Aus der "nachhaltenden Nutzung" der Wälder, die Carlowitz 1713 beschrieben hatte, wurde in den nächsten Jahrhunderten der mittlerweile vielgebrauchte Begriff der "Nachhaltigkeit". Der Club of Rome thematisierte das Konzept der Nachhaltigkeit in seinem berühmten Zukunftsbericht über "Die Grenzen des Wachstums" in den 1970er Jahren. Und spätestens mit dem "Erdgipfel" der Vereinten Nationen 1992 in Rio de Janeiro, wo die Absicht formuliert wurde, von nun an mit Rücksicht auf die nächsten Generationen zu wirtschaften, war die Nachhaltigkeit in aller Munde.

Heute droht das Konzept, das ökologisches Gleichgewicht, ökonomische Sicherheit und soziale Gerechtigkeit zusammenführen möchte, zur Worthülse zu verkommen. "Viele verwenden den Begriff der Nachhaltigkeit vollkommen unkritisch", kommentiert Marina Fischer Kowalski, Soziologin am Institut für Soziale Ökologie in Wien, einem Teil der Fakultät für Interdisziplinäre Forschung und Fortbildung der Universität Klagenfurt. "Und das hat auch Vorteile, denn der Begriff polarisiert nicht. Deswegen verbindet er auch viele verschiedene Akteure und Interessensgruppen."

Buchtipp:

"Sylvicultura oeconomica oder Haußwirthliche Nachricht und Naturmäßige Anweisung zur Wilden Baum-Zucht" von Hans Carl von Carlowitz wurde 2013, herausgegeben von Joachim Hamberger, im oekom verlag neu aufgelegt.

Vom barocken Konzept zum "sustainable development"

Heute bestimmt das Konzept des "sustainable development", der "nachhaltigen Entwicklung", die politischen Diskussionen rund um soziale Gerechtigkeit und schonenden Umgang mit Ressourcen und Energie. Es wurdemit dem sogenannten Brundtland-Bericht der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung der Vereinten Nationen 1987 weltweit etabliert.

Diese Idee der nachhaltigen Entwicklung fordert intragenerationale Nachhaltigkeit, also das Prinzip einer globalen sozialen Gerechtigkeit, und intergenerationale Nachhaltigkeit, also die Nichterschöpfung der Ressourcen mit Rücksicht auf zukünftige Generationen.

Bisher konnten diese Ziele nur mangelhaft umgesetzt werden. Dieses Problem zeigte sich zuletzt bei der UNO-Klimakonferenz in Warschau in all seiner Deutlichkeit: Es gelingt den Schwellen- und Industrieländern nicht, sich auf gemeinsam Klimaschutzziele zu einigen, wenn diese auf Kosten des Wirtschaftswachstums gehen.

Mehr als Wirtschaftswachstum

Die "nachhaltige Entwicklung" wird heute oft allein auf das Wirtschaftswachstum reduziert. Die Sozialökologin Marina Fischer-Kowalski war an einer Studie des internationalen Ressourcenpanels der UNEP, des Umweltprogramms der Vereinten Nationen, beteiligt. Der Fokus lag nicht darauf, vorhandene Umweltschäden zu identifizieren, sondern den Zusammenhang von Rohstoffnutzung mit ökonomischer und sozialer Wohlfahrt zu untersuchen.

Das Ergebnis: Die Menschen verbrauchen heute achtmal so viel Energie und Material wie zur Jahrhundertwende, aber verfügen über 23-mal so viel Geld. "Das war eine wichtige Erkenntnis", erläutert Marina Fischer-Kowalski, "denn das zeigt, dass der Ressourcen- und Energieverbrauch nicht im gleichen Ausmaß wachsen müssen wie die Wirtschaft." Dank neuer Technologien können Rohstoffe effizienter genutzt werden und die Wirtschaft kann dennoch weiter wachsen.

Weniger Rohstoffe für Europa und Nordamerika

Wollen jedoch aufstrebende Industrienationen wie China und Indien oder Entwicklungsländer zum Rohstoffverbrauch der reichen, westlichen Länder aufschließen, ist eine Rohstoffkrise vorprogrammiert. Sie wollen den Entwicklungspfad der reichen, westlichen Länder verfolgen.Dieses nachholende Wachstum, gemeinsam mit der gegenwärtigen Ausbeutung, würde in den nächsten 40 Jahren zu einer Verzehnfachung des aktuellen Rohstoffverbrauchs führen.

Doch anders als die Länder Europas oder Nordamerikas müssen die Entwicklungsländer wachsen. "US-Amerikaner verbrauchen 20 Tonnen an Rohstoffen jährlich pro Kopf, in vielen afrikanischen Ländern liegt der Pro-Kopf-Verbrauch nur bei drei Tonnen, in Indien bei etwa viereinhalb Tonnen", schildert Fischer-Kowalski.

Nach Ansicht der Sozialökologin ist die einzige Möglichkeit für weltweite soziale Gerechtigkeit, den Rohstoffkonsum in reichen Ländern wie Österreich zu reduzieren: "Wenn wir den Ressourcenverbrauch langsam reduzieren, jedes Jahr um ca. ein Prozent, dann verbrauchen wir in 50 Jahren um 40 Prozent weniger als heute."

Marlene Nowotny, Ö1 Wissenschaft

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