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Gemeinsames Mittagessen, Kollegen

Anzahl der besten Freunde ist konstant

Justin Bieber und Lady Gaga haben im Internet Millionen von "Freunden". Auch ganz normale Menschen haben auf Facebook oder dem Handy viel längere Kontaktlisten als vor der digitalen Ära. Die Anzahl enger Beziehungen ändert das aber nicht, sagt eine neue Studie. Das Prinzip heißt: Kommt ein neuer "bester Freund", muss ein alter gehen.

Kommunikation 07.01.2014

"Obwohl soziale Kommunikation heute leichter ist als je zuvor, scheint unsere Fähigkeit, emotional enge Beziehungen aufrechtzuerhalten, begrenzt zu sein", sagt Felix Reed-Tsochas, einer der Autoren und Netzwerkforscher an der Universität Oxford.

Um diese aus dem Alltag bekannte Einsicht empirisch zu untersuchen, hat sich eine Gruppe um den finnischen Computerwissenschaftler Jari Saramäki ein ausgeklügeltes Versuchssetting einfallen lassen.

Die Studie:

"Persistence of social signatures in human communication" von Jari Saramäki und Kollegen ist am 7. 1. 2014 in den "Proceedings" der US-Nationalen Akademie der Wissenschaften erschienen.

Ö1 Sendungshinweis:

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell: 7.1., 13:55 Uhr.

Rangliste der Sozialkontakte erstellt

Zuerst befragten sie 24 junge Damen und Herren aus einer "größeren britischen Stadt" nach ihren subjektiv wichtigsten Verwandten, Freunden und Freundinnen und ermittelten daraus eine Art Rangliste. Dann schenkten sie den zu Beginn der Studie rund 17-Jährigen jeweils ein Handy samt freien Gesprächsminuten sowie SMS und untersuchten dann ihr Kommunikationsverhalten.

Es zeigte sich, dass Selbsteinschätzung und tatsächliche Kommunikation gut zueinander passten: je mehr Handygespräche, desto tiefer ist die emotionale Beziehung; je mehr Abstand zwischen den Anrufen, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit eines Treffens von Angesicht zu Angesicht.

Freundschaftsprinzip: "Einer rein, einer aus"

Zwei Dinge fielen den Forschern bei der Analyse besonders auf: Zum einen ließ sich aus dem Kommunikationsverhalten ein persönliches "Sozialprofil" für jeden der Probanden ableiten. Zum anderen war die Anzahl der Kontakte zwar unterschiedlich - insgesamt ihre Verteilung aber bei allen sehr ähnlich. Mit einigen wenigen Verwandten, Freunden und Freundinnen hatten sie sehr viel Kontakt, mit den allermeisten nur sehr wenig.

Die individuellen Sozialprofile verfolgten die Forscher dann über den Lauf von eineinhalb Jahren. Da die Probanden zu Beginn noch in die Schule gingen und nach rund vier Monaten die Matura machten, veränderten sich auch ihre Kontakte. Die meisten von ihnen begannen zu studieren, einige zu arbeiten. Somit lernten sie neue Freunde und Freundinnen kennen, was sich auch auf ihre Gesprächen und Textnachrichten am Handy niederschlug.

Aber: Das individuelle Kommunikationsverhalten änderte sich dennoch nicht. D.h., wenn ein Studienteilnehmer etwa fünf enge Kontakte hatte, dann gleichgültig ob noch in der Schule oder bereits an der Universität oder auf dem Arbeitsplatz. Das lässt laut Forschern nur einen Schluss zu: Wenn es einen neuen "besten Freund" gibt, muss ein alter "bester Freund" Platz machen. Das "einer rein, einer aus"-Prinzip sorgt für die Stabilität des persönlichen Sozialprofils.

Zu wenig Zeit, zu viel Aufwand für mehr Kontakte

Warum das so ist, hat mit sehr grundsätzlichen Dingen zu tun. "Es liegt an einer Kombination aus der beschränkten Zeit, die man für Kommunikation hat, und dem großen kognitiven und emotionalen Aufwand, den es braucht, um eine enge Beziehung zu führen", sagt der britische Evolutionspsychologe und Studien-Seniorautor Robin Dunbar in einer Aussendung. "Die persönlichen Kommunikationsmuster scheinen so stark vorbestimmt zu sein, dass nicht einmal die neuen, so wirkungsvollen digitalen Medien - in diesem Fall Handys - etwas ändern können."

Ältere Studien zeigen, dass dies nicht nur für Mobiltelefone, sondern auch für Kommunikation im Internet gilt. Laut einer Untersuchung von 2009 richtet sich der allergrößte Teil der Kommunikation auf Facebook an eine geringe Anzahl persönlicher "Freunde", obwohl man damals mit durchschnittlich 120 Personen "befreundet" war (heute sind es rund 300). Zwei Jahre später schloss Dunbar aus einer Studie, dass das Kommunikationsverhalten in sozialen Netzwerken nichts am Sozialverhalten im wirklichen Leben ändert.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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