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Aufgeschlagenes Buch

Literatur: Düsternis in Krisenzeiten

Wirtschaftskrisen erzeugen in der Literatur ein Echo des Elends, berichten britische Forscher: Ist die ökonomische Großwetterlage schlecht, verdüstert sich auch die Stimmung im Text.

Stimmungszyklen 09.01.2014

Auch das Elend will vermessen sein. In den 60er Jahren führte der amerikanische Ökonom Arthur Okun, ein Berater von Präsident Lyndon Johnson, eine neue Maßzahl ein. Der "misery index" addiert die Inflations- und Arbeitslosenrate - und zeigt damit an, was jede Regierung zu vermeiden trachtet: nämlich Kosten durch Geldentwertung und Unzufriedenheit durch fehlende Jobs. Wirtschaftswissenschaftler verwenden diesen Elendsindex eher selten, unter anderem deswegen, weil die simple Addierung der beiden Größen nahelegt, dass sie gleichwertig wären.

Das ist laut Untersuchungen nicht der Fall. Seelisch schmerzt die Arbeitslosigkeit eindeutig mehr. Ein Umstand, der den Harvard-Ökonomen Robert J. Barro dazu bewogen hat, diese im "misery index" doppelt zu verbuchen. Faktum ist: Geht's der Wirtschaft schlecht, geht's zumindest den Armen schlecht - und das spiegelt der Index ganz gut wider.

Ein Jahrzehnt Verzögerung

Die Studie

"Books average previous decade of economic misery", Plos ONE (8.3.2013; doi:10.1371/journal.pone.0083147).

Auch die Literaturwissenschaft kennt einen "misery index". Dieser misst allerdings nicht die Zahl arbeitsloser Autoren oder inflationär gebrauchter Phrasen, wie man vermuten könnte, sondern die Stimmung im Text. Und zwar anhand von Kennwörtern aus sechs Kategorien (als da wären: Ärger, Angst, Abscheu, Trauer sowie Freude und Überraschung). Britische Forscher haben nun mehr als fünf Millionen digitalisierte Bücher nach entsprechenden Hinweisen durchforstet und einen Zusammenhang entdeckt: Die ökonomische und die literarische Elendskurve verlaufen auffällig parallel.

Stottert der Wirtschaftsmotor, schlägt sich das offenbar auch in den Gedanken der Buchautoren nieder. Wie Alexander Bentley von der University of Bristol im Fachblatt "Plos ONE" schreibt, finden etwa der Erste Weltkrieg, die Große Depression 1935 sowie die Energiekrise 1975 ihren literarischen Widerhall, allerdings zeitversetzt. Bis die wirtschaftliche Krisenstimmung in die Texte einsickert, dauert es im Schnitt zehn bis elf Jahre.

Laut Bentley könnte die Verzögerung etwas damit zu tun haben, dass vor allem in der Kindheit sowie im Jugendalter besonders lebendige Erinnerungen entstehen. "Wir haben in der Literatur der 1980er eine dramatische Zunahme des literarischen Elends festgestellt - in jener Literatur also, die nach der 'Stagflation' der 1970er entstand", sagt Bentley. "Die Autoren, die diese Zeit als Kinder miterlebt haben, begannen in den 1980ern zu schreiben." Laut Studie lässt sich dieser Zusammenhang auch in deutschsprachigen Büchern nachweisen.

Spiegel der Gesellschaft?

Dazu würden auch Untersuchungen aus dem medizinischen Bereich passen. Arbeitslose haben Studien zufolge ein geringeres Selbstbewusstsein und leiden häufiger unter Depressionen und Angstzuständen. Freilich könnte es sich bei dem Zusammenhang auch um eine zufällige Korrelation handeln. Bentleys Studie ist nicht die erste, die diese Frage aufwirft (und nicht zwingend beantworten kann).

Erst letztes Jahr stellten Forscher fest, dass die Wortwahl der englischen Literatur in den letzten 50 Jahren zusehends egozentrischer geworden ist. Das Ich hat Konjunktur, die Gemeinschaft findet sich immer seltener im Vokabular. Ein Spiegel der Individualisierung unserer Gesellschaft? Nur dann, sofern dem Ganzen Kausalität zugrunde liegt.

Robert Czepel, science.ORF.at

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