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Eine britische Soldaten quert Massengräber eines Friedhofs in Belgien, in dem Tote des Ersten Weltkriegs liegen

Geschichte und Sinn von Gedenkjahren

Das Gedenkjahr 2014, das an den Ausbruch des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren erinnert, hat noch kaum begonnen. Und doch macht sich dank des früh eingesetzten Medientaumels schon jetzt eine gewisse Müdigkeit breit. Anlass für die Historikerin Heidemarie Uhl, über Geschichte und Sinn von Gedenkjahren nachzudenken.

Erster Weltkrieg 17.01.2014

Erinnerungsort 1914: Zwischen national und europäisch

Von Heidemarie Uhl

Die Aufmerksamkeit für Geschichte wird zunehmend von der runden Zahl diktiert. Auch "1914" hat sich erwartungsgemäß als Motor für die Gedächtnisproduktion erwiesen. Das Gedenkjahr 2014 ist mit Ausstellungen, Veranstaltungen und Mediendokumentationen bereits langfristig durchchoreographiert, eine Vorhut hat das Thema Erster Weltkrieg bereits 2013 besetzt - aus der wohl zutreffenden Überlegung, dass die öffentliche Aufmerksamkeit rasch Ermüdungserscheinungen zeigen wird.

Heidemarie Uhl

ÖAW

Heidemarie Uhl ist Historikerin am Institut für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW).

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Das Schnurren der Diskursmaschinen zu runden Jahrestagen mag routiniert erscheinen - "Gedenkjahr" ist allerdings ein Format, das sich erst in den 1980er Jahren etabliert hat. Während traditionelle Geschichtsjubiläen auf eine positive Identitätsstiftung abzielen, signalisiert der Begriff Gedenkjahr eine kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte.

"Gedenkjahre" seit 1988

Erstmals relevant wurde diese Bezeichnung 1988 anlässlich der 50. Wiederkehr des "Anschlusses" an das nationalsozialistische Deutsche Reich im März 1938. Das "Gedenkjahr 1938/88" wurde zur Antithese von 1986, dem Jahr der Waldheim-Debatte. Die Diskussion über die Kriegsvergangenheit von Kurt Waldheim hatte die seit 1945 vertretene Staatsdoktrin von Österreich als "erstem Opfer" des Nationalsozialismus zum Einsturz gebracht.

1988 eröffnete den Rahmen für einen Klärungsprozess über den Ort der Jahre 1938 bis 1945 in der österreichischen Geschichte, aus den Diskussionen über die NS-Vergangenheit kristallisierte sich der neue Konsens über die Mitverantwortung der österreichischen Gesellschaft an den Verbrechen des Nationalsozialismus heraus.

Die heiße Phase im Kampf um das österreichische Gedächtnis war damit abgeschlossen, das Format "Gedenkjahr" erwies sich aber als zukunftsträchtig. 2005 wurde von der ÖVP-FPÖ-Koalition zum "Ge- und Bedenkjahr" ausgerufen, die historischen Bezugsdaten Kriegsende 1945, Staatsvertrag 1955 und EU-Beitritt 1995 wurden jedoch zum Aufhänger für eine affirmative Erfolgsgeschichte der Zweiten Republik. Die nach wie vor kontroversielle Frage, ob 1945 als "Befreiung" oder als "Besetzung" zu sehen ist, blieb dabei weitgehend ausgeklammert.

2014 ist anders - eine Erfolgsgeschichte

2014 unterscheidet sich in mehrfacher Hinsicht von den bisherigen Gedenkjahren: Der Erste Weltkrieg ist nicht nur ein nationales, sondern darüber hinaus auch ein gesamteuropäisches Bezugsereignis. Die Überwindung der Gegensätze zwischen den ehemaligen Feindmächten zählt zu den Erfolgsgeschichten des europäischen Friedens- und Integrationsprozesses nach 1945.

Die gemeinsame Gedenkfeier des deutschen Bundeskanzlers Helmut Kohl und des französischen Staatspräsidenten Francois Mitterrand für die Gefallenen beider Nationen in Verdun im September 1984 war symbolischer Ausdruck dieses Versöhnungsprozesses.

Ein weiterer Unterschied: Der Erste Weltkrieg ist - im Unterschied zu NS-Herrschaft, Zweitem Weltkrieg und der Nachkriegszeit - ein nur noch kulturell vermittelbares Ereignis. Der lebendige Zugang zur Vergangenheit, der aus der oft mit Konflikten verbundenen Kommunikation zwischen der Erfahrungsgeneration der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen und den Nachgeborenen entsteht, ist nicht mehr vorhanden.

Auch die ideologischen Auseinandersetzungen um den Ersten Weltkrieg sind in Vergessenheit geraten. 1968, anlässlich des 50. Jahrestages des Kriegsendes, hatte es in Österreich noch heftige Debatten zwischen den politischen Lagern gegeben. Die Frage, ob 1918 das beklagenswerte Ende der "ruhmreichen" Habsburgermonarchie oder den Beginn des republikanisch-demokratischen Österreich markiert, bestimmte die Diskussion.

Neue Fragen an die Geschichte

Der Erste Weltkrieg ist ein Beispiel dafür, dass ein umkämpfter Gedächtnisort an Streitwert verlieren kann. Aber: Mit dem Verblassen des Konfliktpotenzials schwindet auch die Präsenz im kollektiven Gedächtnis. Was im Geschichtsbewusstsein einer Gesellschaft nicht mehr als kollektiv geteiltes Wissen über die Vergangenheit verankert ist, muss bei Gedenkanlässen immer wieder neu in Erinnerung gerufen werden.

Insofern sind die neuen Fragen an die Geschichte des Ersten Weltkriegs der aufschlussreichste Aspekt des Gedenkjahres: Welche Bezüge zur Gegenwart werden hergestellt, welche Aspekte der "Ur-Katastrophe" des 20. Jahrhunderts erscheinen relevant für ein heutiges Geschichtsinteresse? Und nicht zuletzt: Welche Themen, die in den letzten Jahrzehnten den Blick auf 1914 bestimmt haben, haben ihre Brisanz verloren?

Kontinuität und Differenz

Ein erster Befund lässt sich aus der Flut von Medienberichten zum Ersten Weltkrieg um die Jahreswende 2013/14 ableiten. Dabei wird in jenen Denkfiguren argumentiert, die generell der Aktualisierung von Gedächtnis zugrunde liegen: Kontinuität und Differenz. Einerseits wird nach Analogien zu heutigen Problemfeldern gesucht - etwa Zerfallsszenarien der Europäischen Union durch das Ansteigen nationalistischer und antieuropäischer Tendenzen in einigen Mitgliedsländern.

Andererseits werden irritierende Differenzen zu gegenwärtigen Wertvorstellungen aufgezeigt wie die heute kaum nachvollziehbare Kriegsbegeisterung, die anfänglich selbst Ikonen des modernen Denkens wie Sigmund Freud erfasst hatte. Die wohl brisantesten neuen Fragen an die Geschichte des Ersten Weltkriegs richten sich auf die Barbarisierung des Krieges und die damit verbundenen Verbrechen gegen die Menschlichkeit - daran war auch die habsburgische Armee beteiligt.

Doch noch Konflikte

Und hier erweist sich das Gedenkjahr dann doch als Konfliktgenerator: Wie soll heute mit der bisher kaum hinterfragten heroisierenden Erinnerungskultur für den Ersten Weltkrieg umgegangen werden, die als Erbe der Geschichtspolitik der Ständestaat-Diktatur nach wie vor präsent ist?

Das Österreichische Heldendenkmal im Äußeren Burgtor, der einzige staatliche Erinnerungsort für den Ersten Weltkrieg, der nach 1945 auch den Gefallenen des Zweiten Weltkriegs gewidmet wurde, wurde 1934 als Ruhmeshalle für die habsburgischen Armee errichtet. Aus dem Jahr 1935 datiert die Straßenbenennung nach Conrad von Hötzendorf in Graz, die gerade anlässlich des Gedenkjahrs in Diskussion geraten ist.

In einer Petition wird die Umbenennung gefordert, mit dem Argument, dass Hötzendorf nicht nur einer der einflussreichsten Kriegsbefürworter war, sondern auch verantwortlich für Verbrechen gegen die Zivilbevölkerung in Galizien.

2014 europäisch begehen?

Bemerkenswerterweise hat "1914", eigentlich ein europäischer Gedächtnisort par excellence, keine gemeinsame EU-Gedächtnispolitik bewirkt. Die Gedenkjahraktivitäten sind vorwiegend auf nationaler Ebene angesiedelt. Frankreich ist mit einem Regierungspapier und der Vergabe von Fördermitteln vorgeprescht.

Auch Österreich hat sich zu einer offiziellen Positionsbestimmung entschlossen, auf Initiative des Bundesministeriums für europäische und internationale Angelegenheiten und unter Einbindung von weiteren Ressorts wurde ein Grundlagenpapier von österreichischen Historikerinnen und Historikern entwickelt.

Folgt man der These, dass Gedächtnis und Identität in EU-Europa gerade aus dem Spannungsfeld von national und europäisch entstehen, dann ist 2014 dennoch ein europäisches Gedenkjahr: Bezugspunkt der staatlichen Initiativen ist nicht nur die jeweils "eigene" Geschichte, sondern auch die Positionierung zu den Aktivitäten anderer EU-Mitgliedsländer. Aus dieser Logik entsteht auch im Gedenken an den Ersten Weltkrieg ein europäischer Kommunikationsraum jenseits des Nationalen.

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