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Häftlinge in Wöllersdorf, ca. 1934

"Verhaltung sicherheitsgefährlicher Personen"

Heute erinnert nur noch ein im Jahr 1974 errichtetes Mahnmal an das "Anhaltelager" im niederösterreichischen Wöllersdorf. Zwischen 1933 und 1938 wurden dort rund 12.000 politische Gegner des austrofaschistischen Regimes inhaftiert.

Austrofaschismus 16.01.2014

Darunter befanden sich Sozialisten, Kommunisten und vor allem Nationalsozialisten. Die Historikerin Pia Schölnberger hat sich in ihrer Dissertation mit dem Thema auseinandergesetzt und erhielt heuer dafür den Herbert-Steiner-Preis, der am 16. Jänner zum zehnten Mal vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands (DÖW) vergeben wurde.

"Zusatzstrafe" in Lager

Die Regierung Dollfuß erließ am 23. September 1933 eine Verordnung "betreffend die Verhaltung sicherheitsgefährlicher Personen zum Aufenthalte in einem bestimmten Orte oder Gebiete". Dadurch war es der Regierung möglich, Personen, die sich politisch auffällig verhielten, festzunehmen und in einem sogenannten Anhaltelager zu internieren.

"Wenn man sich genauer ansieht, wie diese Verordnung in die Praxis umgesetzt wurde, dann wird relativ schnell klar: Die Personen wurden weniger aufgrund dessen inhaftiert, weil sie politisch verdächtig waren. Es ging eher darum, jene Personen zu inhaftieren, die bereits ein politisch motiviertes Delikt begangen hatten und dafür verurteilt wurden", so die Historikerin Schölnberger.

Dadurch wollte man die Betroffenen noch länger als durch das Strafmaß vorgesehen festhalten und die politischen Spannungen im Land minimieren. Nach den Februarkämpfen und dem Juliputsch im Jahr 1934 erreichte die Zahl der Häftlinge im Anhaltelager Wöllersdorf ihren Höhepunkt und lag bei über 5.300 Personen.

Inhaftierung politischer Persönlichkeiten

Zu den bekannten sozialistischen Persönlichkeiten, die im Anhaltelager Wöllersdorf interniert waren, gehörten etwa der spätere Bundespräsident Adolf Schärf und auch der Schulreformer Otto Glöckel. Letzterer sei, so Schölnberger, ein besonders tragisches Opfer der austrofaschistischen Anhaltung gewesen.

"Otto Glöckel war schon sehr alt und wurde lediglich wegen seiner Funktion als demokratischer Mandatar im Zuge der Februarkämpfe festgenommen. Er verbrachte einige Wochen mit anderen Parteigenossen im Polizeigefangenenhaus an der Elisabethpromenade in Wien und wurde dann Mitte April 1934 in das Anhaltelager Wöllersdorf transportiert", sagte Schölnberger.

Im Gegensatz zu anderen Mandataren, die bereits einige Monate später entlassen wurden, behielt man Glöckel trotz seines schlechten Gesundheitszustandes bis Oktober 1934 in Anhaltehaft. Rund neun Monate später verstarb der ehemalige Stadtschulratspräsident - laut der Historikerin womöglich an den Folgen der Inhaftierung. Zudem war auch der spätere KP-Innenminister Franz Honner im Anhaltelager Wöllersdorf inhaftiert, der jedoch aus dem Lager entkommen und nach Russland fliehen konnte.

Kollektive Strafmaßnahmen

Im Gegensatz zu den nationalsozialistischen Konzentrationslagern stand systematische körperliche Gewalt gegenüber den Inhaftierten nicht auf der Tagesordnung. Falls jedoch die Häftlinge gegen die zu Beginn des Jahres 1934 erlassene Lagerordnung verstießen und beispielsweise in einen Hungerstreik traten oder politische Demonstrationen abhielten, so kam es durchaus vor, dass Kollektivstrafen für alle Insassen eines Lagerobjektes verhängt wurden. Diese bestanden meistens in einer Verlängerung der Anhaltedauer um ein paar Wochen.

Zwischen den Häftlingsgruppen und den Wachmannschaften habe es zudem öfters Auseinandersetzungen gegeben, betont die Expertin. "Dabei ging es nicht nur um die hierarchische Ordnung zwischen Häftling und Wachpersonal. Ein Teil der Wachmannschaft waren Angehörige der Heimwehr, wodurch es öfters zu ideologischen Konflikten mit den Häftlingen kam."

Der "Anschluss" und seine Folgen

Nach größeren Entlassungswellen, besonders ab dem Juliabkommen Österreichs mit dem Deutschen Reich 1936, wurden infolge der Generalamnestie im Februar 1938 die letzten in Wöllersdorf verbliebenen Häftlinge auf freien Fuß gesetzt. Das ehemalige Anhaltelager wurde nach dem "Anschluss" von den nationalsozialistischen Machthabern in Wöllersdorf-Trutzdorf umbenannt und fungierte kurzfristig als "Schutzhaftlager". Bei den neuen Lagerinsassen handelte es sich gemäß den von den Nationalsozialisten angelegten Listen um aus Niederösterreich stammende "Juden", "Marxisten" sowie "Angehörige der Vaterländischen Front".

Das "Schutzhaftlager" bestand jedoch nur kurze Zeit. "Es ging darum, Wöllersdorf als Mahnmal im nationalistischen, kommunikativen Gedächtnis zu etablieren", so Schölnberger. Das von Josef Bürckel ausgeschriebene „Erinnerungsmal“ sollte jedoch nicht gebaut werden, was, so die Historikerin, unter anderem wohl am Kriegsbeginn im Jahr 1939 lag. Stattdessen errichteten die Nationalsozialisten einen Luftpark für das von Hermann Göring initiierte Rüstungszentrum Niederdonau. Dieser wurde jedoch während des Zweiten Weltkriegs von den Alliierten zerstört.

Reka Tercza, Ö1-Wissenschaft

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