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Künstlerische Darstellung von Rosetta

Rosetta auf der Zielgeraden

Selten hat eine Raumsonde so lange gebraucht, um ihr Ziel zu erreichen, wie "Rosetta". Vor zehn Jahren begann die Reise des unbemannten europäischen Raumschiffs, einen Teil ihrer Reisezeit verbrachte die Sonde im Tiefschlaf. Nun ist das Ziel, der Komet Tschurjomow-Gerasimenko, endlich in Sichtweite. Am Montag soll Rosetta erwachen.

Raumfahrt 17.01.2014

Dann werden die ersten Instrumente eingeschaltet, die jahrelang geschont worden sind.

Der Geophysiker Günter Kargl vom Institut für Weltraumforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Graz ist mit seinem Team an diversen Experimenten an Bord von Rosetta beteiligt. Beobachtungen mit dem Very Large Telescope der Europäischen Südsternwarte in den chilenischen Anden haben in den letzten Wochen gezeigt, dass der Komet schon viel früher aktiv werden wird als geplant - nämlich schon in rund 650 Millionen Kilometern Entfernung von der Sonne statt 450 Millionen, wie ursprünglich berechnet.

"Wir sind ja ursprünglich mit einer so komplizierten Anflugbahn an den Kometen herangeflogen, um ihn zu einem Zeitpunkt zu erreichen, zu dem er noch nicht aktiv ist", so Kargl. "Nunmehr besteht die Gefahr, dass die Sonde anfängt zu taumeln, weil sie durch irregulare Gasströme der Kometenoberfäche abgelenkt werden kann."

Die Mission:

Hintergrund zum Projekt Rosetta, zum Lander Philae und zur Beteiligung Österreichs: http://www.esa.int/ger/ESA_in_your_country/Austria

Ö1 Sendungshinweis:

Dem Thema widmen sich auch Beiträge in Wissen aktuell: 17.1., 13:55 Uhr und in den Dimensionen: 3.2., 19:05 Uhr

Schon im März werden sich Gas- und Staubteilchen von der Oberfläche des Kometen lösen, fürchtet Paolo Ferri, der Leiter des Rosetta-Missionsbetriebs bei Europas Weltraumagentur ESA. "Es besteht die Möglichkeit, dass der Staub die Raumsonde beschädigt", so der Italiener. Hinzu kämen Ausbrüche auf der Kometenoberfläche in Form von Gestein, Eis und Wasserdampf. "Treten sie spontan auf, bleibt uns nicht viel Reaktionszeit."

Weckruf im Weltraum

Am Montag um 11 Uhr vormittags soll Rosetta erwachen. Dann wird sich zeigen, in welchem Zustand sie ist. Diese Ungewissheit hat historische Gründe - denn eigentlich sollte Rosetta gar nicht zu Tschurjomow-Gerasimenko fliegen. Doch ein Fehlstart einer Ariane 5 im Dezember 2002 hatte zu einem Startstop aller Raketen dieser Baureihe geführt. Unfreiwilliger Nebeneffekt: Wirtanen war weg. Wirtanen war der ursprüngliche Zielkomet von Rosetta. Die Gesetze der Himmelsmechanik ließen nur einen Start im Janur 2003 zu, um das bewegliche Ziel im All zu erreichen. Dieses Startfenster wurde durch das zeitweilige Aussetzen aller Flüge verfehlt.

Doch da es Kometen wie Sand am Meer gibt, wurde die ESA anderswo fündig. "Tschurjomow-Gerasimenko ist deutlich größer als Wirtanen", gibt Stephan Ulamec, der Projektleiter für den Rosetta-Lander namens Philae beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Köln zu bedenken. Der Lander wird also mit einer größeren Geschwindigkeit auf der Oberfläche auftreffen. "Deshalb mussten wir die Landebeine verstärken und das Landegestell versteifen, damit der Lander nicht abprallt oder sich überschlagen kann."

Umdenken bei der ESA

Eine Landung auf dem Kometen nämlich ist letztlich das Ziel der gesamten Mission. Doch zunächst einmal wurde der Start um genau um ein Jahr verschoben. Im Januar 2004 standen die Sterne günstig für ein Rendezvous mit dem Kometen Tschurjomow-Gerasimenko zehn Jahre später.

Kleiner Schönheitsfehler: In diesen zwölf Monaten blieb den Astronomen nicht genügend Zeit, sich mit den Besonderheiten dieses Kometen vertraut zu machen und damit eben auch mit dem Zeitpunkt seines Aktivwerdens. "Tschurjomow-Gerasimenko ist erst dann intensiv beobachtet worden, als er als Zielkomet ausgewählt worden war für die Mission", erinnert sich Günter Kargl. "Er war zwar schon bekannt, aber Detailbeobachtungen wurden erst angestellt, als klar war, dass wir ihn ansteuern würden." Dieses Umplanen der Mission erklärt die heutigen Unsicherheiten der Wissenschaftler, was das Aktivwerden des Kometen betrifft.

Bis zum August soll sich die Entfernung zwischen Rosetta und ihrem Ziel allmählich von 400 Millionen bis auf einen einzigen letzten Kilometer verringern. "Wir werden den Kometen so lange in einem Kilometer Distanz begleiten, wie wir sicher sind, dass dem Raumfahrzeug nichts passiert" erklärt Gerhard Schwehm, der Projektwissenschaftler für die Mission bei Europas Weltraumagentur ESA. Durch den Ausstoß jedoch werde sich früher oder später eine Staubschicht auf der Sonde bilden. "Sobald der Komet zu aktiv wird und eine Gefahr für die Messinstrumente darstellt, werden wir uns bis zu zehn Kilometer von ihm entfernen."

Premiere in der Raumfahrt

Der Komet ist selbst nicht massereich genug, um Rosetta in eine Umlaufbahn zu zwingen, wie Planeten es vermögen. Er misst nur rund vier Kilometer. Wie die meisten Asteroiden und Kometen ist er unregelmäßig geformt. Sein Kern dürfte die Form einer Kartoffel haben. Jedenfalls vermuten das die Wissenschaftler. Rosetta wird eine Kreisbahn um den Kometen beschreiben, so wie ein Raumschiff, das die Erde umkreist. "Die Sonde fliegt dann sozusagen mit dem Kometen mit bis zum sonnennächsten Punkt seiner Umlaufbahn", so Schwehm. "Die Relativgeschwindigkeiten zwischen dem Raumfahrzeug und dem Kometen wird letztlich bei 0 liegen, weil wir mit dem Kometen mitfliegen."

Noch nie hat sich eine Raumsonde einem Kometen auf eine derart kurze Distanz genähert. Die Bilder des Kometenschweifs wie auch seines Kerns dürften einzigartig sein und den Forschern genaueren Aufschluss über diese "schmutzigen Schneebälle" des Sonnensystems geben, die in sich noch immer die Urbauteile aus Zeiten der Entstehung des Sonnensystems vor 4,5 Milliarden Jahren konserviert haben dürften.

Guido Meyer, science.ORF.at

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