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Eine Frau hält eine Mappe mit der Flagge der Europäischen Union auf dem Umschlag

Forschung: "Kernbereich der Wirtschaftspolitik"

80 Milliarden Euro will die Europäische Union bis zum Jahr 2020 für Forschung ausgeben. Investitionen in Forschung seien mittlerweile zu einem Kernbereich der Wirtschaftspolitik geworden, betont die zuständige EU-Kommissarin Máire Geoghegan-Quinn. Auch Krisenstaaten sollten in diesem Bereich ihre Budgets nicht kürzen.

Interview 22.01.2014

Das neue Programm verspreche weniger Papierkram und ein einfaches Set an Regeln, erklärt die Forschungskommissarin im science.ORF.at-Interview. Sie plädiert für eine neue Geisteshaltung, die Scheitern als etwas Wertvolles wahrnimmt.

science.ORF.at: Bitte stellen Sie sich das Jahr 2020 vor - wie soll die europäische Forschungslandschaft aussehen?

Die EU-Forschungskommissarin Máire Geoghegan-Quinn

Europäische Kommission

Máire Geoghegan-Quinn ist in der Europäischen Kommission zuständig für Forschung und Innovation.

Links:

Ö1 Sendungshinweis:

Ein Interview mit der EU-Forschungskommissarin Maire Geoghegan-Quinn über Horizon 2020 ist in den Ö1 Journalen zu hören: 21.1., 18:00 Uhr.

Máire Geoghegan-Quinn: Ich hoffe, dass wir unsere führende Stellung in jenen Technologie- und Innovationsbereichen behalten haben, in denen wir heute schon an der Spitze stehen, und in anderen Bereichen aufholen können. Insbesondere hoffe ich, dass wir durch das Programm "Horizon 2020" mehr Unternehmen motivieren können, sich an Forschungsaktivitäten zu beteiligen und dadurch mehr Synergien zwischen Wirtschaft und Wissenschaft erreichen.

An den letzten Forschungsrahmenprogrammen der EU gab es viel Kritik, dass die Teilnahme für kleine und mittlere Unternehmen und Forschungseinrichtungen zu kompliziert und aufwändig sei. Wird sich das jetzt ändern?

Die Kritik war gut begründet, weshalb wir das mit "Horizon 2020" radikal geändert haben. Wir haben das Programm einfacher und kohärenter aufgebaut. Es gibt ein Set an Regeln, die für die Teilnahme am gesamten Programm gelten, weniger Papierkram, weniger Abschlussprüfungen. Das wird meiner Einschätzung nach kleinere Unternehmen und Institute veranlassen, am europäischen Forschungsprogramm teilzunehmen.

Gibt es im neuen Programm einen Inhalt, den Sie als "typisch europäisch" bezeichnen würden?

Wir haben erkannt, dass gesellschaftliche Herausforderungen nicht von einem einzelnen Staat, einem einzelnen Wissenschaftsbereich, einem einzelnen Politikbereich bewältigt werden können, und wir versuchen, über die Grenzen hinweg zusammenzuarbeiten. Das ist für mich das "typisch Europäische", dem wir mit den "Gesellschaftlichen Herausforderungen" auch eine eigene Säule von "Horizon 2020" gewidmet haben.

Kann die EU mit den anderen Weltmächten in der Forschung wie die USA und China bzw. Südostasien mithalten?

Ja, das können wir. Es liegt an unserer Geisteshaltung: Wir müssen Selbstvertrauen haben, gleichzeitig aber auch unseren Horizont erweitern. Forscher müssen noch mehr die Grenzen ihrer angestammten Gebiete überschreiten und kooperieren. Ich möchte sehen, dass beispielsweise Sozialwissenschaftler mit Technikern und Computerspezialisten zusammenarbeiten, um Lösungen für die gesellschaftlichen Herausforderungen zu finden. Wir stehen vor so komplexen Herausforderungen, dass ein Fach allein keine umfassenden Lösungen finden kann.

Sie meinen nicht, dass das einfach ein Spezifikum der europäischen Innovationskultur ist, dass Menschen ungern so viel Risiko eingehen wie in den USA oder Südostasien bzw. China?

Grafik des EU-Forschungsprogramms "Horizon 2020": Budget 2014-2020 nach Bereichen

Grafik: APA, Quelle: APA/EU

Es gibt etwas in der europäischen Mentalität, das ich nicht verstehe: Wenn man in Europa ein Unternehmen starten möchte und zu einer Bank oder einem privaten Kapitalgeber geht, wird man als erstes gefragt: Welche Garantien können Sie mir geben, dass Ihr Unternehmen ein Erfolg wird? Waren Sie schon einmal nicht erfolgreich? Und wenn man einen Misserfolg zugibt, kann man aufstehen und gehen. In den USA wird man als erstes gefragt: "Wie oft haben Sie schon Schiffbruch erlitten?" Dort glaubt man, dass jeder Misserfolg eine wertvolle Lektion ist, die die Chancen erhöht, dieses Mal erfolgreich zu sein. Diese Einstellung müssten wir auch in Europa erreichen - und da gibt es noch einiges zu tun.

Österreich gehört im Europavergleich zu den "Innovation Followern", nicht zur Spitzengruppe jener Länder, die eigenständig Innovationen entwickeln und damit international erfolgreich sind. Was könnte Österreich tun, um aufzuholen?

Österreich hat schon vieles in Bewegung gebracht, indem es die Forschungslandschaft grundlegend reformiert hat. Die Investitionen in diesen Bereich aufrechtzuerhalten bzw. zu steigern, wird für Österreich zentral sein. Außerdem sollte auch Österreich den Fokus darauf legen, Wissenschaft und Wirtschaft stärker miteinander in Kontakt zu bringen.

In den letzten Jahren waren wir Zeugen einer heftigen Finanz- und Wirtschaftskrise in Europa. Universitäten und staatlich finanzierte Forschung gehören zu jenen Bereichen, die direkt von Budgetkürzungen betroffen sind. Sehen Sie darin eine Gefahr für die "Innovationsunion"?

Natürlich kann das eine Gefahr sein. Ich versuche, alle Länder daran zu erinnern, dass sich Investitionen in Forschung und Entwicklung in der Zukunft auszahlen. In der EU ist es uns mitten in der Krise gelungen, für "Horizon 2020" 80 Milliarden Euro zu bekommen - eine Steigerung um 30 Prozent, obwohl das übrige Budget gekürzt wurde. Die Mitgliedsstaaten sollten in ihrem Bereich das gleiche machen.

Aber wenn man EU-Analysen liest wie beispielweise das "Innovation Union Scoreboard", sieht man, dass Krisenstaaten wie Griechenland und Portugal bereits deutlich zurückgefallen sind. Das Budget ist das eine, aber gibt es andere Maßnahmen, um diesen Staaten und den jungen, gut ausgebildeten Menschen eine Perspektive zu geben?

Es war erschütternd zu sehen, wie etwa in Spanien, wo das Budget für Forschung drastisch gekürzt wurde, junge, hoch qualifizierte Wissenschaftler reihenweise das Land in Richtung USA und Asien verlassen haben. Diese Expertise darf uns nicht verloren gehen. Die Mitgliedsstaaten müssen sich bei ihrer Budgeterstellung immer die Frage stellen: Welche Investitionen sind nachhaltig und bringen uns Wachstum und Jobs? Forschung und Entwicklung ist genau der Bereich, der diese Erwartungen erfüllen kann. Forschung und Innovation ist nicht mehr einfach irgendein Politikfeld, es ist ein Kernbereich der Wirtschaftspolitik der Europäischen Union, und die Mitgliedsstaaten sollten meiner Meinung nach dieser Vorgabe folgen.

Auch in Staaten, in von der Krise nicht so stark betroffen sind, verlassen noch immer junge, gut ausgebildete Menschen ihre Heimat, weil sie meinen, dass man sinnvolle Forschung nur in den USA oder Asien betreiben kann…

Wenn ich Forscher aus Europa in den USA treffe und sie frage, wo sie sich in 20 Jahren sehen, antworten fast alle: "Zu Hause:" Das meint nicht den einzelnen Mitgliedsstaat, sondern Europa. Und wenn ich Sie dann frage, was sie davon abhält, zurückzukommen, sagen sie mir: "Es gibt keinen klar definierten Karriereweg für mich. In den USA ist es klar, wie der Weg weitergeht." In Europa gibt es noch immer intransparente Jobvergaben an Universitäten und keine klaren Kriterien, wer wann eine Position bekommt. Hier brauchen wir dringend Reformen.

Interview: Elke Ziegler, science.ORF.at

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