Standort: science.ORF.at / Meldung: "Pestepidemien immer wieder neu entstanden"

Der Schädel eines ausgegrabenen Skeletts.

Pestepidemien immer wieder neu entstanden

Pestepidemien können selbst dann wieder auftreten, wenn der Erreger einer Seuchenwelle ausgestorben ist. Zu diesem Schluss kommen Forscher, die das Erbgut des Auslösers einer frühen Pandemie analysiert haben. Dieses sei unmittelbar nach der Krankheitswelle ausgestorben - trotzdem suchte die Pest Europa 800 Jahre später wieder heim.

Molekularbiologie 28.01.2014

"Offensichtlich gibt es in Nagetieren ein so breit gefächertes Reservoir an Pesterregern, dass das Aussterben des einen Bakteriums nicht bedeuten muss, dass die Krankheit generell besiegt ist", erklärt Hendrik Poinar von der McMaster-Universität in Hamilton (Kanada). Auch heute sterben jedes Jahr rund 2.000 Menschen an der Pest, die epidemische Ausbreitung konnte aber durch medikamentöse Behandlung und seuchenhygienische Maßnahmen verhindert werden.

DNA aus Zähnen

Ein Skelett eines Pestopfers

McMaster-University

Ein Skelett eines Pestopfers

Die Studie:

"Yersinia pestis and the Plague of Justinian 541-543 AD: a genomic Analysis" ist am 28. Jänner in "Lancet Infectious Diseases" erschienen.

Die Justinianische Pest hatte große Auswirkungen: Nicht nur fielen dieser im 6. Jahrhundert grassierenden Seuche geschätzte 30 bis 50 Millionen Menschen zum Opfer, sie war laut Forschung auch einer der Gründe für den Niedergang des Römischen Reiches. In den Jahren 541 bis 543 erreichte die Pandemie auch Bayern und forderte im nahe München gelegenen, heutigen Aschheim zahlreiche Opfer. Die Zähne von zwei dieser Opfer haben die Forscher um den DNA-Experten Hendrik Poinar nun analysiert.

Es gelang ihnen, aus dünnen Zahnscheiben das Erbgut der damaligen Variante von Yersinia pestis zu gewinnen und mit mehr als hundert bekannten Pesterregern zu vergleichen - darunter auch jener des Schwarzen Todes, der 800 Jahre später Europa heimsuchte und zwischen 1347 und 1351 50 Millionen Menschen allein auf diesem Kontinent dahinraffte.

Evolutionäre Sackgasse

Der Zahn eines Pestopfers

McMaster-University

Der Zahn eines Pestopfers

Es zeigte sich, dass der Auslöser der Justinianischen Pest eine "evolutionäre Sackgasse" war, wie es die Forscher formulieren. Er konnte bisher in keiner anderen bisher analysierten Epidemie und auch nicht in Nagetieren nachgewiesen werden. Außerdem konnten die Forscher seinen Ursprung klären: Dieser spezielle Pesterreger dürfte - wie auch jener des Schwarzen Todes - aus China stammen und nicht aus Afrika, wie bisher vermutet worden war.

Es könnte sein, dass der Pesterreger bereits mehrfach in der Menschheitsgeschichte vom Tier auf den Menschen übertragen worden sei, meinen die Forscher. Im Fall der Justinianischen Pest und des Schwarzen Todes konnten sie das durch ihre Studie belegen, hinsichtlich früherer Epidemien wie beispielsweise jener in Athen im Jahr 430 v.Chr. konnte noch kein DNA-Material des Auslösers gefunden werden, weshalb die These noch ein kleines Fragezeichen behalten muss.

Neue Pandemien verhindern

Als nächsten Schritt nehmen sich Hendrik Poinar und Kollegen vor zu klären, ob es Unterschiede im Erbgut zwischen dem Erreger der Justinianischen Pest und des Schwarzen Todes gibt und ob sie der Grund für die unterschiedliche Sterblichkeitsrate sein könnten. Dieses Wissen würde Analysen aktueller Erreger hinsichtlich ihrer Gefährlichkeit ermöglichen. Außerdem suchen die Forscher nach Erbmaterial von Menschen, die vor und nach der Justinianischen Pest gelebt haben, um feststellen zu können, ob Anpassungen in der DNA den Erreger zum Aussterben gebracht haben.

"Es gibt auch heute noch Nagetiere, die Varianten von Yersinia pestis beherbergen. Je mehr wir über vergangene Pandemien und ihre Auslöser wissen, desto eher sind wir imstande, neue Seuchenwellen zu verhindern", sagt Studienautor Poinar in einer Aussendung der McMaster-Universität. Antibiotika seien bei der Behandlung heutiger Krankheitsfälle unersetzbar - gleichzeitig sollte das Wissen um die immer wieder neu überspringenden Erreger davor warnen, die Wirkstoffe zu spezifisch auf nur eine Form des Bakteriums zuzuschneiden.

Elke Ziegler, science.ORF.at

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