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Eine Menge in Berlin lauscht 1934 einer Rede von Hitler

Wie die "Volksgemeinschaft" funktionierte

Nach der Machtergreifung Hitlers im Jahr 1933 bedeutete "Volksgemeinschaft" für viele den blanken Terror, für andere die Erfüllung eines langersehnten Traumes - die Idee dahinter wurde im "Dritten Reich" nicht nur propagiert, sondern zum Teil auch gelebt.

Nationalsozialismus 28.01.2014

Bis in die 1980er Jahre wurde jedoch das Konzept der Volksgemeinschaft kaum von der Forschung behandelt. Fachleute sahen darin nicht mehr als eine Propagandaformel. Heute wird dem Begriff eine größere Bedeutung zugemessen.

Der deutsche Historiker Norbert Frei von der Universität Jena ging am Montag bei einem Vortrag an der Universität Wien der Frage auf den Grund, wieso die Volksgemeinschaft unter den Nationalsozialisten so viele faszinieren konnte.

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Über das Thema berichtet auch "Wissen aktuell" am 28. Jänner 2014 um 13.55 Uhr.

Ein Kampfbegriff zur Ausgrenzung

Die Idee der Volksgemeinschaft war keine Erfindung der Nationalsozialisten. Bereits in der Weimarer Republik haben die politischen Lager, bis auf die Kommunistische Partei Deutschland, diesen Begriff verwendet. Doch erst den Nationalsozialisten gelang es, zumindest teilweise, das Konzept der Volksgemeinschaft tatsächlich umzusetzen. Damit wollten sie einen Gegenbegriff zu einer pluralen, demokratischen Gesellschaft etablieren.

"Insofern ist Volksgemeinschaft ein Kampfbegriff, der sich gegen jene richtet, die nicht als Teil der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft angesehen werden", sagt der deutsche Historiker Norbert Frei. Dazu gehörten unter anderem Juden, Homosexuelle und Personen, die eine andere Weltanschauung vertraten. Sie wurden ausgegrenzt und verfolgt.

War man jedoch Teil dieser Volksgemeinschaft, versprach das Konzept nicht nur den Weg aus der sozialen Isolation und die Überwindung von "Schwächen". Die Mitglieder konnten zudem auch von einer besseren Zukunft träumen.

Versuche, die Volksgemeinschaft zu stärken

Innerhalb der Volksgemeinschaft sollte statt der Abstammung und des Ranges die Leistung zählen. Das machte den Nationalsozialismus für viele attraktiv, da somit die Aufstiegschancen erleichtert wurden. Im Gegenzug sollte die Loyalität gegenüber dem Regime bekundet werden, beispielsweise mit dem "Heil Hitler"-Gruß oder bei öffentlichen Veranstaltungen.

Mit Aktionen, wie dem "Eintopfsonntag", wo die Bevölkerung günstig essen und das gesparte Geld spenden sollte, wollte man das Gefühl der Volksgemeinschaft stärken. "Es ging vor allem darum zu signalisieren 'Seht her, der Führer und die wichtigen Funktionäre sind alle Teile unserer Gesellschaft. Sie essen und verhalten sich so wie wir alle'", so der Experte Norbert Frei.

Um die vermeintliche Volksgemeinschaft weiter zu inszenieren und gleichzeitig den technischen Fortschritt des Nationalsozialismus zu belegen, wurden zudem Volksprodukte auf den Markt gebracht. Dazu gehört auch der "Volksempfänger", ein Radiogerät, das auch für den Durchschnittsbürger erschwinglich war. Ein weiteres Projekt war der Bau des Volkswagens. Doch entgegen propagandistischer Versprechen wurde davon kein einziger während der NS-Zeit verkauft.

Réka Tercza, Ö1 Wissenschaft

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