Standort: science.ORF.at / Meldung: "Die Widersprüche des Johann Gottlieb Fichte"

Porträt von Johann Gottlieb Fichte, gemalt von Heinrich Anton Dähling

Die Widersprüche des Johann Gottlieb Fichte

Aufklärer und Romantiker, frenetischer Anhänger der Französischen Revolution und Kathedralen-Baumeister des deutschen Idealismus; Polemiker, spekulativer Hitzkopf und Vordenker eines militanten Deutschnationalismus: Johann Gottlieb Fichte war eine widerspruchsvolle Persönlichkeit. Am 29. Jänner jährt sich sein Todestag zum 200. Mal.

Philosophie 29.01.2014

Fichte ist längst nicht so einflussreich wie andere Philosophen des 18. und 19. Jahrhunderts, wie Kant und Hegel beispielsweise. Aber seinen Platz in der Philosophiegeschichte hat er dennoch sicher. "Fichte war die schillerndste Figur des Deutschen Idealismus; ein Bündel von Widersprüchen - verletzend, doch auch aufrührerisch und aktionistisch", sagt der in Boston lehrende Philosoph Manfred Kühn. Vor zwei Jahren hat er eine monumentale Biografie des deutschen Idealisten vorgelegt.

Kühns Urteil über Fichtes philosophische Bedeutung fällt kritisch aus: "Als Systemphilosoph, würde ich sagen, ist er erledigt. Aber als Denker, der sich mit einzelnen Problemen auseinandergesetzt hat, ist Fichte auch heute noch lesenswert."

Links:

Das Buch:

Manfred Kühn: "Johann Gottfried Fichte - Ein deutscher Philosoph", C. H. Beck, 688 Seiten, EUR 30,80

Ö1 Sendungshinweis:

"Der rabiate Rebell, Philosoph der Freiheit und Vordenker der Postmoderne: Zum 200. Todestag von Johann Gottlieb Fichte" Eine Sendung von Günter Kaindlstorfer, Salzburger Nachtstudio, 29.1, 21 Uhr

Ärmliche Verhältnisse, Begegnung mit Kant

Johann Gottlieb Fichte ist in bitterarmen Verhältnissen aufgewachsen. 1762 als erstes von acht Kindern in eine Kleinhäuslerfamilie im sächsischen Dörfchen Rammenau geboren, erlebt Johann Gottlieb eine entbehrungsreiche Kindheit.

Manfred Kühn: "Der Vater war Bandmacher, also Heimarbeiter. Die Familie hatte Vieh, auch Feldbau wurde in bescheidenem Maßstab betrieben. Der kleine Junge hat von Anfang an im Haushalt mitarbeiten müssen. Das wird seinen Alltag von Anfang an bestimmt haben."

Ein adeliger Gönner ermöglicht Fichte eine gediegene Schulbildung, unter anderem besucht der junge Mann die berühmte "Schulpforta" in Naumburg. Die Begegnung mit Immanuel Kant, sowohl mit dessen Philosophie als auch mit dem Königsberger "Philosophengott" persönlich, wird zu dem Erlebnis in Fichtes Biographie. Fichte bekehrt sich zum Kantianer.

Anhänger der Französischen Revolution

Später allerdings wird er das Denken Kants, das die Ansprüche der spekulativen Metaphysik zu begrenzen versucht hat, in eine neue Art von spekulativer Metaphysik überführen - in die Philosophie des "Deutschen Idealismus".

Am Übergang von der Aufklärung zur Romantik stehend, ist Fichte auch ein enthusiastischer Anhänger der Französischen Revolution, wie Manfred Kühn ausführt.

"Man hat ihn oft als Jakobiner bezeichnet. Das ist vielleicht ein bisschen zu scharf. Aber: Er war sehr enthusiastisch gegenüber der Französischen Revolution. Eine Zeitlang wollte er sogar französischer Staatsbürger werden. Für Fichte war die Revolution - wie auch für Kant - das wichtigste Ereignis seit zweitausend Jahren."

"Das Ich setzt sich selbst"

1794, als Professor in Jena, begann der 32-jährige mit der Arbeit an seiner "Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre". Diese "Wissenschaftslehre", die Fichte in den folgenden Jahren mehrmals umgearbeitet hat, gilt bis heute als sein Hauptwerk, als großer, spekulativer Entwurf, der dem deutschen Idealisten auf ewige Zeiten seinen Platz in der Ruhmeshalle der Philosophiegeschichte sichern wird.

Im Zentrum dieser Wissenschaftslehre steht das "Ich" oder das, was Fichte als "Ich" bezeichnet. Der Philosoph postuliert mit dem ihm eigenen Selbstbewusstsein: "Das Ich setzt sich selbst, und es ist, vermöge dieses bloßen Setzens durch sich selbst; und umgekehrt: Das Ich ist, und es setzt sein Seyn, vermöge seines bloßen Seyns."

Fichtes Zeitgenossen kennen den Kleinhäusler-Sohn aus dem sächsischen Rammenau vor allem als "Philosophen des Ich". Ausgehend von diesem Ich - das in Fichtes Verständnis weit über unser individuelles Ich hinausgeht - entwickelt er ein transzendentalphilosophisches Gedankengebäude, das schon zu seinen Lebzeiten vehemente Kritik hervorgerufen hat, nicht zuletzt von Fichtes Idol Immanuel Kant persönlich.

Intuition statt Argumente?

Es ist eines der vielen Verdienste von Manfred Kühns Biografie, dass sie mit Fichte und dessen Denken alles andere als unkritisch ins Gericht geht. Denn der heutige Leser, fragt sich - während er den spekulativ-metaphysischen Höhenflügen Fichtes zu folgen versucht: Woher weiß dieser Mann das alles? Woher weiß Fichte mit solcher Sicherheit um die Stellung des Ich im Universum und andere hochmysteriöse Dinge?

Manfred Kühn: "Die Frage stellt man sich natürlich nicht erst seit heute, auch die Kantianer und anderen Philosophen seiner Zeit haben diese Frage gestellt: Woher weiß er das? Fichte hat meiner Überzeugung nach nie eine überzeugende Erklärung dafür gegeben. Letztlich beruht seine philosophische Einsicht nicht auf Argumenten, sondern auf Intuition."

Überzogene Rolle der Deutschen

Johann Gottlieb Fichte - zu diesem Namen fiel dem gebildeten Publikum des 19. und frühen 20. Jahrhunderts in der Regel ein einziger Titel ein: "Reden an die deutsche Nation". Mehrere Dutzend Auflagen erlebte diese "Bibel des Deutschnationalismus", die wilhelminischen Militaristen und letztlich auch den Nationalsozialisten das geistige Rüstzeug für ihre Eroberungskriegs-Visionen in die Hand gegeben hat.

Manfred Kühn hält die politische Stoßrichtung von Fichtes "Reden an die deutsche Nation" für verhängnisvoll. "Er weist der deutschen Sprache und der deutschen Kultur eine ganz besondere Rolle zu, eine derart, ich würde sagen, überzogene Rolle, dass es fast schon komisch wird. Aber leider haben gerade diese Stellen auf die Nationalisten des 19. und frühen 20. Jahrhunderts einen großen Einfluss gehabt."

Antisemitische Züge

Andererseits stößt man in Fichtes Texten nicht nur auf nationalistische, sondern auch auf eindeutig demokratische Züge. Das Bild des Philosophen ist ambivalent. Immer wieder wird auch behauptet, Fichte sei Antisemit gewesen. Zu welchem Urteil kommt Manfred Kühn?

"Er war kein Antisemit im Sinne des 20. Jahrhunderts", sagt der Philosoph. "Obwohl es da eine Stelle gibt, in der Fichte davon spricht, dass man den Juden alle Köpfe abschneiden sollte, aber das war metaphorisch gemeint. Fichte war niemand, der glaubte, dass man Juden vernichten sollte oder überhaupt nichts mit ihnen zu tun haben wollte. Er ist durchaus mit Juden ausgekommen. Er hatte diese Vorurteile, das kann man nicht verneinen, aber diese Vorurteile hatten im 18. Jahrhundert ein anderes Gewicht, als sie es heute haben."

Mag schon sein: So richtig sympathisch wird einem Fichte während der Lektüre von Manfred Kühns Biografie trotzdem nicht.

Günter Kaindlstorfer, Ö1 Wissenschaft/science.ORF.at

Mehr zu dem Thema: