Standort: science.ORF.at / Meldung: "Wie aus dem Balkankrieg ein Weltkrieg wurde"

1918: Soldaten im Ersten Weltkrieg

Wie aus dem Balkankrieg ein Weltkrieg wurde

Österreich-Ungarn erklärt Serbien den Krieg, wenige Wochen später steht die halbe Welt in Flammen. Wie konnte aus einem regionalen Konflikt ein Weltkrieg werden? Die enge Verflechtung der großen Mächte und ihre außereuropäischen Besitzungen führten zur Globalisierung des Konflikts.

1914/2014 04.02.2014

Die entscheidende Weichenstellung fiel am 4. August 1914, mit der Kriegserklärung Großbritanniens an das Deutsche Reich. Das britische Empire verfügte nämlich über bedeutende Besitzungen in Afrika, Asien und Ozeanien und war auch mit Japan verbündet.

In Deutschland war man sich der sich daraus ergebenden Weltkriegsgefahr schon seit Jahren bewusst. Mehrere führende Militärs warnten schon vor der Jahrhundertwende vor einem zukünftigen Weltkrieg, schreibt der Historiker Stig Förster in der "Enzyklopädie Erster Weltkrieg".

"Wir treiben dem Weltkrieg zu"

Eine düstere Vorahnung hatte etwa auch der damalige deutsche Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg. "Wir treiben dem Weltkrieg zu", sagte er am 6. Juni 1914 - drei Wochen vor den kriegsauslösenden Schüssen von Sarajevo. Dennoch glaubte Berlin in der Juli-Krise, den Konflikt auf den Balkan begrenzt halten zu können.

Folgenreicher Dominoeffekt

Aus dem geplanten "Dritten Balkankrieg" - nach den ersten beiden der Jahre 1912 und 1913 - wurde aber nichts. Die österreichische Kriegserklärung vom 28. Juli 1914 zog innerhalb einer Woche alle fünf großen europäischen Mächte in den Konflikt hinein. St. Petersburg sprang Belgrad bei, was das mit Wien verbündete Deutsche Reich zu Kriegserklärungen an Russland und dessen Verbündeten Frankreich nutzte. Das zunächst zögernde Großbritannien trat nach dem Überfall Deutschlands auf das neutrale Belgien in den Krieg ein.

Doch nicht einmal das hätte den Konflikt zwingend zu einem globalen machen müssen. Förster weist nämlich darauf hin, dass einander die europäischen Mächte bei der Berliner Afrikakonferenz (1884/85) versprochen hatten, ihre Kolonien aus einem etwaigen Krieg herauszuhalten.

Die Kolonien brennen

London beschloss aber schon am 5. August, auch alle deutschen Kolonien in Afrika, China und dem Pazifischen Raum anzugreifen. Eingesetzt wurden dabei indische, südafrikanische und ozeanische Truppen. "Damit und wegen des Kreuzerkrieges wurde der Krieg zu einem weltumspannenden Ereignis", so der Historiker.

Einen spezifischen Beitrag zur Globalisierung des Konflikts leisteten die Mittelmächte, indem sie im Herbst 1914 das Osmanische Reich auf ihre Seite zogen. Durch den Kriegseintritt Konstantinopels entstand ein Krisenherd, der die internationale Politik auch heute noch in Atem hält: Der Nahe Osten. Erstmals wurde um Städte wie Basra, Bagdad, Aleppo, Damaskus oder Gaza gekämpft, die heute als "Chiffren des Unfriedens", wie es das Hamburger Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" formuliert, weltbekannt sind.

Kampf gegen die Osmanen

Die arabischen Besitzungen des Osmanischen Reiches wurden zum Kriegsschauplatz, weil Konstantinopel einem Frontalangriff der Entente im Jahr 1915 widerstehen konnte. Die Schlacht auf der türkischen Halbinsel Gallipoli wurde zu einem Desaster für die Entente und kostete den damaligen britischen Marineminister Winston Churchill sein Amt.

Doch Gallipoli begründete auch Nationalmythen. Der aufopferungsvolle und verlustreiche Kampf des australischen und neuseeländischen Armeekorps ANZAC trug maßgeblich zur Emanzipation der beiden ozeanischen Kolonien vom britischen Mutterland bei.

Geheimabkommen von London und Paris

London verlegte sich in der Folge darauf, einen Araberaufstand gegen das Osmanische Reich anzustacheln. Das Versprechen eines unabhängigen arabischen Staates wurde aber nicht eingelöst. Vielmehr teilten sich London und Paris die Region schon 1916 in einem Geheimabkommen auf.

Die von den Diplomaten Mark Sykes und Francois Georges-Picot geschaffene Struktur "hat mehr oder weniger bis heute überdauert", schrieb der frühere deutsche Außenminister Joschka Fischer kürzlich in einem Beitrag zu den Folgen des Ersten Weltkriegs. Frankreich erhielt Syrien und den Libanon, Großbritannien den Irak, Jordanien und Palästina. Mit der Balfour-Deklaration vom November 1917 versprach London zudem den Juden eine eigene Heimstatt, was das Fundament für den israelisch-palästinensischen Konflikt legte.

USA wird zur Weltmacht

Schließlich brachte der Erste Weltkrieg auch eine neue Weltmacht hervor, die USA. Washington hatte die Entente zwar von Anfang an insgeheim unterstützt, trat aber erst im April 1917 offiziell in den Krieg ein. Der Anlass war die Entscheidung Berlins, den uneingeschränkten U-Boot-Krieg zu erklären.

Diese Maßnahme sollte die Nachschubwege Großbritanniens und Frankreichs abschneiden, traf aber insbesondere US-Handels- und Passagierschiffe. Die aggressive Maßnahme ermöglichte es US-Präsident Woodrow Wilson, die starken isolationistischen Strömungen in den USA zu überwinden und den Kongress für eine Kriegserklärung zu gewinnen.

Der Kriegseintritt der USA entschied nicht nur den Ersten Weltkrieg, sondern stellte auch die Weichen für eine neue, nicht mehr von den europäischen Mächten dominierte, Welt.

science.ORF.at/APA

Mehr zu diesem Thema: