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Ein Biathlet steht vor den fünf Olympischen Ringen

Vor 100 Jahren noch umstritten

Am Freitag beginnen die XXII. Olympischen Winterspiele im russischen Sotschi. Was - trotz Terrorwarnungen und politischer Diskussionen - heute selbstverständlich ist, war vor 100 Jahren noch umstritten. Bei der Wiederentdeckung der Olympischen Spiele in der Neuzeit spielte der Wintersport zunächst kaum eine Rolle.

Olympische Winterspiele 07.02.2014

Das lag zum einen am antiken Vorbild, das keinen Schnee kannte, zum anderen an der sportlichen Konkurrenz der "Nordischen Spiele", die um 1900 erfolgreich in Schweden veranstaltet wurden.

Nackte Tatsachen

Im Stadio dei Marmi, gleich vis-à-vis vom Olympiastadion in Rom, ist das schwierige Verhältnis von antikem Olympismus und Wintersport in Stein gehauen. Die Sportstätte wurde in den 20er Jahren unter Mussolini errichtet, ihren Namen bekam sie durch ihren Hauptbaustoff: den Marmor. Aus edlem weißem Carrara-Marmor sind nicht nur die acht Stufen für die Zuschauer, sondern auch die rund 60 Statuen, die das Oval schmücken.

Jede einzelne der Statuen ist über fünf Meter hoch und stellt eine - den antiken Vorbildern nachempfundene und dem faschistischen Italien gemäße - hypermaskuline Männergestalt dar. Es sind nackte Athleten; das einzige, das sie schmückt, sind ihre Sportgeräte. Was bei Diskuswerfern oder Kugelstoßern noch einigermaßen elegant aussieht und tatsächlich an das griechische Olympia erinnert, wird spätestens beim Skifahrer befremdlich.

Nudisten-Skifahren war vermutlich bereits im Faschismus ein Nischenphänomen, heute wirkt der nackte Athlet, der sich auf seine Skier stützt (zu sehen auf diesem oder jenem Bild), in jedem Fall lächerlich.

Im Inneren des Marmorstadions von Rom, eine Reihe von Statuen mit nackten Athleten ist zu sehen

EPA / picturedesk.com

Im Inneren des Marmorstadions von Rom

Coubertin war skeptisch

Die direkte Verknüpfung von zeitgenössischem Wintersport und antiker Tradition kann also ziemlich danebengehen, wie dieses Beispiel zeigt. Eine grundlegende Skepsis gegen diese Verbindung hegte auch Baron Pierre de Coubertin, der Begründer der Olympischen Spiele der Neuzeit, Zeit seines Lebens. Im griechischen Olympia wurde gelaufen, geritten und gerungen, aber nicht Eishockey gespielt oder skigesprungen - so seine Reserviertheit in Kurzform.

Ö1 Sendungshinweis:

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell am 7.2., 13:55 Uhr.

Wie die Forschung mittlerweile weiß, hat Coubertin über 1.000 schriftliche Werke hinterlassen, aber in nur drei davon nimmt er Bezug auf Winterspiele. "Es gibt keinerlei Sportarten in der Antike, die mit Wintersport vergleichbar sind", erklärt Ingomar Weiler, emeritierter Althistoriker von der Universität Graz.

"Coubertins Werte waren von der Antike bestimmt. Dazu kamen christliche, pazifistische und kosmopolitische Motive. Die Alpinistik und der Wintersport, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu blühen begannen, spielten bei ihm kaum eine Rolle."

Ein zäher Beginn

Dementsprechend zäh verlief der Beginn für die olympischen Schnee- und Eisathleten. (Hinzuzufügen ist: v.a. für die Athletinnen. Denn wie gegen den Wintersport zierte sich Coubertin auch generell bei der Teilnahme von Frauen an den Spielen.)

Zwölf Jahre nach den ersten Spielen der Neuzeit in Athen feierte der Wintersport seine Premiere: 1908 wurden im Eiskunstlauf erstmals Medaillen vergeben - allerdings im Rahmen der Sommerspiele in London. 1920 gab es in Antwerpen - wieder im Sommer - Eishockey und Eiskunstlauf.

Es sollte aber bis 1926 dauern, ehe das Internationale Olympische Komitee (IOC) bereit war, von "Winterspielen" zu sprechen: Die zwei Jahre zuvor ausgetragene, ursprünglich "Internationale Wintersportwoche" von Chamonix genannte Veranstaltung wurde im Nachhinein umbenannt.

Konkurrenz der Nordischen Spiele

Neben dem Festhalten an antiken Vorbildern hat es einen gewichtigen zweiten Grund gegeben, warum der Winter erst 30 Jahre nach dem Sommer olympisch geworden ist: die Konkurrenz der "Nordischen Spiele".

Das Coubertin-Pendant dabei hieß Viktor Balck, ein schwedischer Nationalist, Offizier und Mitglied des IOC. Balck setzte sich maßgeblich dafür ein, dass ab 1901 die Nordischen Spiele ausgetragen wurden. "Auch Balck hat Anleihen in der Antike genommen und die Spiele alle vier Jahre veranstalten lassen", erklärt der Historiker Ingomar Weiler.

Austragungsort war vornehmlich Stockholm, die Teilnehmer kamen in erster Linie aus Schweden - 1909 etwa waren es nur 32 von rund 2.000 Athleten, die nicht aus Schweden stammten - und die Sportarten waren in erster Linie nordisch. Mit Langlauf, Skisprung, Eisschnell- und Kunstlauf waren alle klassisch nordischen Wintersportarten vertreten, dazu gesellten sich aus heutiger Sicht exotische Disziplinen wie Jagen, Rentier-Jöring, Ballonfahren und Pulkarennen.

Verknüpfung von nordisch und alpin

Mit ihrer langen Tradition an nordischen Sportarten zählten Schweden und - das erst 1905 von den Nachbarn unabhängig gewordene - Norwegen zu den erbittertsten Gegnern Olympischer Winterspiele. "Diese wurden als Konkurrenz verstanden", sagt der Historiker Weiler. "Und das ist einer der Gründe, warum man erst später begonnen hat, Winterspiele zu organisieren."

Ende der 1920er Jahre starb Viktor Balck, und auch die Szenerie des Wintersports änderte sich. Neben den nordischen Disziplinen wurden die alpinen immer wichtiger - vor allem Österreich wurde zum Zentrum für die Entwicklung des Skifahrens. Mit Änderungen in den Institutionen - 1930 begann der Internationale Skiverband FIS auch die alpinen Sportarten zu vertreten - veränderte sich auch der Stellenwert der Nordischen Spiele.

1926 wurden sie ein letztes Mal ausgetragen, nahezu zeitgleich mit den ersten Olympischen Spielen. "Die Konkurrenz wurde 1924 in Chamonix entschieden. Ab dann geht es mit den Winterspielen bergauf und mit den Nordischen Spielen bergab", sagt Ingomar Weiler. "Entscheidend dabei war, dass es die Olympische Bewegung geschafft hat, die Sportbewerbe aus Skandinavien mit den alpinen Bewerben der mitteleuropäischen Länder zu verbinden."

Diese Synthese besteht bis heute und hat es mittlerweile auch geschafft, antike Tradition und Wintersport nicht mehr als Gegensatz zu denken, wie das vor 100 Jahren oft noch der Fall war. Bei den Spielen von Sotschi werden es die Athletinnen und Athleten wieder unter Beweis stellen und patscherte Versuche wie jene im Marmorstadion von Rom vergessen lassen.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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