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Sitzende Soldaten: Szene aus dem Ersten Weltkrieg

Wirtschaftskolonialismus wurde "effizient"

Zwar blieben Teile Afrikas vom Ersten Weltkrieg weitgehend verschont. Die kriegerischen Auseinandersetzungen veränderten aber die Beziehung zwischen Kolonialmacht und Kolonisierten: "Der Krieg war die Wende zu effizientem Wirtschaftskolonialismus".

1. Weltkrieg 11.02.2014

Das sagte Walter Schicho vom Institut für Afrikanistik im Gespräch mit der APA.

"Beginn der kolonialen Planung"

"Mit dem Krieg begann erstmals das nachhaltige Denken im Kolonialismus", so Schicho. Bis zum Ersten Weltkrieg wurden die afrikanischen Kolonien nur sehr sporadisch und unwirtschaftlich genutzt. "Im Kongo wurden im Zuge der Kautschuksammlung ganze Dörfer ausgerottet, dann war plötzlich keine Arbeitskraft mehr da", veranschaulichte der Professor für Afrikanistik mit dem Schwerpunkt afrikanische Geschichte und Entwicklungsforschung. Auch beim Eisenbahnbau durch die deutsche Kolonialmacht seien "Zehntausende krepiert".

Der Krieg zeigte also, dass mit Ressourcen verschwenderisch umgegangen wurde, nach Kriegsende waren diese sehr knapp. Kolonialherren versuchten deshalb, ein Umdenken zu bewirken. "Wie können wir die fehlenden Rohstoffe aus den eigenen Kolonien bekommen?" und "Wie können wir Arbeitskraft sinnvoller ausnutzen", waren Schichos Ansicht nach die zentralen Fragen. "In diesem Sinne war der Erste Weltkrieg der Beginn der kolonialen Planung".

Verlorener Respekt

Durch die Erfahrungen des Krieges erreichte zudem die Beziehung zwischen Kolonisatoren und Kolonisierten eine neue Ebene, "die Distanz wurde kleiner, die Kolonisierten verloren den Respekt", erklärt der Wissenschaftler. Durch die Kämpfe verloren die Kolonialmächte ihren Glanz, wirkten nicht mehr so "übermächtig". Dies, sowie die Tatsache, dass die Kolonisatoren anderweitig beschäftigt waren, begünstigte die Formation lokaler Widerstandsbewegungen.

"Die Mächte sind geschwächt, jetzt haben wir eine Chance", so der Tenor laut Schicho. Das neu aufkeimende Selbstbewusstsein war aber nicht stark genug, zudem agierten die Widerstandsbewegungen nur sehr lokal. Es sei vor allem eine "Auflehnung im eigenen Interesse" gewesen, die nie eine ganze Region ergriff, betont der Afrikanist.

Kriegsverbrecher im 1. Weltkrieg

Nicht flächendeckend waren auch die Kampfhandlungen auf dem Schwarzen Kontinent. Die Regionen rund um die deutschen Kolonien in Ost- und Südwestafrika stellten die wichtigsten Nebenschauplätze des Ersten Weltkrieges dar, wenngleich es erhebliche Unterschiede in der Intensität der Kämpfe gab. So wurde die Deutsche Kolonie Togo (von 1884 bis 1916) kampflos den Franzosen überlassen. Auch die Kämpfe in der Deutschen Kolonie Kamerun waren nach Schichos Worten "harmlos".

In Deutsch-Ostafrika, dem heutigen Tansania, hingegen zog der Kolonialoffizier Paul von Lettow-Vorbeck "wie eine wilde Hummel mit seine Truppen herum", formuliert Schicho den Feldzug des Deutschen, der mit Hilfe seiner afrikanischen Soldaten, der Askari, erfolgreich der gewaltigen alliierten Übermacht trotzte. Zehntausende Menschen starben während der vierjährigen Kämpfe in der damaligen Kolonie.

"Lettow-Vorbeck war aus meiner Sicht ganz sicher ein Kriegsverbrecher, die Art und Weise wie er dort Krieg geführt hat, war gegen alle bestehenden internationalen Regeln", meint der Experte. Der Beinamen, den Lettow-Vorbeck unter den Askari trug - "der Herr, der unser Leichentuch schneidert" - sagt auch ohne viel Vorwissen einiges über die brutale Vorgehensweise des Offiziers.

Südafrika als internationaler Akteur

Durch den Kampf um Deutsch-Südwestafrika (heutiges Namibia) wurde Südafrika erstmals zum internationalen Akteur. Relativ bald marschierten Truppen aus Südafrika in die nördlich liegende Kolonie ein - bereits 1916 wurde sie als fünfte südafrikanische Provinz eingegliedert. Interessantes Detail: Die südafrikanische Armee war "rein weiß", berichtet Schicho. Denn Pretoria hätte sich anfangs geweigert, auch afrikanische Armeemitglieder mit Waffen auszustatten. Zu groß sei die Angst gewesen, dass die Waffen und das Wissen "gegen die eigenen Männer angewendet werden".

Während in Europa der Zweite Weltkrieg viel umfassender aufgearbeitet wurde als der Erste, gibt es im Hinblick auf Afrika wesentlich mehr Publikationen in Verbindung mit dem Ersten als mit dem Zweiten Weltkrieg. "Da wird romantisiert", zudem sei diese Zeit sei "einfach leichter zu bearbeiten und 'gefühlt' weiter weg", begründet Schicho. Aber die Tendenz ist eher eurozentristisch und rassistisch. Sehr unterbeleuchtet ist die Tatsache, wie eigentlich die Rolle der Afrikaner gewesen sei.

Christina Schwaha,APA/science.ORF.at

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