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eine Frau zupft Cello

Musiker unter Stress

Musik macht das Leben schöner. Aber während die Zuhörer sie genießen können, stehen Musiker häufig unter extremer Anspannung. Bei einem Liveauftritt müssen sie ihr ganzes Können möglichst fehlerfrei abrufen. Eine Studie hat die körperlichen Folgen dieser Belastung untersucht und dabei einen bisher unbekannten Stressmarker entdeckt.

Arbeitsmedizin 14.02.2014

In höchster Anspannung

Ein Sonntagvormittag im Wiener Musikverein, der große Saal ist fast voll, er fasst mehr als zweitausend Menschen. Sie warten auf den Beginn eines Konzerts. Am Podium etwa hundert Musiker, konzentriert und in höchster Anspannung, spielen sie doch heute zum ersten Mal ein neues Stück, Klaus Langs "Siebzehn Stufen", zudem zwei schwierige Orchesterwerke: Jean Sibelius' Konzert für Violine und Orchester in d-Moll und Dmitrij Schostakowitschs 9. Symphonie in Es-Dur. Derart belastende Situationen gehören für professionelle Orchestermusiker wie die Mitglieder des Radiosymphonieorchesters (RSO) Wien zum Alltag.

Die Studie in "Brain, Behavior, and Immunity":

"Affective and inflammatory responses among orchestra musicians in performance situation" von Alexander Pilger et al., erschienen im Oktober 2013.

Das erfordert neben der entsprechenden Vorbereitung durch Üben ein erhebliches Maß an psychischer Stabilität. Stress bleibt es trotzdem. Welche Spuren dieser auf körperlicher Ebene hinterlässt, hat der Mediziner Karl Böhm vom arbeitsmedizinischen Dienst des Österreichischen Rundfunks im Rahmen einer Studie gemeinsam mit Kollegen vom Institut für Arbeitsmedizin an der Medizinischen Universität Wien an zweiundfünfzig RSO-Musikern untersucht. "Wir wollten wissen, wie sich diese Stressbelastung körperlich auswirkt, etwa auf hormoneller Ebene oder auf das Immunsystem", erklärt Böhm die Zielsetzung der Untersuchung.

Stress ist nicht grundsätzlich schlecht, ein bestimmtes Maß ist sogar hilfreich. Er mobilisiert den Körper und manchmal verleiht er den entscheidenden Antrieb, um so schwierige Situationen wie etwa einen Liveauftritt meistern zu können. Als Dauerzustand wird er allerdings zum Problem. Langfristig kann er sogar krank machen und zum Beispiel das Immun- oder das Herz-Kreislaufsystem schwächen.

Suche nach Stressmarkern

Ö1 Sendungshinweis:

Darüber berichten auch die Dimensionen am 14. Februar 2014 um 19:05.

Was so außergewöhnlichen Stressbelastungen wie das oben beschriebene Konzert im Wiener Musikverein körperlich bewirken, haben die Studienautoren durch einen Vergleich erhoben. Dafür haben sie den Musikern einmal direkt im Anschluss an die Generalprobe Blut abgenommen, das nächste Mal am Tag darauf, in der Pause des Konzerts im Wiener Musikverein.

Die Studienteilnehmer mussten zudem an beiden Tagen zu fünf vorgeschriebenen Zeitpunkten Speichelproben abgeben. Zusätzlich wurden Fragebögen verteilt, um festzustellen, ob es einen Zusammenhang zwischen den Messungen und dem psychischen Zustand der einzelnen Probanden gibt. Insgesamt wurden fünfhundertzwanzig Proben und zweihundert Fragebögen gesammelt. Böhm beschreibt, wonach die Wissenschaftler gesucht haben: "Wir wollten wissen, inwieweit bestimmte Werte, die in der Wissenschaft noch nicht als Stressparameter gelten, mit der Stressbelastung korrelieren oder nicht."

Stress ist messbar

Einige der untersuchten Werte sind sogenannte Biomarker, also Indikatoren für krankhafte Vorgänge, beispielsweise das C-reaktive Protein, das bei Infektionen, Entzündungen, nach Operationen oder bei malignen Prozessen im Blutserum erhöht ist. Auch Interleukin-6, es gilt ebenfalls als Entzündungsmarker, wurde gemessen.

Manche der erhobenen Werte zeigen zudem, ob das Risiko für bestimmte chronische Krankheiten erhöht ist. Dazu zählen etwa die natürliche vorkommende Aminosäure Homocystein und das Enzym Myeloperoxidase, das als signifikanter Risikofaktor für Erkrankungen der Herzkranzgefäße gehandelt wird.

Im Verlauf der zwei Untersuchungstage wurde außerdem die Konzentration von Cortisol im Speichel gemessen, ein Hormon, das bei Stress vermehrt freigesetzt wird.

Wenig überraschend war dieses am Konzerttag im Vergleich zur Orchesterprobe deutlich erhöht. Aber auch bei einigen der untersuchten Blutwerte zeigten sich stressbedingten Erhöhungen, zum Beispiel beim Interleukin-6 und beim Homocystein. Bei einem der gemessenen Werte wurde laut dem Mediziner Karl Böhm ein bisher unbekannter Zusammenhang mit Stress jedoch besonders deutlich, nämlich bei der Myeloperoxidase. "Wir wissen, dass Cortisol und andere Hormone mit Stress korrelieren, bei der Myeloperoxidase war es unbekannt", so Böhm.

Neuer Stressmarker

Der Leistungsstress am Konzerttag erhöhte den Spiegel des Enzyms im Durchschnitt um ganze siebzehn Prozent. Bei Rauchern ist der Wert übrigens generell deutlich höher.

Und offenbar hängt der Anstieg der Myeloperoxidase tatsächlich mit dem gefühlten Stress zusammen. Denn bei jenen, die sich laut Fragebogen schon bei der Probe besonders unwohl gefühlt hatten, fiel die Erhöhung am Aufführungstag am stärksten aus.

Vorerst muss noch weiter geforscht werden, aber Karl Böhm hofft, dass mit der Myeloperoxidase ein neuer unabhängiger Stressmarker entdeckt worden ist: "Es könnte sein, dass die Myeloperoxidase bereits 2020 im Rahmen einer Vorsorgeuntersuchung standardmäßig erhoben wird."

Die Orchestermitglieder des RSOs Wien haben aber ebenfalls von der arbeitsmedizinischen Untersuchung profitiert. Nach Ende der Studie wurde mit jedem einzelnen ein Gespräch über die individuellen Ergebnisse geführt. Die psychischen Belastungen der Musiker werden - wie es auch das Gesetz seit vergangenem Jahr vorschreibt - weiterhin erhoben, um gegebenenfalls rechtzeitig eingreifen zu können.

Eva Obermüller, science.ORF.at

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