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Römische Soldaten in Rüstung

Als die Römer nach Bregenz kamen

Bereits in der Zwischenkriegszeit äußerten Archäologen die Vermutung, dass in Bregenz das älteste römische Militärlager Österreichs zu finden sei. Der Beweis dafür gelang Innsbrucker Forschern erst kürzlich durch die Altersbestimmung mit Hilfe von Baumringen: Die Überreste des Lagers stammen aus dem Jahr 5 nach Christus.

Brigantium 17.02.2014

Karl Oberhofer, Archäologe an der Universität Innsbruck, beschreibt in einem Gastbeitrag die Geschichte der Grabungen in "Brigantium", dem heutigen Bregenz.

Das Team

Projektleiter Gerald Grabherr studierte Klassische und Provinzialrömische Archäologie und Kunstgeschichte an der Universität Innsbruck; nach der Habilitation 2007 folgte 2011 die Ernennung zum assoziierten Professor am Institut für Archäologie. Seine Forschungsschwerpunkte: Archäologie der Römerzeit im Alpenraum, Verkehrsgeschichte und Altstraßenforschung sowie Romanisation der iberischen Halbinsel.

Julia Kopf schloss 2007 ihre Studien der Klassischen und Provinzialrömischen Archäologie und der Alten Geschichte (Innsbruck und Rom) mit einer Diplomarbeit zur Siedlungsentwicklung von Brigantium/Bregenz im 3. Jh. n. Chr. ab. Aktuell arbeitet sie an ihrer Dissertation zum Thema "Frühkaiserzeitliches Militär in Brigantium". Dabei stehen neben der Analyse der jüngst ausgegrabenen militärischen Baustrukturen die zur Militärausrüstung gehörenden Kleinfunde im Fokus der wissenschaftlichen Auswertung.

Karl Oberhofer studierte Klassische und Provinzialrömische Archäologie sowie Alte Geschichte in Innsbruck. Er analysierte für seine Diplomarbeit Architektur, Funktion und Wirtschaftsweise einer Bäckerei in Pompeji und promovierte mit der Vorlage des römerzeitlichen Holzbauweilers von Schönberg (Stmk.), der eine kaum erforschte offene ländliche Siedlungsstruktur aufweist. Aktuell stehen die frühen kaiserzeitlichen Holzbauten auf dem Bregenzer Ölrain im Mittelpunkt seiner Forschungsinteressen.

Das in diesem Gastbeitrag beschriebene Forschungsprojekt wurde vom Forschungsfonds FWF unterstützt.

Das älteste römische Militärlager im heutigen Österreich

Von Karl Oberhofer

Auf dem Ölrain-Plateau in Bregenz (Abb. 1) werden seit der Mitte des 19. Jh. regelmäßig Ausgrabungen durchgeführt. Zwischen 1911 und 1913 legte Carl F. von Schwerzenbach Reste von frühen römischen Holzbauten frei.

In der Zwischenkriegszeit äußerte Adolf Hild, seines Zeichens damaliger Kustos des Vorarlberger Landesmuseums, erstmals die Vermutung, dass in Brigantium, der römischen Vorgängersiedlung von Bregenz, ein Militärposten des 1. Jh. n. Chr. anzunehmen sei.

Karte zeigt die Lage von Bregenz

Universität Innsbruck

Abb.1: Der Bregenzer Ölrain: ein circa 50 Hektar großes Plateau am Ostufer des Bodensees.

Von der Forschung bis zuletzt kontrovers diskutiert, gelang der unumstößliche Nachweis erst im Zuge einer Rettungsgrabung auf Veranlassung des Bundesdenkmalamtes im Frühjahr 2010 durch das Wörgler Unternehmen TALPA GnbR.

Wenngleich heute im Bregenzer Stadtbild nichts mehr auf diese militärischen Anlagen hinweist, bezeugt eine Vielzahl von militärischen Ausrüstungsgegenständen die Anwesenheit von römischen Soldaten in der ersten Hälfte des 1. Jh. n. Chr.

Ö1-Sendungshinweis

Über die Ausgrabungen in Bregenz berichtet auch "Wissen aktuell" am 16.2.2014 um 13:55 Uhr.

Graben, Wall und Palisade: Ein römisches Militärlager

In einem Feldzug 16/15 v. Chr. waren die Soldaten Roms von Süden über die Zentralalpen kommend immer weiter in das nördliche Alpenvorland bis an die Donau vorgedrungen. Auf dem Weg dahin besetzten sie verkehrsgeographisch günstige und strategisch wichtige Punkte.

Einer von diesen war das heutige Bregenz auf Grund seiner Lage am Ausgang des Alpenrheintals, am Ostufer des Bodensees und an einer Engstelle der Landverbindung ins heutige Allgäu. Wie in der ersten Hälfte des 1. Jh. n. Chr. üblich, errichtete das römische Militär hier ein Lager, das mit einem mehrere Meter breiten Graben und einer Wallanlage aus Holz und Erde mit Palisade gesichert war.

Innerhalb des befestigten Areals standen Holzgebäude, die als Unterkünfte, den sog. Baracken, als Kommandantenhaus oder als Speicher dienten. Häufig wurden von den römischen Soldaten auch Werkstätten innerhalb des Lagers angelegt. In der Regel wurden diese sogenannten Holz-Erde-Lager über vier Toranlagen und rechtwinklig angelegte Straßenzüge im Innern erschlossen (Abb. 2).

Grafik: Römisches Lager

Universität Innsbruck/Wikimedia

Abb. 2: Ähnlich wie das circa 80 Jahre jüngere Kastell von Quintana/Künzing bei Passau (D) könnte das Kastell in Brigantium/Bregenz ausgesehen haben: 1) Baracken, 2) Stabsgebäude, 3) Wohnhaus des Kommandanten, 4) Lagerbau , 5) Ställe, 6) Lazarett.

Solche Anlagen mussten regelmäßig erneuert werden, da Witterung und Erdfeuchte den Zerfallsprozess der Bauhölzer beschleunigten. Das Militärlager in Bregenz wurde in der Regierungszeit des Kaisers Tiberius (14 - 37 n. Chr.) grundlegend umgebaut und erneuert.

Systematisch abgetragen: Das Lager wird aufgegeben

Unter Kaiser Claudius (41 - 54 n. Chr.) wurde das Lager geräumt: Unzählige Kubikmeter Erde des Befestigungswalls wurden einplaniert, Gräben verfüllt, Toranlagen und Baracken systematisch abgetragen. Das Altholz wurde im vorliegenden Fall jedoch nicht verbrannt oder gänzlich für andere zivile Gebäude verwendet, sondern für die Ausbesserung der römischen Hauptdurchzugsstraße genutzt.

Der Straßenkörper selbst war im Laufe der Zeit baufällig geworden, sodass ein neuer Unterbau hergestellt werden musste. Wie auch andernorts nachgewiesen, stabilisierte fortan ein mit Brettern abgedeckter Rost aus Balken den geschotterten Straßenkörper (Abb. 3).

Blick auf die Ausgrabungsstätte

Universität Innsbruck

Abb. 3: Teil des 2010 im Straßenkörper entdeckten Bretterbodens: unter den schlechter erhaltenen Brettern sind die Konturen von bis zu 4 m langen Balken deutlich erkennbar.

Die günstigen Bodenverhältnisse sorgten für eine Erhaltung der Hölzer, deren Vergesellschaftung mit wissenschaftlich aussagekräftigen Kleinfunden die Erkenntnisse der Archäologen zur Siedlungsentwicklung untermauern. Während andernorts mit dem Abzug der militärischen Einheiten häufig ein wirtschaftlicher Niedergang der nahen dörflichen Siedlung zu beobachten ist, blieb Brigantium weiterhin eine florierende Drehscheibe für den Warenumschlag von Gütern u.a. aus dem heutigen Frankreich und der Schweiz.

Jahrringe liefern den Beweis: Um 5 n. Chr. gefällt

In Zusammenarbeit mit dem Bundesdenkmalamt und dem Vorarlberg Museum konnten die Bauhölzer dendrochronologisch untersucht werden. Diese Methode analysiert u.a. die Abfolge der Jahresringe der erhaltenen Hölzer, sodass im Idealfall das Fälldatum von Stämmen bestimmt werden kann. Besonders wichtig für ein aussagekräftiges Ergebnis ist das Vorhandensein einer ausreichenden Zahl von Jahrringen, um einen Abgleich mit wissenschaftlich anerkannten Referenzkurven zu ermöglichen.

Literatur

J. Kopf, Rückblick und Ausblick: Spuren frührömischen Militärs in Brigantium. Jahrbuch des Vorarlberger Landesmuseumsvereins 2011, 68−75.

J. Kopf/K. Oberhofer, Archäologische Evidenzen der Grabung 2012 im Kastellareal von Brigantium (GN 1037/11, KG Rieden, LH Bregenz). Montfort. Zeitschrift für Geschichte Vorarlbergs 65/2, 2013, 17–29.

J. Kopf/K. Oberhofer, Brigantium/Bregenz, Kastellareal: Neues zur Lage und Größe des Militärpostens. Jahrbuch des Vorarlberger Landesmuseumsvereins 2013, 60–73.

J. Kopf/K. Oberhofer, Alte und neue Forschungsergebnisse zur Hauptstraße der römerzeitlichen Siedlung Brigantium/Bregenz. In: I. Gaisbauer/M. Mosser (Bearb.), Straßen und Plätze. Ein archäologisch-historischer Streifzug. Monografien der Stadtarchäologie Wien 7 (Wien 2013) 65–87.

Eine erhöhte Aussagekraft besitzen zudem jene Proben, die noch die sogenannte Wald- bzw. Baumkante aufweisen und somit das Wachstumsende des Baums markieren. Da von den römischen Militärhandwerkern in der Regel Balken mit einem rechteckigen Querschnitt verbaut wurden, blieben die für die Wissenschaft wertvollen letzten Jahrringe selten erhalten. Trotzdem können Proben aus Bregenz, u. a. mit der sog. Waldkante, ab dem Winterhalbjahr 4/5 n. Chr. eingeordnet werden.

Die Analyse der Bauhölzer durch zwei unabhängig von einander arbeitende Labore untermauert damit die Erkenntnisse der archäologischen Kleinfundauswertung: Noch in der ersten Dekade vor Christi Geburt kamen Tafelgeschirr, Verbrauchsgüter wie Öl und Wein und andere Handelswaren aus dem römischen Wirtschaftsraum auf den Bregenzer Ölrain.

Spätestens zwischen 5 und 10 n. Chr. errichtete das römische Militär ein dauerhaftes Holz-Erde-Lager, dessen Bauschema u.a. in den späteren Provinzen Raetien, Ober- und Niedergermanien mehrfach dokumentiert werden konnte (vgl. Abb. 2).

Noch offene Fragen zur Frühzeit von Brigantium

Die heutige, in einem Verdichtungsprozess befindliche Villenlandschaft auf dem Bregenzer Ölrain lässt nur kleine Einblicke in die österreichweit bisher einzigartigen Schichtabfolgen der frühen römischen Kaiserzeit zu.

Die aktuellen Forschungen beziehen sich auf eine Fläche von kaum mehr als 0,5 Hektar und decken nur Randbereiche des Lagerareals ab. Über die Gesamtgröße der Bregenzer Militäranlagen, die unter den Kaisern Augustus und Tiberius errichtet wurden, sowie über deren exakte Ausdehnung, aber auch zu Fragen über die Herkunft und Stärke der stationierten Truppen können weiterhin hauptsächlich Vermutungen angestellt werden.

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