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Josef Penninger

"Pille gegen Metastasen ist möglich"

Krebs mit den Waffen des Körpers bekämpfen - jahrzehntelang war die Immuntherapie nicht mehr als eine Vision. Nun scheint sie erstmals in greifbare Nähe zu rücken. Die jüngste Erfolgsmeldung kommt aus Wien: Forscher um den Molekularbiologen Josef Penninger haben eine Pille gegen Metastasen entwickelt. Versuche zeigen: Bei Mäusen wirkt sie.

Medizin 20.02.2014

Selbstversuch eines Forschers

Als die Schwedische Akademie der Wissenschaften am 3. Oktober 2011 die Nobelpreisträger im Fach Medizin verkündete, ahnte noch niemand, dass sich unter den Laureaten ein Toter befinden würde. Der Nobelpreis darf, so besagen es die Statuten, nur an lebende Wissenschaftler vergeben werden. Doch weil die Schwedische Akademie zu spät vom Ableben des kanadischen Immunforschers Ralph Steinman erfuhr, erhielt dieser den Preis - posthum.

Steinman wurde für seine Entdeckung der dendritischen Zellen geehrt und erkannte früh, dass sich diese Immunzellen auch für die Krebstherapie eignen würden. Eine Hypothese, die er am eigenen Körper überprüfte: 2007 wurde bei Steinman Bauchspeicheldrüsenkrebs diagnostiziert, die Ärzte gaben ihm ein Jahr. So entschied sich der Wissenschaftler für einen waghalsigen Selbstversuch, für eine Immuntherapie quasi aus dem Labor heraus.

Sie verlängerte sein Leben, statt des prognostizierten einen Jahres überlebte der kanadische Forscher viereinhalb. Zum Schluss fehlten ihm drei Tage - die Auszeichnung durch das Nobelpreiskomitee hat Steinman knapp nicht mehr erlebt.

Im Körper entsteht täglich Krebs

Die Idee, das eigene Immunsystem auf Krebszellen anzusetzen, ist keineswegs neu, sagt der österreichische Molekularbiologe Josef Penninger im Gespräch mit science.ORF.at. "In unserem Körper entsteht täglich Krebs. Das Immunsystem erkennt das und vernichtet die Tumorzellen. Krebs als Krankheit entsteht nur dann, wenn die Tumore entweder zu schnell wachsen oder es irgendwie schaffen, das Immunsystem außer Kraft zu setzen."

Wobei in den meisten Fällen nicht der Tumor das Problem ist, sondern seine Tochtergeschwulste. Die Metastasen verbreiten sich im Körper und befallen lebenswichtige Organe. Das ist der Hauptgrund, warum Menschen an Krebs sterben. Gäbe es die Metastasen nicht, wären die meisten Krebsarten heilbar.

Die Studie:

"The E3 ligase Cbl-b and TAM receptors regulate cancer metastasis via natural killer cells" von Magdalena Paolino und Kollegen ist am 19.2.2014 in "Nature" erschienen.

Ö1 Sendungshinweis:

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag im Ö1 Frühjournal am 20.2.

Dem Krebs die Metastasen zu rauben - "das wäre der heilige Gral der Tumortherapie", sagt Penninger. Ein Blick in die aktuelle Ausgabe von "Nature" zeigt: Er und sein Team sind diesem Ziel schon erstaunlich nahe gerückt.

Die Forscher vom Wiener Institut für Molekulare Biotechnologie haben einen Wirkstoff gegen Metastasen entwickelt und an Mäusen ausprobiert. Fazit: Er wirkt. Und was den Menschen angehe, "sollte es ebenfalls möglich sein, eine Pille gegen Metastasen herzustellen", sagt Penninger.

Killerzellen "scharf machen"

Der neue Wirkstoff beeinflusst das Verhalten von sogenannten natürlichen Killerzellen, deren Job darin besteht, Tumore abzutöten. Allerdings ist ihre Aktivität im Normalfall durch ein Protein namens "Cbl-b" gedrosselt. Diese molekulare Bremse lässt sich lösen, wie Penningers Mitarbeiterin Magdalena Paolino gezeigt hat.

Die Postdoktorandin aus seiner Arbeitsgruppe hat mehr als 9.000 Proteine analysiert und unter diesen einen Rezeptor ("TAM") entdeckt, mit dessen Hilfe man Cbl-b in Killerzellen tatsächlich abschalten kann. Dergestalt "scharf gemacht" gehen die Immunzellen mit Vehemenz gegen Metastasen vor. Bei Absiedlungen von Brusttumoren und Melanomen funktioniert der Ansatz, nun sollen Tests an anderen Tumorarten folgen.

Wie Penninger und seine Kollegen im Fachblatt "Nature" schreiben, wurde damit en passant ein altes Rätsel der Krebsforschung gelöst. Seit Jahrzehnten wissen Mediziner, dass der Gerinnungshemmer Warfarin gegen Tumormetastasen wirkt. Warum, war bisher unklar. Nun stellt sich heraus: Warfarin beeinflusst ebenfalls den Cbl-b-Signalweg.

Durchbrüche an mehreren Fronten

Das ist freilich nicht der einzig denkbare Weg, um Tumore mit den natürlichen Waffen des Körpers zu stoppen. Erst im Dezember kürte das Fachblatt "Science" die Fortschritte in der Immuntherapie gegen Krebs zum wissenschaftlichen "Durchbruch des Jahres 2013".

"Vor drei Jahren hat man mich in Pharmafirmen noch des Zimmers verwiesen, wenn ich gesagt habe: Die Immuntherapie funktioniert, wir können das. Doch die jüngsten klinischen Studien haben alle überzeugt. Die Ergebnisse sind sensationell, Mediziner sehen Überlebensraten, wie sie noch nie da waren", erzählt Penninger. "Das Feld explodiert im Moment geradezu."

Jahrzehntelang lag die Immuntherapie im Dornröschenschlaf. Und nun überschlagen sich die Ereignisse förmlich, in wissenschaftlicher wie in wirtschaftlicher Hinsicht. Pharmariesen wie Bristol-Myers Squibb und Genentech sind bereits dran. Auch die Konkurrenz wittert bereits das große Geschäft mit der Immuntherapie. "In der Pharmabranche investieren alle großen Firmen hunderte Millionen Euro in dieses Gebiet."

Studien am Menschen stehen bevor

Die Mausexperimente der Wiener Forscher sind zwar noch nicht so weit gediehen, als dass man sie unmittelbar am Menschen testen könnte. Doch mit einem zweiten, ähnlichen Ansatz ist Penninger bereits einen Schritt weiter. Cbl-b lässt sich in Killerzellen auch genetisch, und zwar mit Hilfe der sogenannten RNA-Interferenz blockieren.

Das würde die Möglichkeit eröffnen, Killerzellen zunächst im Labor anzuregen, um sie danach Krebspatienten zu verabreichen. Diese Vision ist bereits in der Klinik angekommen. Studien am Menschen sollen demnächst in einem amerikanischen Krankenhaus beginnen.

Robert Czepel, science.ORF.at

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