Standort: science.ORF.at / Meldung: "Schon im Mittelalter gab es eine Jugendkultur"

Bild aus dem Mittelalter, das einen Menschen mit langen Haaren zeigt

Schon im Mittelalter gab es eine Jugendkultur

Lange Haare oder bunte Farben, die ihre Parteizugehörigkeit ausdrückten: Schon im mittelalterlichen Byzanz bildeten Jugendliche Gruppen und grenzten sich so von Erwachsenen ab. Entgegen bisheriger Annahmen war das junge Erwachsenenalter in Byzanz sehr wohl als Lebensphase anerkannt.

Geschichte 24.02.2014

Denn sowohl in den überlieferten Rechtsbüchern als auch in anderen Quellen, wie etwa medizinische Texte oder Heiligenviten, die oft auch Alltagssituationen beschrieben, komme die Jugend als Entwicklungsphase vor, erklärte Johannes Koder vom Institut für Byzantinistik und Neogräzistik der Uni Wien im APA-Gespräch.

"Der Übergang vom Kind zum Jugendlichen fand bei Mädchen im Alter von etwa zwölf Jahren, bei Burschen mit 14 Jahren statt", sagte Koder, der derzeit den Stellenwert der Adoleszenz und ihre unterschiedlichen Formen im Byzantinischen Reich in einem Projekt des Wissenschaftsfonds FWF gemeinsam mit Despoina Ariantzi erforscht. Der Übergang ins Erwachsenenalter erfolgte dann - trotz einer mittleren Lebenserwartung von nur 35 bis 38 Jahren - je nach Quelle erst zwischen dem Alter von 20 bis 25 Jahren.

Abgrenzung von den Erwachsenen

"Ein Ritual, das den Übergang vom Jugendlichen zum Erwachsenen feiert, wie es bei den Katholiken etwa die Firmung ist, gab es in Byzanz allerdings nicht", erklärte Koder. Weder die orthodoxe Kirche noch die weltliche Gesellschaftsordnung kannten dafür ein Prozedere.

Dennoch wurde die Jugend zelebriert: Gerade in den städtischen Gegenden fanden Koder und sein Team schriftliche Belege für männliche jugendliche Subkulturen. "Mit besonders modischen Accessoires wie etwa langen Haaren oder bestimmten Farben, die sie einer politischen Partei zuordneten, grenzten sich Gruppen von Jugendlichen sowohl vom Status als Kind als auch von den Erwachsenen ab", schilderte der Historiker.

Formal war man mit etwa 20 Jahren volljährig, für die Alltagsrealität musste das jedoch noch nichts heißen. "Sehr viel hing an den Eltern", meinte Koder. Denn selbst der formale Übertritt ins Erwachsenenalter bedeutete nicht unbedingt Selbstständigkeit und Unabhängigkeit. Erst mit dem Tod des Familienoberhaupts ging beispielsweise die elterliche Landwirtschaft und damit auch die Verantwortung an das älteste männliche Kind über - egal ob dieses erst 14 oder schon über 30 war. In vielen Fällen fand die Adoleszenz so - zumindest formal und materiell - ein frühzeitiges Ende. Oft waren Kinder auch die einzige Altersvorsorge.

Zehn Prozent im Kloster

Eine Heirat garantierte die Unabhängigkeit von der Elterngeneration jedenfalls nicht, vor allem Frauen wurden - obwohl sie vor dem Gesetz in vielen Dingen Männern gleichgestellt waren - bloß in die Obhut der anderen Familie übergeben. Eine Möglichkeit, sich - freiwillig oder unfreiwillig - vom Elternhaus zu trennen, war der Eintritt in ein Kloster.

Im Byzantinischen Reich übrigens nichts Ungewöhnliches: "Etwa zehn Prozent der Bevölkerung lebte auf die eine oder andere Art im Kloster", so Koder. Auch wenn Kinder oft schon früh als Zöglinge hierherkamen, ein endgültiger Eintritt in einen Mönchsorden war erst ab dem Alter von 20 Jahren erlaubt. "Da gab es strikte Regeln", so der Byzanz-Experte.

Die Möglichkeiten eines Wissenserwerbs in der Provinz waren gering und beruhten weitgehend auf mündlicher Überlieferung. Gehörte man nicht der Oberschicht an, so waren das Kloster oder der Weg in die Hauptstadt Konstantinopel fast die einzigen Möglichkeiten, als Jugendlicher eine höhere Bildung in Anspruch nehmen zu können und dem Leben als Soldat, Bauer oder einer Kombination aus beidem zu entfliehen, erklärte Koder.

In der Hauptstadt boten sich für Jugendliche deutlich mehr Perspektiven: Der Eintritt in beispielsweise eine Beamtenkarriere bedeutete gleichzeitig auch den Schritt Richtung Selbstständigkeit.

science.ORF.at/APA

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