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Mäuseembryo aus STAP-Zellen

Sensationsstudie vor Rückzug

Anfang des Jahres berichteten japanische Forscher von sensationellen Fortschritten in der Stammzellenforschung. Fürs Erste scheint die Revolution nun abgesagt: Einer der Koautoren empfiehlt, die Studien wegen inhaltlicher Mängel zurückzuziehen.

Stammzellen 11.03.2014

Wär hätte gedacht, dass man ganz normale Körperzellen durch einen leichten Schock in einen embryonalen Entwicklungszustand zurückkatapultieren kann? Das berichteten Forscher um Haruko Obokata am 29. Jänner im Fachblatt "Nature": Man nehme Körperzellen junger Mäuse, setze diese mit Zitronensäure oder Druck wohldosiertem Stress aus - und fertig ist ein neuer Typus pluripotenter Stammzellen: "STAP-Zellen" heißen sie (von "stimulus-triggered acquisition of pluripotence") - diesen Begriff, das schien von Anfang an klar, würde man sich merken müssen.

Ö1-Sendungshinweis

Über dieses Thema berichtet auch "Wissen aktuell", 11.3.2014, 13:55 Uhr.

Als das ebenso einfache wie wirkungsvolle Rezept veröffentlicht wurde, war das Erstaunen in der Fachgemeinde groß. Die Kommentare fielen euphorisch aus, Fachleute sprachen von einer Sensation, wenn nicht gar einer Revolution. Bis erste Unklarheiten auftraten. Die Website PubPeer veröffentlichte Hinweise, dass es sich bei einigen Abbildungen in den beiden "Nature"-Papers um Duplikate handeln könnte. Auch die dargestellte Methode konnte von Stammzellenforschern anderer Institute nicht ohne weiteres reproduziert werden.

Und am Wochenende stellte sich heraus, dass zwei Bilder von der Erstautorin Haruko Obokata bereits in deren Dissertation verwendet wurden. Das Unschöne daran: Dort stellen sie andere Zellen in einem anderen Experiment dar. Für Teruhiko Wakayama, ein Koautor der beiden Studien, ist das nun zuviel der Zweifel. Er habe den Glauben an die Arbeiten verloren und empfehle diese vorläufig zurückzuziehen, sagte er gegenüber dem staatlichen japanischen Rundfunk NHK. Stellte aber in Aussicht, sie wieder in einer bereinigten Version zu veröffentlichen.

Die vermutlich detaillierteste Chronik vom Aufstieg (und möglichen Fall) der STAP-Zellen hat der US-Stammzellforscher Paul Knoepfler in seinem Weblog verfasst. Hierin findet sich auch eine Umfrage: Je 26 Prozent von Knoepflers Lesern sind "ganz sicher" oder "fast sicher, dass es die STAP-Zellen nicht gibt".

Robert Czepel, science.ORF.at

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