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Windräder vor den Türmen eines Braunkohlekraftwerks

"Widersprüche schaffen keine Nachhaltigkeit"

Der aktuellen Klima- und Energiepolitik stellt Arnulf Grübler kein gutes Zeugnis aus. Erstere verharre "seit 20 Jahren in völliger Erstarrung". Letztere sei notorisch verschwenderisch, sagt der österreichische Innovationsforscher in einem Interview.

Interview 14.03.2014

Sein Vorschlag: Es wäre sinnvoller, mehr Geld in die Erforschung des menschlichen Verhaltens als in millionenschwere Technologieprojekte zu stecken. Die letzten Klimakonferenzen hätten sich selbst widerlegt, so Grübler. "Die Idee, dass man ein umfassendes Protokoll mit 200 Nationalstaaten verhandeln kann, ist unrealistisch und wird nie funktionieren."

Sie beschäftigen sich mit der Analyse von Innovationssystemen - insbesondere im Klima- und Energiebereich. Wie bewerten Sie den aktuellen Stand?

Hier gibt es sehr viele Einzelinnovationen, die gepusht werden, vor allem durch die Energiepolitik. Stichwort: erneuerbare Energie, Energiewende in Deutschland. Diese Anstrengungen sind allerdings extrem inkonsistent und ungenügend. Sie werden nicht zu einer nachhaltigen Wende bzw. Entwicklung führen. Weltweit werden erneuerbare Technologien wie Windkraft oder Photovoltaik mit 150 Millionen US-Dollar subventioniert, in der Hoffnung, dass sich diese Technologien eines Tages verbilligen. Gleichzeitig werden fossile Energieträger mit 500 Milliarden US-Dollar subventioniert. Das ist ein klarer Widerspruch, und damit wird man keine nachhaltige Wende schaffen.

Arnulf Grübler (IIASA)

Grübler

Zur Person:

Arnulf Grübler forscht am International Institute for Applied Systems Analysis in Laxenburg. Er beschäftigt sich mit der Analyse von langfristigen Veränderungen von Energie- und Infrastruktursystemen und der Analyse von Innovationssystemen in diesem Bereich. Zudem lehrt er an der School of Forestry and Environmental Studies der Universität Yale in den USA.

Veranstaltungsreihe "Mut zur Nachhaltigkeit"

Veranstalter der Reihe "Mut zur Nachhaltigkeit" sind das Zentrum für Globalen Wandel und Nachhaltigkeit der BOKU, Lebensministerium und Risiko:dialog (Umweltbundesamt, Radio Ö1, BOKU, BMWFJ, Lebensministerium, Austrian Power Grid).

"Innovation" wird sehr häufig als Schlagwort gebraucht, wenn versucht wird - insbesondere durch die Politik - die Ausgestaltung der Zukunft zu beschreiben. Was verstehen Sie unter einer echten Innovation?

Wir verwenden den Ausdruck "Innovation" häufig, um die Entdeckung von etwas Neuem oder die Einführung eines neuen Produktes zu beschreiben, egal ob dieses Produkt überhaupt am Markt existiert. Wir leben in einer Zeit, in der sehr viel versprochen wird. Viele Kollegen setzen auf exotische, neue Lösungen im Klimabereich bzw. in der nachhaltigen Entwicklung und bezeichnen das dann als "Innovation", obwohl die Innovation noch gar nicht existiert. Ein klassisches Beispiel dafür wäre das Geoengineering, also planetare Manipulation, oder die Kernfusion.

In der klassischen Definition der Innovationsforschung meint man demgegenüber mit "Innovation" die erstmalige, großflächige Einführung eines neuen Produkts, einer neuen Technik, eines neuen Verfahrens oder einer neuen Vorgangsweise - auf dem Markt. Warum legen wir so viel Wert auf die Marktreife? Eine Innovation ist erst dann relevant, wenn sie angewandt wird. Im Labor verändert eine Innovation gar nichts. Umweltrelevant oder für nachhaltige Entwicklung relevant wird etwas erst dann, wenn es eine breite Anwendung findet. Das ist jene Phase, die wir als Technikdiffusion, also die Ausbreitung einer Technik bezeichnen. Und das ist die kritischste Komponente in der Innovationspolitik. Das haben viele Politiker, aber leider auch Forscher noch nicht verstanden.

Am Anfang steht doch aber in jedem Fall die Grundlagenforschung - erst in einer späteren Phase kann das Produkt zur Marktreife gelangen.

Natürlich haben wir verschiedene Phasen der Technikentwicklung, und die Grundlagenforschung muss gefördert werden, das ist sehr wichtig. Aber sie ist eben nur ein Element, ein Mosaikstein einer umfassenden Innovationspolitik. Das ursprüngliche, lineare Innovationsmodell ging davon aus, dass die Forschung forscht, die Industrie entwickelt und das Marketing verkauft. Man ist davon ausgegangen, dass diese unterschiedlichen Phasen klar getrennt sind, von unterschiedlichen Akteuren durchgeführt werden und aufeinander abfolgen.

Inzwischen ist man aber draufgekommen, dass dieses Modell allzu vereinfacht ist. Es muss stattdessen enge Wechselwirkungen und Zusammenarbeit geben. Nur dann ist eine Innovation erfolgreich. Der Forscher darf sich nicht im Labor einsperren, Grundlagenforschung betreiben und sagen: "Ich will nichts mit der Industrie zu tun haben", genauso wenig darf die Industrie sagen: "Grundlagenforschung brauchen wir nicht."

Wie kann man sich dieses Zusammenspiel institutionalisiert vorstellen?

Das ist kontextabhängig. Diese Systeme können institutionell formalisiert, aber auch informell organisiert werden. Das hängt vom örtlichen Kontext, aber auch von den verfügbaren Ressourcen ab. Meiner Meinung nach sind informelle Netzwerke und Zusammenarbeit eher bewährt, weil sie flexibler sind. Sehr rigide institutionelle Lösungen dauern, bis sie implementiert sind, und sind dann schon altmodisch, wenn sie endlich funktionieren. Das muss von Fall zu Fall unterschieden werden und hängt auch von der Art der Innovation ab.

Bei einem extrem großen Projekt wie der Kernfusion muss man ein internationales Modell anwenden, weil die Entwicklungskosten derartig hoch sind, dass sich das kein einzelnes Land leisten kann. Mittlerweile sind auch Länder wie die USA oder Japan zu klein, um alleine erfolgreich im Klima- oder Energiebereich zu forschen. Es braucht internationale Partnerschaften. Insbesondere für ein winzig kleines Land wie Österreich liegt die Hoffnung eigentlich nur in der internationalen Kollaboration.

Trotz aller Innovationsbestrebungen im Klima- und Energiebereich, drängt sich dennoch manchmal der Eindruck auf, als wäre das alles nur ein Kratzen an der Oberfläche.

Dem stimme ich zu. Das eigentliche Problem ist, dass die Innovationspolitik im Klima- und Energiebereich vorrangig die Angebotsseite betrachtet. "Nachhaltigkeit" wurde von der UNO definiert - das hat eine soziale Komponente, eine Umweltkomponente und es hat eine ökonomische Komponente. Auch wenn erneuerbare Energie als etwas Nachhaltiges bezeichnet wird - per se erfüllt sie keine dieser drei Komponenten. Etwas kann erneuerbar sein, aber absolut nicht umweltverträglich.

Palmöl aus Indonesien wäre ein klassisches Beispiel. Das heißt, wir müssen zu einem weiteren Begriff kommen. Aber traditionell werden unter dem Schlagwort, das etwas erneuerbar ist, immer angebotsseitige Technologien gepusht. Der wichtigste Aspekt des Systems wird hingegen oft vergessen und in der Innovationspolitik marginalisiert: die Nachfrage.

Worauf sollte man sich konzentrieren?

Physiker haben festgestellt, dass der Wirkungsgrad der Energienutzung - global gesehen - momentan bei fünf Prozent liegt. Das heißt 95 Prozent der Energie werden verschwendet. Das bedeutet, man müsste die Innovationspolitik hier in erster Linie nachfrageseitig ansetzen, um die Nachfrage nach Energie zu reduzieren. Je geringer die Nachfrage, desto mehr Spielraum und Flexibilität hat man auf der Angebotsseite. Wenn die Nachfrage aber unkontrolliert wächst, wird man alles brauchen. Egal ob es nachhaltig ist oder nicht.

Passiert derzeit im Rahmen der Innovationspolitik genug in diese Richtung?

Die Instrumente der Nachfragepolitik sind sehr traditionell, es geht in erster Linie um Verbote. Etwa Tempolimits auf der Autobahn. Das ist sicherlich ein Ansatz, aber nicht unbedingt populär. Und deshalb nicht sehr erfolgversprechend, denn aus der Perspektive der Diffusion braucht es etwas, das akzeptiert und breit angewandt wird. Die Menschen müssen die Maßnahmen befürworten.

Deshalb braucht es positive Anreizsysteme. Beispiele dafür sind etwa Carsharing-Modelle oder sanfte Mobilitätskonzepte in den städtischen Ballungsräumen. Ein anderes Element wären Energieeffizienzstandards, die festlegen, wie viel Strom beispielsweise ein Fernseher brauchen darf. Das ist zwar sehr stark angewandt worden, in Europa allerdings ohne großen Erfolg. Hier lohnt es sich, nach Japan zu schauen.

Was hat Japan besser gemacht?

Bei uns sind diese Standards relativ schwach, denn sie werden nicht laufend aktualisiert. In Japan ist man zu einem dynamischen System übergegangen. Die Standards werden mehrere Jahre im Vorhinein mit der Industrie verhandelt. Das heißt, die Industrie kann sich darauf einstellen und gezielt Innovationsanstrengungen unternehmen, die dann auch bewusst belohnt werden. Das hat dazu geführt, dass die Standards nicht nur erfüllt, sondern übertroffen wurden. Die Technologien wurden effizienter als ursprünglich vorgesehen. Nach einiger Zeit werden diese dynamischen Standards dann wieder neu angepasst und wieder verbessert.

Sie schreiben, dass es eine "grundlegende Transformation vieler Ressourcen-Nutzungssysteme" geben muss. Worauf sollen wir hinarbeiten?

Durch die Nutzung unterschiedlicher Ressourcen zieht sich ein roter Faden: Verschwendung. Egal ob es sich um Lebensmittel, Energie oder Wasser handelt. Das muss in allen Bereichen problematisiert werden. Klassische, ökonomische Ansätze gehen davon aus, dass diese knappen Güter verteuert werden müssen. Das wurde versucht und hat zu Inkonsistenz geführt, da manche Ressourcen besteuert werden, andere aber nicht.

Es muss aber Bewusstseinsbildung und Vorbildwirkung geben. Das ist ein vielschichtiger Prozess, der in der Forschung eigentlich recht wenig behandelt wird. Nämlich die Frage danach, wie es überhaupt zum menschlichen Verhalten kommt. Denn das ist ja die eigentliche Triebkraft des Systems. Dafür wird sehr wenig Geld ausgegeben. Man investiert lieber Hunderte Millionen in ein exotisches Technologieprojekt, das dann von einem Politiker medienwirksam eröffnet werden kann. Das ist symbolisch attraktiver, als Nachfrage oder menschliches Verhalten zu verstehen.

Womit wir wieder bei der Grundlagenforschung angelangt wären.

Natürlich braucht es hier die Grundlagenforschung, aber nicht nur sie alleine, sondern sie muss in einem systemischen Zusammenhang stattfinden. Das muss auch von der Forschungsförderungspolitik eingefordert werden. Wir investieren ohnehin viel zu wenig in Innovationen. Und diese Art der Forschung wäre im Vergleich sogar sehr billig. Teuer ist hingegen die Entwicklung von Prototypen oder der Bau von neuen Kraftwerken. Diese Zusammenarbeit von Grundlagenforschung und angewandter Forschung und die Übersetzung der Forschung in neue Produkte müssen aber auch entsprechend gefördert werden.

Die internationalen Klimaverhandlungen gehen nur sehr schleppend voran, auf EU-Ebene gibt es nun nicht einmal mehr verbindliche Klimaziele. Müsste man nicht auch an diesen politischen Schrauben drehen? Oder neue Ansätze finden?

Dieser Pfad ist nicht nachhaltig. Die Klimapolitik befindet sich in einer völligen Erstarrung, sie ist seit 20 Jahren nicht weitergekommen. Wir glauben, dass wir das Klimaproblem mit einem klassischen Politikansatz verändern können. Wir müssen aber umdenken und neue Ansätze schaffen. Die Idee, dass man ein umfassendes Protokoll mit 200 Nationalstaaten verhandeln kann, ist unrealistisch und wird nie funktionieren. Das ist zwar für viele Leute sehr angenehm, weil es bedeutet, dass man nichts unternehmen muss und es auf die ineffiziente Klimadiplomatie schieben kann. Durch Ignoranz wird das Klimaproblem aber nicht verschwinden.

Es gibt eine Reihe von Modellen, die von diesen globalen Verhandlungen abgehen. Da geht es um Kooperationen zwischen staatlichen und nicht staatlichen Akteuren, Regierungen und Firmen. Es werden auch sogenannte "Carbon Clubs" diskutiert - Gruppen von Ländern, die anderen Ländern ihre Klimaambitionen mit Hilfe von Zöllen und Handelsbarrieren aufzwingen. Treten andere Staaten diesen Clubs bei, werden die Zölle abgebaut, und dadurch kann klimafreundliches Wirtschaften in anderen Ländern unterstützt werden. Aber auch das ist ein Bereich, in dessen Erforschung wesentlich mehr investiert werden müsste.

Interview: Theresa Aigner, science.ORF.at

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