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Computeranimiertes Bild eines weiblichen Cyborgs

Technologien: Befreiung oder Manipulation?

Die europäische Aufklärung des 18. Jahrhunderts hat sich leidenschaftlich gegen jede Form der Bevormundung des Menschen gewandt. Ihre Errungenschaften wie Autonomie und Menschenwürde treten heute - im Zeitalter von Computergedächtnis und technologisch "verbesserten" Menschen - in den Hintergrund.

Aufklärung 14.03.2014

Eine Tagung am Institut français de Vienne hat sich deshalb vor kurzem mit der Bedeutung und Aktualität der Aufklärung befasst. Eine eigene Sektion war dem Thema "Wissenschaft und Technologien: Befreiung oder Manipulation" gewidmet.

Befreiung aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit

Veranstaltung:

Quelles Lumières pour notre temps ?/Welche Aufklärung braucht der Mensch? am Institut français de Vienne vom 6. - 8. März 2014, Organisation: Jean-Claude Crespy

Referenten:
Michel Bitbol: CNRS - Forschungsleiter im Archives Husserl, École normale supérieure der École Polytechnique in Paris, beschäftigt sich mit der Philosophie der Physik und der Erkenntnistheorie

Bernard Stiegler; Medienphilosoph, ist Leiter der Abteilung "Kulturelle Entwicklung" am Centre Georges Pompidou in Paris, enger Freund von Jacques Derrida, mit dem er auch theoretisch zusammenarbeitete.

Literaturhinweise:

Bernard Stiegler: Hypermaterialität und Psychomacht, übersetzt von Ksymena Wojtyczka, diaphanes Verlag
Technik und Zeit. Der Fehler des Epimetheus, übersetzt von Gabriele Ricke und Ronald Voullié, diaphanes Verlag
Denken bis an die Grenzen der Maschine, übersetzt von Ksymena Wojtyczka und Erich Hörl, diaphanes Verlag
Die Logik der Sorge - Verlust der Aufklärung durch Technik und Medien, übersetzt von Susanne Baghestani, Suhrkamp Verlag
Zum Akt, übersetzt von Elisa Barth und Alexandre Plank, Merve
Bernard Stiegler/Jacques Derrida: Echographien/Fernsehgespräche, übersetzt von Horst Brühmann, Passagen Verlag
Nicholas Carr: Wer bin ich, wenn ich online bin…und was macht mein Gehirn solange?
Wie das Internet unser Denken verändert, übersetzt von Henning Dedekind, Karl Blessing Verlag

Der in Paris tätige Wissenschaftsphilosoph Michel Bitbol bezog sich in seinen Ausführungen auf Immanuel Kant. Seine Forderung, sich aus der "selbst verschuldeten Unmündigkeit" zu befreien und selbst zu denken, ist für Bitbol ein Generalangriff gegen den Anspruch jeglicher Autoritäten, absolut geltende Dogmen zu verkünden.

Er stimmt mit Kant darin überein, dass "die Faulheit und Feigheit eines großen Teils der Menschheit" für den Mangel an Selbstdenken verantwortlich ist. Der Mensch ohne Aufklärung verkomme - so Bitbol - "zu einem bauchrednerischen Selbst; seine Stimme könnte die Stimme von irgendjemandem sein, der an diesem unbefragten Leben Anteil hat".

Automatisierung der Aufklärung

Die Aufklärung birgt für Bitbol eine Gefährdung, auf die schon Theodor W. Adorno und Max Horkheimer in dem Buch "Dialektik der Aufklärung" aufmerksam gemacht haben: Sie habe die Tendenz - so die beiden Autoren -, die Vernunft als Herrschaftsinstrument einzusetzen, das alles Nicht-Vernünftige ausschließt. Bitbol spricht von einer "Automatisierung der Aufklärung". Er meint damit, dass ein in sich geschlossenes Vernunftsystem entwickelt wird, das ein stabiles Erklärungsmodell der Welt liefert.

Wird dieses Modell von den Individuen übernommen, erfolgt eine Entlastung von der Anstrengung, in konkreten Situationen selbst denken zu müssen- nach dem Grundsatz: "Einmal denken, um nicht mehr denken zu müssen". So führt die "Automatisierung der Aufklärung" paradoxerweise zu dem Ergebnis, dass sich das Subjekt wieder als unmündiger Agent eines alles beherrschenden Systems vorfindet, das sich diesmal als Vernunft verkleidet hat.

Die besten Beispiele: Computer …

Ein Musterbeispiel solch eines Denkens, das sich in das eigene Denkartefakt einzwängt, stellt für Bitbol der Computer dar. Er ist der Schauplatz einer "auf die Mechanik des Rechnens und empirisch zielgerichteten Erkenntnis". Das Ergebnis des Computer-gestützten mechanisierten Denkens ist dann das Internet, "das bei der Kindheit der Kultur stehen geblieben ist"; und zwar deswegen, weil es keiner umfassenden Bildung bedarf, um auf die Tasten der verschiedenen Google-Angebote zu drücken, um sich dort mit nicht nachvollziehbaren oder überprüften Informationen zu versorgen.

Der Computer wurde auch von dem in Paris lehrenden Medienphilosophen Bernard Stiegler im Kontext "Befreiung oder Manipulation" thematisiert, wobei er auf die Unterschiede von menschlichem Gedächtnis und dem Computergedächtnis einging: Während alle Aspekte des menschlichen Gedächtnisses von äußerst unterschiedlichen biologischen, chemischen und genetischen Signalen gesteuert werden, stellt sich das Computergedächtnis in der einfachen Form von binären Bytes dar - Eins und Null. Diese binären Bytes können nur offen oder geschlossen sein; eine Differenzierung ist nicht möglich.

… und Internet

Stiegler verwies in seinen Ausführungen auch auf das Buch "Wer bin ich, wenn ich online bin ... und was macht mein Gehirn solange?" des US-amerikanischen Medientheoretikers Nicholas Carr, in dem er folgende These aufstellte: Die digitale Gesellschaft könne sich wegen der explosionsartig anwachsenden Informationsmenge, die vom Internet ausgeht, nicht mehr konzentrieren.

Weil User/innen ständig mit neuen Informationen überhäuft würden, gelangten Informationen nicht mehr ins Langzeitgedächtnis. Das erlebe er auch persönlich; er könne kaum mehr zwei Seiten eines Buches lesen, ohne dass dabei seine Gedanken abschweifen; er habe auch Schwierigkeiten, das Gelesene wieder zu geben.

Die Kritik Carrs am Internet wird zwar von Stiegler geteilt; er nennt in dem Zusammenhang den ambivalenten Begriff "Pharmakon", der im Griechischen sowohl Gift, Droge als auch Heilmittel bedeutet. Die negative Konnotation findet sich in Platons Schrift "Phaidros", in der er vom "Pharmakon" der Schrift spricht. Damit meinte er, dass die Ersetzung der Mündlichkeit durch die Schrift das kulturelle Gedächtnis der Menschen beeinträchtigt werde.

Im Gegensatz dazu sieht Stiegler im Internet das Heilmittel, dass neue Wissens- und Kommunikationsformen hervorbringt. Damit diese ermöglicht werden, erhebt Stiegler die Forderung nach therapeutischen Maßnahmen, die in Gesetzen, Erziehungsmaßnahmen, Selbstdisziplin und Techniken bestehen, die den unüberschaubaren Informationsfluss kanalisieren sollen.

Posthumanistische Fortschrittsfantasien

Neben der Digitalisierung der menschlichen Lebenswelt stand ein zweites Thema im Mittelpunkt der Sektion "Wissenschaft und Technologien: Befreiung oder Manipulation?". Es handelt sich dabei um den "Posthumanismus", also um jene Theorie, die davon ausgeht, dass die nächste Etappe des Evolutionsprozesses eine Verschmelzung von Technik mit menschlichen Wesen mit sich bringen wird.

Wissenschaftler und Philosophen sind überzeugt, dass der menschliche Organismus durch den Einsatz von technischen Maschinen verbessert oder gar ersetzt werden könnte. Das Ziel besteht darin, wie es die kanadischen Posthumanisten Arthur und Marielouise Kroker formulieren, "das Verlassen des Körpers zu forcieren, die sinnliche Wahrnehmung auf den Müll zu kippen und stattdessen eine entkörperte Welt von Datenströmen zu ersetzen".

Ende der Aufklärung?

Für Michel Bitbol ist der Posthumanismus keine ferne technologische Utopie. Er hat bereits in unserem Alltag seinen festen Platz, wie das Beispiel des Gehirnschrittmachers zeigt, der durch einen neurochirurgischen Eingriff in das Gehirn die Hirnstimulation anregt. Die posthumanistische Vision eines maschinell gesteuerten Organismus bedeutet für Bitbol eine "Verdinglichung" des Subjekts, die den Traum der Aufklärung von einer weitgehenden Autonomie des Menschen endgültig zerstört.

"Von nun an denke 'Ich' nicht mehr, träume 'Ich' nicht mehr, entscheide 'Ich' nicht mehr" - so Bitbol - "mein Gehirn denkt an meiner Stelle, meine graue Substanz erträumt meine Träume, meine Großhirnrinde trifft meine Entscheidungen."

Das alle Errungenschaften der Aufklärung zerstörende Projekt des Posthumanismus ist - gemeinsam mit einer nicht geregelten anarchischen Informationsflut des Internet - laut Bitbol das Ende der Aufklärung; die Aufklärung entpuppt sich als falsches Versprechen, das nicht erfüllbare Hoffnungen geweckt hat. "Sie erscheint selbst als Simulakrum, als Trugbild."

Nikolaus Halmer, Ö1 Wissenschaft

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