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Otto Neurath, undatiertes Archivbild

Otto Neurath: "Wissenschaftler des Glücks"

Das Wirken Otto Neuraths hat viele Facetten: Man kennt ihn als Philosophen, Bildstatistiker, Sozialökonomen und Volksbildner. Vernachlässigt wurden allerdings bisher seine politischen Aktivitäten, schreibt Güntner Sandner in einer dieser Tage erscheinenden Neurath-Biographie.

Bucherscheinung 20.03.2014

"Es gibt Verbindungslinien im Werk und Leben Neuraths, die sich am besten politisch beschreiben lassen. Deswegen habe ich auch eine politische Biographie geschrieben", sagt der Politikwissenschaftler von der Universität Wien.

Die Beziehungen oder die Familie Neuraths werden für Sandner immer dann spannend, wo sich Politik und Privates überschneiden. Sandner skizziert, inwieweit Neurath auch aus seinem privaten Umfeld beeinflusst wurde. "Überraschend war für mich etwa der starke intellektuelle Einfluss, den seine spätere Frau, die Feministin Anna Schapire, auf ihn ausübte", erklärte Sandner. Auch der Austausch mit der schwedischen Reformpädagogin Ellen Key schon zu Schulzeiten oder die frühe Politisierung als Student in Berlin seien wissenschaftliches Neuland.

Buchpräsentation

Günther Sandner: "Otto Neurath. Eine politische Biographie", Zsolnay, 352 Seiten, ISBN 978-3-552-05676-3, Buchpräsentation am 3. April, 18.30 Uhr, Wien Museum, Karlsplatz 8, 1040 Wien.

Ein realistischer Utopist

Neurath habe sich von einem sozial-liberal orientierten, mit der revisionistischen Strömung innerhalb der deutschen Sozialdemokratie sympathisierenden Berliner Studenten zu einem austromarxistischen Intellektuellen im Roten Wien entwickelt. "Ein Kontinuum dabei war das utopische Denken, das er stets für vereinbar mit Wissenschaft gehalten hat. Utopien waren gedachte zukünftige Ordnungen, keine unrealistischen Träumereien", schilderte Sandner den "Volksbildner" und "Wissenschaftler des Glücks" Neurath.

Jahrelang konzentrierte man sich in der Aufarbeitung von Neuraths Werk allerdings vor allem auf den Bildpädagogen: Seine Bildstatistik, die Isotypen und sein Hauptwerk "Gesellschaft und Wirtschaft. Bildstatistisches Elementarwerk", heute meist kurz "Atlas" genannt, traten in den Vordergrund. Andere Aspekte seien davon sicherlich überlagert worden, meinte Sandner. Auffallend sei vor allem der krasse Gegensatz zwischen der Popularität, die Neurath im Roten Wien genoss und der Nicht-Präsenz, die er nach 1945 erfuhr.

"Ein anderes, besseres Leben"

"Einiges ist zu Unrecht vergessen worden. Ich denke dabei etwa an seine Lebenslagen-Forschung - eng mit seinem Glücksbegriff verbunden - die absolut anschlussfähig ist an nach wie vor aktuelle Fragen nach einem anderen, besseren Leben und einer alternativen ökonomischen Ordnung." Auch wenn die Charakterisierung Neuraths als eines der am meisten vernachlässigten Genies des 20. Jahrhunderts heute - auch bedingt durch die internationale Forschung - nicht mehr in dieser Form gelte, könne die These von der Vernachlässigung Neuraths nicht ganz ad acta gelegt werden. "Bis heute existiert keine vollständige Werkausgabe und meine Biographie ist die erste ihrer Art - fast 70 Jahre nach Neuraths Tod", meinte Sandner.

Den Grund dafür sieht der Politikwissenschaftler vor allem im österreichischen Umgang mit durch die Nationalsozialisten vertriebenen Wissenschaftlern nach dem Zweiten Weltkrieg. "Als anti-metaphysischer Sozialist mit jüdischem Familienhintergrund hätte Neurath auch nicht gut in das intellektuell restaurative Klima der Nachkriegszeit gepasst. Da war er sicher kein Einzelfall", so Sandner. Für seine Biographie wertete der Politikwissenschafter Dokumente aus rund 30 verschiedenen Archiven und die "unglaubliche Fülle" an zeitgenössischen Publikationen aus.

Wiener Kreis und "Bilder-Esperanto"

Otto Neurath, 1882 in Wien geboren, wurde vor allem als Entwickler der "Wiener Methode der Bildstatistik" bekannt. Gemeinsam mit dem deutschen Grafiker Gerd Arntz setzte er seine Idee des "Bilder-Esperanto" um und entwickelte das Bildersprachen-System Isotype, welches er zur Veranschaulichung von statistischen Größen und Mengenverhältnissen einsetzte.

Darüber hinaus war Neurath einflussreiches Mitglied des "Wiener Kreises" sowie Gründer des Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseums in Wien und des Mundaneum Instituts in Den Haag: Dort wollte er die Organisation des Weltwissens nach der Logik von Datenbanken umsetzen. Als bekennender Sozialist mit jüdischem Hintergrund wurde Neurath zur Flucht zuerst in die Niederlande, dann nach Großbritannien gezwungen. 1945 verstarb er in Oxford.

science.ORF.at/APA

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