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Porträtfoto des Philosophen Martin Heidegger

Die Machenschaften des Martin H.

Wochenlang wurde über sie diskutiert, nun sind sie erschienen: Die "Schwarzen Hefte" von Martin Heidegger, in denen der Philosoph Ende der 1930er Jahre eindeutig judenfeindliche Äußerungen gemacht hat. Sowohl Deutsche als auch Juden nehmen in diesen Notizen Heideggers eine Sonderrolle ein, sagt ihr Herausgeber, Peter Trawny.

Philosophie 21.03.2014

Von den einen erhoffte sich Heidegger eine Art philosophische Erlösung von Technik und Moderne, die er als "Machenschaften" verunglimpfte. Die anderen hielt er für die geheimen Weltenlenker. Diesen sehr banalen Verschwörungstheorien fügte Heidegger eine Art "seinsgeschichtlichen Antisemitismus" hinzu - meint Peter Trawny.

Der Philosoph Peter Trawny

Universität Wuppertal

Peter Trawny ist Herausgeber der "Schwarzen Hefte" und Leiter des Heidegger-Instituts an der Bergischen Universität in Wuppertal.

"Schwarze Hefte":

Dabei handelt es sich um Notizen von Gedanken, die sich Martin Heidegger zwischen 1931 und Anfang der 70er Jahre gemacht hat. Ihren Namen haben sie von der Farbe ihres Einbands, zwei Bände zu den Jahren zwischen 1938 und 1941 sind soeben erschienen.

Bücher:

  • Peter Trawny: Heidegger und der Mythos der jüdischen Weltverschwörung,
  • Martin Heidegger: Überlegungen XII-XV (Schwarze Hefte 1939-1941),
  • Martin Heidegger: Überlegungen VII-XI (Schwarze Hefte 1938/39),

alle erschienen im Verlag Vittorio Klostermann.

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Ö1 Sendungshinweis:

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in den Dimensionen: 21.3., 19:05 Uhr.

science.ORF.at: Waren Sie überrascht, als Sie die eindeutig antisemitischen Stellen bei Heidegger gefunden haben?

Peter Trawny: Ja, denn bisher waren diese Ressentiments nur aus privaten Äußerungen bekannt, im philosophischen Zusammenhang sind sie neu.

Privat war etwa der Brief an Herbert Marcuse von 1948, in dem Heidegger die Shoah mit dem Schicksal der Ostdeutschen nach dem Krieg verglichen hat. Öffentlich setzte er später die "Fabrikation von Leichen in Gaskammern" mit der modernen Landwirtschaft gleich, beide seien Ausdruck einer unheilvollen Technisierung. Hat das nicht schon vor den Passagen in den Schwarzen Heften ausgereicht, um Heidegger als Antisemiten zu bezeichnen?

Diese Äußerungen waren sicher problematisch bzw. revanchistisch, aber meines Erachtens nicht im eigentlichen Sinne antisemitisch. Die Formulierung mit der "Fabrikation von Leichen" wurde etwa auch von Hannah Arendt verwendet.

Emmanuel Faye hat 2006 plausibel nachgewiesen, dass das Denken von Heidegger tief mit dem Nationalsozialismus verstrickt ist. Verzeihen Sie die Wiederholungsfrage: Wenn man bedenkt, dass nur relativ wenige Nazis Juden gemocht haben, waren Sie bei der Lektüre der Schwarzen Hefte tatsächlichen von den antisemitischen Äußerungen überrascht?

Ich sehe die Arbeit von Faye eher kritisch. Wenn man die Schwarzen Hefte unvoreingenommen liest, merkt man, dass Heidegger durchaus kritische Bemerkungen gegenüber den Nazis macht. Er war 1938 nicht mehr der begeisterte Anhänger der nationalen Revolution von 1933, sondern hat im Gegenteil die totale Mobilmachung und Technifizierungsmacht der Nazis längst erkannt und mit einer gewissen Aggressivität auch bekämpft. Gerade weil er zunehmend Abstand vom Nationalsozialismus genommen hat, halte ich die antisemitischen Passagen aus dieser Zeit für sehr eigentümlich.

Sie nennen die Philosophie Heideggers jener Jahre eine "seinsgeschichtliche Landschaft" - wie hat sie ausgesehen?

Heidegger hatte diesen eigentümlichen Gedanken, dass es einen "ersten Anfang" in der Geschichte der Philosophie gegeben hätte, auf den ein "anderer Anfang" zu antworten hätte. Dieser Gedanke ist aus anderen Abhandlungen schon bekannt, mit den Schwarzen Heften müssen wir aber erkennen, dass er diese beiden Anfänge eindeutig mit den antiken Griechen und mit den Deutschen verbindet. Die Deutschen sollten auf den "ersten Anfang" der Griechen antworten. Ich nenne das ein seinsgeschichtliches Narrativ, eine Erzählung. Denn dass sich die Philosophie zwischen den Griechen und den Deutschen epochal entfaltet hat, ist ja kein philosophischer Gedanke. Das kann man nicht argumentieren, sondern nur erzählen. In dieser Topographie, in der die Griechen und Deutschen diese große Rolle spielen, tauchen in den 1930er Jahren auch andere auf: die Russen, die Amerikaner, die Engländer, die meistens sehr schlecht wegkommen, und auch das sogenannte Weltjudentum.

Warum war dieser "andere Anfang", dieser Neustart der Geschichte für Heidegger notwendig? Was ist aus seiner Sicht seit der Antike alles schiefgegangen?

So gut wie alles, v.a. aber hat ihn die Modernisierung gestört, die mit den Haupteffekten Technifizierung, Mobilisierung und Medialisierung auftritt. Heidegger hat das in dieser Zeit ausschließlich negativ betrachtet und mit dem Wort "Machenschaft" bezeichnet. Machenschaft beschreibt ein Sein, in dem das Verhältnis des Menschen zur Welt einseitig im Machen und in der Macht besteht. Dieses Machen und diese Macht bezeugen sich in dem, was wir als moderne Technik verstehen. Zur "Machenschaft" gehört auch das moderne Phänomen der Öffentlichkeit. Das alles lehnt Heidegger vor dem Hintergrund dessen ab, was er als "ursprüngliches Sein" denkt - ein Sein, das er mit den Deutschen verbindet, und da besonders mit der ihm unantastbaren Dichtergestalt Hölderlin.

Warum hat Heidegger geglaubt, dass ausgerechnet der Nationalsozialismus die Chance bietet, diese "Machenschaft" zu überwinden und zu einem "ursprünglichen Sein" zurückzukehren?

Es ist eine besonders verrückte Bewegung in seinem Denken, dass er 1933 in der "Machtergreifung" Adolf Hitlers eine epochale Wende in der Weltgeschichte gesehen hat. Es ist erstaunlich, dass er da nicht differenzierter hingesehen hat, aber offenbar war es so: Hitler hat - zumindest rhetorisch - auf einen gewissen Antimodernismus hingewiesen. Er hat als Politiker gesagt, dass es nichts Schlimmeres gibt als die Politik. Hitler war ein Antipolitiker, der sich viel eher als Künstler inszeniert hat und in einem gewissen Verhältnis zu Wagner und Nietzsche gestanden ist. Solch eine Gestalt muss für Heidegger wohl eine epochale Rückkehr zu einem Hölderlinschen Deutschland verkörpert haben.

Abgesehen davon, dass Hitler die Shoah und den Zweiten Weltkrieg zu verantworten hat, hat er Deutschland auch sehr stark modernisiert, indem er etwa Autobahnen bauen und sein Volk mit Volksempfänger versorgen ließ. Wie passt das zum Antimodernismus Heideggers?

Sie haben Recht, das ist widersprüchlich. Durch Bücher wie "Hitlers Volksstaat" von Götz Aly wissen wir, dass diese totale Herrschaft auch zur Moderne hinzugerechnet werden muss. Politisch unkorrekt und konkret heißt das: Die Moderne schließt auch Massenmord nicht aus. Ein plausibles Argument dazu gibt es aber auch bei Heidegger. Er hat den industriell vollzogenen Massenmord an den Juden als ein Geschehen in der Technifizierung und totalen Mobilmachung des Nationalsozialismus betrachtet. Wobei ich denke, dass sich diese Sichtweise bei ihm erst nach dem Zweiten Weltkrieg entwickeln konnte, weil er vorher gar nicht gewusst hat, dass so etwas stattfand. Jedenfalls hat er den Nazismus zunehmend als Teil der "Machenschaft" gesehen.

Welche Rolle spielt das "Weltjudentum", wie es Heidegger bezeichnet hat, in seiner Seinsgeschichte?

Ende der 1930er Jahre tauchte bei ihm die Figur eines global operierenden "Weltjudentums" auf - etwas, was meiner Ansicht nicht zu verstehen ist. Die Figur des "Weltjudentums" ist eine Fiktion der "Protokolle der Weisen von Zion", die etwa Hitler stark beeinflusst haben. Das Judentum, so dachte Heidegger plötzlich in klassischen antisemitischen Stereotypen, beherrsche das "rechnende Denken" besonders gut, sei boden- und heimatlos. Es lenke anonym im Hintergrund die Weltgeschichte, indem es Einfluss nimmt auf die USA, die Sowjetunion, England usw. Aus dem "Weltjudentum" wurde so ein militärischer Feind des deutschen Reichs. Und da müssen wir uns die bedrückende Frage stellen, wie weit es Heidegger wohl begrüßt hätte, einem solchen militärischen Feind auch mit Gewalt zu begegnen. Er sagt nicht ausdrücklich, dass Gewalt unvermeidlich ist. Aber es gibt Wendungen, die uns schließen lassen, dass er nicht weit von dieser Konsequenz entfernt ist.

Waren ihm die "Protokolle der Weisen von Zion" bekannt?

Das weiß ich nicht. Es ist aber auch egal, denn er ist ihren Un-Ideen im "Dritten Reich" auf Schritt und Tritt begegnet. Die nationalsozialistische Propaganda hat die darin enthaltenen antisemitischen Stereotype benutzt. In bestimmten Reden Hitlers befinden sich Spuren dieser "Protokolle", und diese Reden kannte Heidegger.

Heidegger ist ein Autor, der sich durch seine dunkle, schwer verständliche Sprache mit einer Aura des Geheimnisvollen umgibt und dadurch selbst erhöht. Zugleich teilt er ganz banale Vorurteile wie den "Schacherjuden". Wie geht das zusammen?

Heidegger hat darauf bestanden, dass der - von ihm sehr gepflegte - Provinzialismus eine philosophische Würde haben sollte. Er kommt aus ländlichen Verhältnissen in Meßkirch, einem kleinen Ort in Oberschwaben, was er auch immer betont hat. Auf dieser Ebene sind ihm die antisemitischen Vorurteile begegnet und da hatte er sie wohl auch her. Dass er als Philosoph nicht imstande war, von ihnen Abstand zu nehmen, das ist im negativen Sinne erstaunlich. Und dass er sich etwa von dem Gedanken, wonach "alles jüdische Denken rechnend" sei, nicht hat distanzieren können, ist bedauerlich naiv.

Nicht nur Juden, sondern auch Deutschen ist Heidegger mit Vorurteilen begegnet. Wie ist er zu der Annahme gekommen, dass nur das "deutsche Volk" in der Lage wäre, zum "ursprünglichen Seyn" - er schrieb das ja gerne mit "Y" - vorzudringen?

Heidegger hat eine bestimmte Lesart der, wie er es nannte, abgründigen deutschen Geschichte verfolgt. In ihr hat der deutsche Idealismus, also die Philosophie Schellings und Hegels, Nietzsche und Richard Wagner, aber v.a. die Dichtung Hölderlins eine alles überragende Bedeutung. Heidegger wies darauf hin, dass all diese Gestalten extreme Biografien hatten, dass sie stets an die Grenzen oder darüber hinausgegangen sind. Durch ihre Opfer würden sie aus der europäischen Geschichte herausstehen, und das waren für Heidegger Hinweise auf eine deutsche Sonderrolle oder Sendung innerhalb der europäischen Geschichte. Natürlich ist das wieder kein Argument, sondern eher eine Interpretation. Er orientiert sich an bestimmten Evidenzen, die er nur aufzeigen kann, für die er aber keine Argumente hat.

Zur Zukunft: Sie geben weiter die Gesamtausgabe der Werke Heideggers heraus - was ist noch zu erwarten?

Der Literaturwissenschaftler Silvio Vietta übergibt das bisher vermisste Schwarze Heft dieser Tage dem Literaturarchiv in Marbach, sodass ich den nächsten Band der Gesamtausgabe für den Herbst vorbereiten kann. Er wird die Zeit bis 1950 abdecken und die letzten fragwürdigen antisemitischen Passagen enthalten. Dann wird alles auf dem Tisch liegen, was zu diesem traurigen Kapitel der Heideggerschen Philosophie gehört.

Hat dieses traurige Kapitel dazu geführt, dass Sie ihn nun allgemein anders lesen?

Ja, es hat meine Lektüre in bestimmten Aspekten verändert. Etwa das Narrativ, dass die Seinsgeschichte ihren Gipfelpunkt in der poetischen Begegnung zwischen Griechen und Deutschen hat: Das war mir schon vorher bekannt, aber dass Heideggers seinsgeschichtliches Denken in den 1930er Jahren vollständig in dieses Narrativ integriert werden muss, war für mich neu. Und das scheint mir philosophisch nicht mehr zu retten sein.

Interview: Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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