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Tamisiocaris borealis, Tier aus dem Kambrium

Der sanfte Jäger des Kambriums

Manche Meerestiere ernähren sich, indem sie Schwebstoffe aus dem Wasser filtern - wie beispielsweise einige Hai- und Walarten. Eine neue Studie legt nahe, dass sich bereits eine im Kambrium lebende krebsartige Kreatur auf diese Weise mit Nahrungsmitteln versorgte.

Paläontologie 28.03.2014

Groß und bedrohlich

Die Studie in "Nature":

"A suspension-feeding anomalocarid from the Early Cambrian" von Jakob Vinther et al., erschienen am 27. März 2014.

Vor etwa 540 Millionen Jahren tauchten auf der Erde plötzlich fast alle heutigen Tierstämme und komplexen Ökosysteme auf. Paläontologen bezeichnen dieses Geschehen als "kambrische Explosion". Zu dieser Zeit lebte auch Tamisiocaris borealis. Er gehörte laut Forschern um Jakob Vinther von der University of Bristol zur Gruppe der Anomalocarididae, einer Art früher Gliederfüßer. Er schwamm mit Hilfe von flügelartigen seitlichen Klappen. Vor seinem Mund befand sich ein seitlich mit Stacheln besetzter Fortsatz, auf jedem einzelnen davon befanden sich weitere kleine Stacheln.

Nicht zuletzt aufgrund seiner Körpergröße - er war vermutlich zwischen 40 und 70 Zentimeter lang - zählte man die krebsähnliche Kreatur bisher zu den Spitzenprädatoren, also zu jenen Räubern, die an der Spitze der Nahrungspyramide standen. Demnach ernährte er sich vor allem von größeren Beutetieren wie z.B. Trilobiten. Ein vor kurzem in Nordgrönland entdecktes Fossil stellt diese Annahme nun in Frage.

Filtrierende Riesen

Tamisiocaris borealis bei der Jagd

Bob Nicholls/Bristol University

Tamisiocaris borealis auf der "Jagd".

Die Forscher um Vinther haben mit Hilfe einer 3D-Animation versucht, die Bewegungen der Werkzeuge und damit auch das Fressverhalten des Tieres nachzuvollziehen. Die Analyse legt nahe, dass sich die Greifwerkzeuge des vormaligen Räubers im Lauf der Zeit in einen Filtrierapparat verwandelt haben. Tamisiocaris borealis ließ diesen vermutlich ähnlich wie ein feinmaschiges Schleppnetz durchs Wasser gleiten, um kleine Krustentiere und andere Organismen, die größer als ein halber Millimeter waren, zu fangen.

Dieser Entwicklungsschritt von großen Spitzenräubern zu sanften filtrierenden "Giganten" habe in der Geschichte der Erde mehrmals stattgefunden. Ökologisch betrachtet waren diese primitiven Gliederfüßer die Wale und Haie des Kambriums, erklärt Vinther: "Sowohl bei den Haien als auch bei den Walen wurden einige Arten zu Filtrierern. Sie wurden zu riesigen, sich langsam bewegenden Tieren, die sich von den kleinsten Wasserlebewesen ernähren."

Laut den Forschern verdeutlicht diese Entwicklung, wie produktiv das Kambrium war. Zudem erhält man eine Ahnung vom damaligen Ökosystem. Laut Vinther ist es erstaunlich, dass ein frei schwimmender Filtrierer so gut überleben konnte: "Sich von den kleinsten Teilchen im Wasser zu ernähren, während man durch die Gegend schwimmt, kostet eine Menge Energie und damit eine Menge Nahrung." Das heißt: Das Angebot muss groß gewesen sein.

Ähnliche Wege

Das Filterwerkzeug von Tamisiocaris borealis

Jakob Vinther, University of Bristol

Das Filterwerkzeug von Tamisiocaris borealis.

Tamisiocaris borealis hielt man den Forschern zufolge einst für ein fehlgeschlagenes Experiment der Natur, wahrscheinlich auch aufgrund seines bizarren Aussehen, dabei war dies seinen spezialisierten Fähigkeiten geschuldet.

Die Erkenntnisse leisten einen Beitrag zur Diskussion über die Vorhersehbarkeit der Evolution, die meisten meinen, dass sie das nicht ist oder gar nicht sein kann. Laut den Autoren zeigt die ähnliche Entwicklung von Tamisiocaris borealis und anderen Filtrierern, dass sie zwar nicht vorhersehbar ist, aber die möglichen Wege dennoch begrenzt.

Ökologische Nischen werden demnach in verschiedenen Zeiträumen von anderen Gruppen besetzt, die Anzahl der nutzbaren Nischen sowie die dazugehörigen Nutzungsstrategien seien jedoch überschaubar. Noch dazu hätten die unterschiedlichen Tiergruppen eine ähnliche Entwicklung - nämlich vom Räuber zum Filtrierer - durchlaufen. Das legt den Forschern zufolge nahe, dass die Evolution nicht nur bei den Ergebnissen konvergiert, sondern manchmal auch beim Weg dorthin.

Eva Obermüller, science.ORF.at

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