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"Imperien werden attraktiver"

Was verbindet die EU, das Großreich der Hunnen und das Reich der Mitte? Sie alle tragen mit ihrer Multiethnizität, ihrer imperialen Agenda von Herrschafts- bis Friedensanspruch sowie ihrem Fortwirken in der Geschichte Züge eines Imperiums. Forschern zufolge werden Imperien durch die Krise des Nationalstaats wieder attraktiver.

Weltpolitik 28.03.2014

Den Gemeinsamkeiten historischer und aktueller Imperien widmet sich die Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW) heute, Freitag, in einem Workshop. "Imperien im raum- und epochenübergreifenden Vergleich" heißt das Thema des Workshops und gleichzeitig des Forschungsvorhaben, für das sich der Althistoriker Robert Rollinger von der Universität Innsbruck und der Zeithistoriker Michael Gehler von der Universität Hildesheim zusammengetan haben. "Mit der Krise des Nationalstaates gewinnt die Diskussion um Großreiche an Aktualität, Imperien werden wieder attraktiver", sagt Rollinger im Gespräch mit der APA.

Modernes Imperium USA

"Die USA sind ohne Zweifel ein modernes Imperium, auch wenn sie sich in der Innensicht nicht als solches wahrnehmen", meinte er. Auch der EU attestierte der Historiker viele Elemente eines Imperiums wie etwa das Zusammenleben vieler Ethnien, die "ungeheure wirtschaftliche und politische Power über die eigenen Grenzen hinweg" und die außenpolitischen Wirkungsmöglichkeiten.

Auch viele aktuelle politische Vorgänge ließen sich besser nachvollziehen, wenn man in den Kategorien vergangener oder auch aktueller Imperien denke, zeigte sich Rollinger überzeugt. "Die Vorgehensweise von Russland auf der Krim ist eine klare imperiale Handlung, die man nur versteht, wenn man die Geschichte des Russischen Zarenreichs kennt", so der Historiker. Auch bei der russischen Politik in den zentralasiatischen Staaten sei der ehemalige Herrschaftsbereich noch deutlich zu erkennen.

Um einen Katalog an Eigenschaften eines Imperiums zu entwerfen und Gemeinsamkeiten bzw. Differenzen herauszuarbeiten, verglichen die Forscher Weltreiche von Indien über das neubabylonische Reich bis zum Imperium Romanum miteinander und sahen sich etwa an, wie die Großreiche funktionierten, welche Rolle Eliten spielten oder wie sie mit ihrer Bevölkerung oder Gegnern umgingen.

"Auf jeden Fall haben wir mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede gefunden", erklärt Rollinger. Typisch seien beispielsweise fließende und nicht klar ausverhandelte Grenzen. Auch in diese Kategorie würde die Europäische Union mit ihren Beitrittskandidaten und Erweiterungsdiskussionen passen, bei den USA ließen sich die unklaren Grenzen vor allem über diverse Militärstützpunkte und Einflussbereiche ausmachen.

Immer sei auch ein gewisser ideologischer Anspruch bzw. eine Agenda auszumachen, berichtete der Historiker. Das drücke sich oft in einem globalen Herrschaftsanspruch aus - im "Reich der Mitte" etwa schon durch den Namen gekennzeichnet. Schickte die britische Königin dem chinesischen Kaiser ein Geschenk, nahm dieser das nicht als Präsent, sondern als Tributleistung wahr, politische Realitäten wurden neben dem eigenen Machtanspruch oft ausgeblendet.

Herrschaft, Zivilisation und Friede

Die Agenda eines Imperiums muss jedoch nicht immer gleich die Weltherrschaft sein. Andere Varianten wären beispielsweise ein Zivilisationsanspruch, wie ihn das British Empire hatte, das zwar andere Reiche anerkannte, diese aber als unzivilisiert abtat. Auch die Erhaltung von Frieden konnte als Legitimation der Macht "verkauft" werden, so der Althistoriker.

Als eine bisher weitgehend ignorierte Kategorie eines Weltreiches bestimmten die Wissenschaftler die Nachwirkung eines Imperiums auch lange nach dessen Untergang. "Das beste Beispiel ist dafür sicher das Imperium Romanum, das bis heute großen Einfluss auf europäische Politik oder auch die Alltagskultur hat", meinte Rollinger. So suchte Karl der Große mit seiner Kaiserkrönung bewusst den Anschluss an das Imperium. Ähnlich verhielt es sich mit dem von Otto I. gegründeten Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, das bis zu seinem Untergang zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Fiktion einer Weiterexistenz des römischen Kaiserreichs aufrechterhielt. Aber auch das Reich Alexanders des Großen beschäftigte die christliche und die islamische Welt über Jahrhunderte hinweg.

science.ORF.at/APA

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