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Ein Mann hält sich den Kopf, hinten geht die Sonne unter, man sieht nur seinen Schatten

Traumforschung gegen Traumata

Im Gegensatz zu gesunden Personen gelingt es schwer traumatisierten Menschen nicht, ihre Ängste im Traum zu verarbeiten. Um den Traumatisierten zu helfen, kooperieren Psychoanalytiker nun mit experimentellen Schlafforschern.

Interdisziplinär 04.04.2014

Zum aktuellen Stand der Traumforschung veranstaltete die Wiener Psychoanalytische Akademie Ende vergangener Woche eine interdisziplinäre Tagung.

Auf den Schultern Sigmund Freuds

Die moderne Traumdeutung beruht auf den Forschungen Sigmund Freuds, des "Vaters" der Psychoanalyse. Im Traum, den er als "Hüter des Schlafes" und als Wunscherfüllung beschrieb, sah er den Königsweg zum Unbewussten. Trotz ständiger Rückbeziehung auf Freuds Theorien ist - mehr als hundert Jahre nach ihm - das Verständnis von Träumen längst wesentlich komplexer geworden.

Man stehe, wie es der der Psychologe und Psychoanalytiker Stephan Hau von der Universität Stockholm formuliert, gewissermaßen "auf den Schultern Freuds", blicke damit aber "viel weiter ins Land der Träume".

Heute wird der Traum als multifunktionelles, über die Wunscherfüllung weit hinausgehendes Geschehen begriffen: So werden im Schlaf Konflikte bearbeitet und Problemlösungen durchgespielt; Träumen wirkt zudem gedächtnisstärkend und reguliert Stress und Affekte - ein psychischer Akt also, der für die seelische und körperliche Gesundheit von größter Bedeutung ist. Anders gesagt: Man schläft üblicherweise in schlechterer Verfassung ein als man morgens wieder aufwacht.

Der Traum als "Fenster zum inneren Universum"

Prinzipiell, so Stephan Hau, könne man den Traum als eine Schnittstelle zwischen Kognitionswissenschaft, Neurowissenschaften und klinischer Forschung betrachten. Beides - die Art und Weise, wie Träume in einer Behandlung gedeutet werden, ebenso wie die experimentelle Traumforschung im Schlaflabor - ermöglicht Einblicke in die subjektive Erlebenswelt eines Menschen.

Will man Traumfunktionen und innere Verarbeitungsmöglichkeiten genauer untersuchen, sind Albträume besonders gut geeignet. Wie sich im klinischen Zusammenhang und später in systematischen Studien gezeigt hat, gelingt es vielen Menschen, angstmachende und bedrohliche Trauminhalte im Schlaf so zu verarbeiten, dass sie mit der Zeit ihren Schrecken verlieren.

Stephan Hau zieht den Vergleich zu einer sturmgepeitschten Meeresoberfläche, die sich allmählich wieder glättet. In dieser Hinsicht hat der US-amerikanische Traumforscher Ernest Hartmann den Traum mit der Funktion einer Psychoanalyse oder -therapie gleichgesetzt: Bei beiden gehe es darum, Verbindungen in einem sicheren Rahmen zu schaffen, indem versucht werde, nicht integrierbare Inhalte, Erlebnisse und Vorstellungen in den alltäglichen Lebenskontext einzuarbeiten.

Traumarbeit als Trauma-Arbeit

Genau das gelingt Menschen, die ein schweres Trauma erlitten haben, oft nicht. Sie haben bruchstückhafte Erinnerungen oder Gedankenfetzen, die gleichsam isoliert stehen, sich eben nicht integrieren lassen, über die sie nicht sprechen und von denen sie auch nicht träumen können. Diesen eingefrorenen Zustand, der das Trauma fortschreibt, bezeichnete der kanadische Psychoanalytiker Joseph Fernando als "Zero Process" (Nullprozess).

Der Psychologe und Psychoanalytiker Stephan Hau war an einer Schlaflabor-Studie beteiligt, in der traumatische Träume von Überlebenden der Balkankriege mit zwei qualitativen Methoden untersucht wurden: Eine Gruppe mit manifester posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS) - selbst zehn bis fünfzehn Jahre nach Ende der kriegerischen Auseinandersetzungen - wurde mit einer zweiten Gruppe verglichen, die keine PTBS-Symptomatik aufwies.

Das Interessante dabei: Beide Gruppen hatten ähnliche traumatisierende Erfahrungen wie Folter, Verwundungen und KZ-Aufenthalte hinter sich.

Ein harter Brocken in der Psyche

Die Probanden befanden sich zwei Nächte lang im Schlaflabor unter EEG-Beobachtung, um die physiologischen Faktoren bei Trauma zu untersuchen. Parallel dazu wurden sie in bestimmten, besonders traumintensiven Schlafphasen (REM-Phasen), geweckt und nach ihren Träumen gefragt. Diese wurden mit Tonband aufgezeichnet. Am nächsten Morgen wurden sie ein zweites Mal interviewt, wobei das Geträumte nochmals berichtet und kommentiert werden konnte. Und die Kriegsveteranen träumten viel: Im Untersuchungszeitraum kamen zwischen vier und zehn Träumen pro Proband zusammen.

Was sich zeigte, war, dass die Träume der Männer mit PTBS-Symptomatik durchwegs im Themenfeld Krieg, Folter und Tod angesiedelt und hochgradig angstbesetzt waren. An viele Inhalte konnten sich die Befragten - wie in der "Zero Process"-Theorie beschrieben - nicht erinnern. Diese traumatischen Fragmente blieben wie ein harter Brocken in der Psyche liegen.

In der Kontrollgruppe ohne PTBS waren die Träume zwar auch von Ängsten und negativen Gefühlen begleitet, doch ging es in ihnen mehr um Themen wie Trauer, Sehnsucht und Verlust. Anders gesagt: Die Traumsituation war zwar auch nicht angenehm, aber die Spielräume, mit diesen Inhalten umzugehen, waren offensichtlich doch viel größer als in der anderen Gruppe.

Über die genaue Untersuchung der Traummechanismen hoffen die Forscher nun darauf, Hinweise zu erhalten, wie man in einer Therapie ganz gezielt Hilfe anbieten kann, um diesen inneren Spielraum und das Verarbeitungsvermögen bei Trauma-Patienten wieder aufzubauen.

Mit Träumen den Erfolg von Psychoanalyse messen

Traumatische Erfahrungen, meist in der Kindheit, liegen auch vielen chronischen Depressionen zugrunde. Die Psychoanalytikerin Tamara Fischmann vom Sigmund Freud-Institut in Frankfurt versucht in einer Studie mit Langzeit-Depressiven eine Brücke zwischen psychoanalytischen und neurowissenschaftlichen Befunden zu Trauma zu schlagen. Ziel der Studie ist es, die Wirksamkeit von Psychoanalyse objektiv messbar zu machen.

Im Allgemeinen lässt sich der Behandlungserfolg an der Art, wie sich Träume entwickeln, ablesen. Als "Faustregel" gilt: Je komplexer und gefühlsbetonter Patiententräume werden, desto mehr tut sich therapeutisch.

Die Probanden der Depressions-Studie befinden sich seit Jahren in Psychoanalyse. Vom behandelnden Analytiker werden die Träume, die ein Patient berichtet, zunächst klinisch evaluiert. Zum anderen werden Träume experimentell, im Schlaflabor, erhoben. Ein unabhängiger Beurteiler analysiert diese dann mit einer standardisierten Methode.

Die so erstellten Traumkategorien und -mechanismen, sollen es ermöglichen, Veränderungen von Trauminhalten über die Zeit zu quantifizieren. Erste Ergebnisse deuten darauf hin, dass auf diese Weise therapeutischer Fortschritt tatsächlich auch objektiv messbar wird. Zudem konnten mit Hilfe der funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT) bereits Veränderungen gezeigt werden, die sich im Laufe einer Therapie im Gehirn einstellen.

Sabrina Adlbrecht, Ö1 Wissenschaft

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