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Wandernde Krebszellen

Neuer Ansatz für Krebstherapie

Wiener Forscher haben ein Molekül entdeckt, das besonders aggressive Krebszellen vernichtet. Es ist das Spiegelbild eines bereits bekannten Moleküls - jedoch mit völlig anderer Wirkung. Die Entdeckung könnte ein völlig neuer Ansatzpunkt für Krebstherapien sein.

Medizin 02.04.2014

Molekül erstickt Krebszellen

Im renommierten Wissenschaftsmagazin "Nature" haben die Forscher des Centrums für Molekulare Medizin (CeMM) ihre Studie veröffentlicht. Sie haben herausgefunden, dass das Spiegelbild eines bereits bekannten Wirkstoffes eine völlig andere Wirkung hat. Es erstickt die Krebszellen.

Das hat mit der Vermehrung von Krebszellen zu tun, bei der ein Reinigungs-Enzym eine große Rolle spielt. Die Wissenschaftler nennen es MTH1.

Die Studie

"Stereospecific targeting of MTH1 by S-crizotinib as an anticancer strategy", Nature (2.4.2014; doi: 10.1038/nature13194).

Studienleiter Kilian Huber: "Das Enzym MTH1 arbeitet als Putztrupp in der Zelle. Es spaltet beschädigte DNA-Bausteine und sortiert diese aus. Der neu entdeckte Wirkstoff S-Crizotinib blockiert das Aufräumen. Dadurch kommt es zu einer Anhäufung von DNA-Schäden in den Tumorzellen, die dann an ihrem eigenen Unrat zugrunde gehen."

Zufallsentdeckung

Die Entdeckung des Spiegelbildes war ein unvorhergesehener Zufall. Das CeMM hatte bei einem Hersteller eine Charge des bereits bekannten Wirtstoffs bestellt, der vor allem gegen Lungenkrebs eingesetzt wird.

Durch Untersuchungen stellte sich heraus, dass diese Charge mit dem Spiegelbild der Verbindung verunreinigt war. In den In-Vitro-Experimenten stellen die Forscher fest, dass die Aktivität anders war als erwartet. Dem gingen die Forscher des CeMM auf den Grund und entdeckten die Wirkweise des Spiegelbildes.

"Doppelter Jackpot"

Die neue Substanz habe eine völlig unerwartete Aktivität gegen das Enzym MTH1 gezeigt, sagt der wissenschaftliche Direktor des CeMM, Giulio Superti-Furga. Deshalb habe man diesen Hemmstoff sofort weiter an Mäusen getestet. Diese Tests ergaben, dass sich der neue Wirkmechanismus gut zur Krebstherapie eignen würde.

Es könnte ein Mittel gegen sehr aggressive Krebsarten sein, sagt Giulio Superti-Furga.
Superti-Furga: "Es ist wirklich ein seltener Glücksfall, dass wir nicht nur einen bisher unbekannten wunden Punkt aggressiver Krebsarten gefunden, sondern gleichzeitig per Zufall einen chemische Substanz identifiziert haben, die das Spiegelbild eines der besten neuen Anti-Krebsmittel darstellt. Das ist ein doppelter Jackpot."

Schneller Weg zum Medikament

Die Entwicklung eines Medikaments könnte schneller gehen als üblich, weil man bereits weiß, wie das schon bekannte Molekül wirkt. Die Tests des Spiegelbildmoleküls an Menschen könnten dadurch abgekürzt werden.

Dieses Molekül eröffne die Chance, sagt der Studienautor Kilian Huber, die Entdeckungen zügig klinisch zu testen und für die Patienten nutzbar zu machen. Weitere Studien sind derzeit allerdings noch nicht geplant.

Josef Penninger, wissenschaftlicher Direktor des IMBA, hat die Studie bereits gelesen. Er sagt: "Giulio Superti-Furga und sein Team am Zentrum für molekulare Medizin haben einen völlig neuen Mechanismus entdeckt. Damit könnte man eventuell an die Wurzel von Krebs herangehen."

Edith Bachkönig, Ö1-Wissenschaft

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