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Adolf Hitler am 15. März 1938 auf dem Wiener Heldenplatz

Historiker: Hitler befahl den Juliputsch 1934

Am 25. Juli 1934 drangen Nationalsozialisten in das Bundeskanzleramt ein, um einen Umsturz in Österreich zu erzwingen. Lange ging man davon aus, dass Adolf Hitler wenig von den Plänen wusste. Der Wiener Historiker Kurt Bauer glaubt das schon seit einigen Jahren nicht - in seinem neuen Buch argumentiert er, dass Hitler den "Juliputsch" befohlen hat.

Nationalsozialismus 07.04.2014

Der Tod von Kanzler Engelbert Dollfuß sei dabei ein Unfall gewesen. "Der Juliputsch ist eindeutig von Hitler ausgegangen", erklärte Kurt Bauer im Gespräch mit der APA. In seinem Buch "Hitlers zweiter Putsch" weist er anhand von bisher nicht analysierten Einträgen im Tagebuch von Joseph Goebbels nach, wie Hitler in die Pläne des Juliputsches verstrickt war.

Goebbels Tagebücher: Missing Link der Forschung

Das Buch

Kurt Bauer: "Hitlers Zweiter Putsch. Dollfuß, die Nazis und 25. Juli 1934", Residenz Verlag, 312 Seiten, Buchpräsentation: 10. April, 19.30 Uhr, Buchhandlung Kuppitsch, Schottengasse 4, 1010 Wien.

In seinen Erinnerungen schildert Goebbels eine Zusammenkunft zwischen Hitler und den wichtigsten Drahtziehern des Juliputsches in Bayreuth. "Das ist der Missing Link, der der Forschung bisher gefehlt hat", meinte Bauer.

Denn nach 1945 verschwanden die Tagebücher Goebbels in den Archiven Moskaus - der Propagandaminister hatte seine Notizen selbst als historisches Dokument betrachtet und auf Glasplatten reproduzieren lassen. Nur Teile seiner Aufzeichnungen waren bekannt. Erst nach der Wende wurde der vollständige Text in Russland entdeckt und nach und nach ediert.

Tod von Dollfuß ein Missgeschick?

Die Tagebücher Goebbels waren für Bauer Ausgangspunkt, um bereits bekannte Quellen neu zu bewerten. Das Ergebnis: Auch in vielen anderen Fragen seien die Geschehnisse des 25. Julis bisher falsch dargestellt worden, ist der Historiker überzeugt. So habe es sich beim Tod von Kanzler Engelbert Dollfuß nicht um Mord, sondern um ein Missgeschick gehandelt.

"Es gibt keine Indizien dafür, dass der Tod beabsichtigt war. Vielmehr wollte man den Kanzler als Geisel nehmen und seinen Rücktritt bzw. eine Machtübergabe erzwingen." Denn Hitler sei es vor allem um die Konsolidierung seiner Macht gegangen - er sah sich von den anderen europäischen Mächten wie Italien, Frankreich und der Sowjetunion umzingelt, ein zu früher Angriff auf Deutschland während des Aufbaus der Militärinfrastruktur hätte das Aus für seine Pläne bedeutet.

"Der Plan war, das Bundeskanzleramt zu besetzen und die Regierung zugunsten von nazifreundlichen Politikern zum Rücktritt zu zwingen. Offiziell hätte es Neuwahlen geben sollen, Schlüsselministerien wie das Innenministerium sollten von Nationalsozialisten besetzt werden", schilderte Bauer, der den Ablauf des 25. Juli 1934 minutiös rekonstruiert hat.

Der tödliche Schuss habe sich wahrscheinlich unabsichtlich gelöst, als sich Dollfuß wehrte oder an den Putschisten vorbeidrängen wollte. Darauf deuten nicht nur Zeugenaussagen, sondern auch die Art der Schüsse selbst hin. "Nachträglich wurde da viel geschönt und vertuscht", sagte Bauer.

Entstehen der Märtyrer-Legende

Den Putschisten sei - ohne jede Vorbedingung - freies Geleit nach Deutschland angeboten worden. "Sobald sie in den Händen der Regierung waren, wollte man dann nichts mehr davon wissen. Das war der Hauptgrund, wieso der Tod von Dollfuß als Mord dargestellt werden musste - so entstand die Dollfuß-Märtyrer-Legende", erklärte Bauer.

Die Führer des Putsches wurden hingerichtet. Hitler selbst leugnete, von der Aktion gewusst zu haben und schob die Schuld auf die österreichischen Nationalsozialisten. "Wirklich durchleuchtet wurde der Tod des Bundeskanzlers Dollfuß nie. An einer kriminologisch korrekten Untersuchung war man nicht interessiert", meinte Bauer.

Allerdings stand Österreich zu dieser Zeit unter dem Schutz Italiens - Hitler habe sich also auch mit Benito Mussolini kurzschließen müssen. "Wie Hitler überhaupt auf die Idee kam, in Österreich putschen zu können? Das war vermutlich ein Missverständnis", so der Historiker.

Missverständnis mit Mussolini

Im Juni 1934 reiste Hitler nach Italien, um dort erstmals mit Mussolini zu sprechen. Die beiden trafen sich in Stra nahe Venedig zu einem Vier-Augen-Gespräch. "Sie unterhielten sich auf Deutsch, da Hitler ja keine Fremdsprache beherrschte", erklärte Bauer. "Und Mussolini glaubte, sehr gut Deutsch zu können."

Das könnte auch das Problem gewesen sein - denn Protokolle, Übersetzer oder nachträgliche schriftliche Vereinbarungen gab es keine. "Hitler gewann den Eindruck, Mussolini stimme einem 'Regierungswechsel' in Österreich zu", schilderte der Historiker - umso entsetzter sei er dann gewesen, als der italienische Diktator als Reaktion auf den Putsch seine Truppen an der Grenze zusammenzog. "Fast wie bei Chaplins 'Großem Diktator'", meinte Bauer.

science.ORF.at/APA/dpa

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