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Mäuseembryo aus STAP-Zellen

Stammzellstudie: Neue Versuche gescheitert

An der sensationellen Stammzellstudie von Anfang dieses Jahres werden immer mehr Zweifel laut. Für die Hauptautorin, die Japanerin Haruko Obokata, steht nun alles auf dem Spiel. Sollte niemand ihre Zellverjüngung mit Zitronensäure wiederholen können, ist ihre Karriere wohl zu Ende.

Medizin 07.04.2014

Gibt es sie oder gibt es sie nicht? Das ist die Frage, die derzeit Stammzellenforscher aus aller Welt beschäftigt. Im Jänner hatte ein Team um Haruko Obokata einen neuen Typus von pluripotenten Stammzellen, sogenannte STAP-Zellen, in zwei Studien vorgestellt. Die Arbeiten waren eine Sensation, denn laut der publizierten Methode ist es möglich, Lungenzellen junger Mäuse durch leichten Stress in einen quasi-embryonalen Zustand zu befördern.

Ein Bad in Zitronensäure dreht demnach bei einer normalen Körperzelle das Rad der Zeit zurück - und eröffnet Zugang zu fast beliebigen Entwicklungspfaden. Mit STAP-Zellen, so hoffte man, würde man dereinst Gewebe züchten können. Die Vision vom Ersatzteillager für Patienten mit organischen Defekten schien näher zu rücken.

Fehlerhafte Abbildungen

Kurz nach Publikation der Studien wurden erste Zweifel laut. Obokata hatte offenbar eine alte Abbildung aus ihrer Dissertation in ihre neue Arbeit kopiert und möglicherweise Bilder von DNA-Fragmenten aus bereits bestehenden zusammengesetzt. Sollte das so sein, wäre das zwar nicht sauber gearbeitet - aber es würde den Inhalt der Studie nicht wirklich berühren.

Das Problem ist, dass immer mehr Forscher nun auch diesen anzweifeln. Bis heute vermochte keine Gruppe die Ergebnisse zu reproduzieren. Das mag zum einen daran liegen, dass der Methodenteil in den Originalabhandlungen in "Nature" lückenhaft formuliert war.

Laborprotokolle im Internet

Einer der Co-Autoren, der Harvard-Medziner Charles Vacanti, veröffentlichte daher auf seiner Website eine neue, äußerst detaillierte Beschreibung der Versuche. In den Protokollen ist unter anderem von der Verwendung sehr feiner Pipetten die Rede, durch die man die Mäusezellen befördern muss, bevor sie ins Säurebad wandern. Das sei, so Vacanti, ein unverzichtbarer Arbeitsschritt.

Kenneth Ka-Ho Lee von der Chinese University of Hong Kong übernahm die Tipps von Vacanti bei dem Versuch, die STAP-Zellen auch in seinem Labor herzustellen. Noch am 1. April (kein Aprilscherz, wie der Biologe betont) berichtete Lee von einem Hoffnungsschimmer. Die Pipettenmethode habe Gene aktiviert, die mit Pluripotenz in Zusammenhang stehen könnten.

Doch nun folgt die Ernüchterung. Lee hat seine Versuche abgebrochen. "Ich glaube nicht, dass es die STAP-Zellen gibt", sagte er kürzlich gegenüber dem Newsdienst von "Science". "Es wäre eine Verschwendung von Arbeitskraft und Forschungsgeldern, würde ich die Experimente fortführen."

Wen trifft die Schuld?

Für Haruko Obokata, bis vor kurzem ein Shooting-Star der Szene, droht die Affäre nun ein trauriges Ende zu nehmen. Sie wurde mittlerweile von ihrem Arbeitgeber, dem japanischen Riken-Institut, suspendiert. Und die Elite-Universität Waseda in Tokio, an der sie 2011 dissertiert hatte, gab nun bekannt, wegen des mutmaßlichen Skandals sämtliche Doktorarbeiten in diesem Bereich überprüfen zu wollen - nicht nur jene von Obokata.

Die 30-jährige Forscherin gesteht zwar Schlampigkeit bei der Erstellung von Abbildungen ein, weist jedoch alle Vorwürfe gezielter Manipulation energisch zurück. Sollte es einem Forschungsteam gelingen, ihre Resultate zu wiederholen, wäre ihr damit zweifelsohne geholfen.

Den anderen Autoren der Studien scheint die Angelegenheit indes nicht geschadet zu haben. Womit sich ein Muster wiederholt, das sich bereits bei früheren Wissenschaftsskandalen gezeigt hat. Im Erfolgsfall verteilt sich der Ruhm auf alle Autoren gleichermaßen. Geht etwas schief, bleibt die Schuld meist an nur einer Person hängen.

Robert Czepel, science.ORF.at

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