Standort: science.ORF.at / Meldung: "50.000 Schoah-Interviews nun auch in Wien"

Plakat "Rassenfrage" aus der Zeit des Nazi-Regimes. Das Plakat war Teil einer Ausstellung des Dokumentationsarchivs des Oesterreichischen Widerstandes.

50.000 Schoah-Interviews nun auch in Wien

Zeitzeugen und Zeitzeuginnen des Holocaust interviewen und filmen: Diese Idee wurde vor 20 Jahren auf Initiative des Regisseurs Steven Spielberg umgesetzt. Mehr als 50.000 dieser Video-Gespräche gibt es mittlerweile, ab sofort stehen sie auch an der Universität Wien zur Verfügung.

Zeitgeschichte 08.04.2014

Während der Dreharbeiten zu Spielbergs "Schindlers Liste" im polnischen Krakau äußerten zahlreiche Zeitzeugen des Nationalsozialismus den Wunsch, ihre Erinnerungen auf Video festzuhalten. Der Regisseur gründete daraufhin eine gemeinnützige Organisation, die die Berichte von Überlebenden des Holocaust und anderer Zeitzeugen für zukünftige Generationen sammelt und archiviert. Heute umfasst das Archiv der Shoah Foundation der University of Southern California mehr als 120.000 Aufnahmestunden.

In zahlreichen Ländern gibt es lokale Zugangspunkte zu dem Archiv, nun auch an der Uni Wien. Der Historiker Markus Stumpf, Leiter der Fachbereichsbibliothek des Instituts für Zeitgeschichte, ist dafür verantwortlich.

Markus Stumpf, Historiker, Institut für Zeitgeschichte, Universität Wien

Universität Wien

Markus Stumpf ist Lehrbeauftragter am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien und Leiter der Fachbereichsbibliothek Zeitgeschichte und Osteuropäische Geschichte.

Veranstaltungshinweis:

Im Rahmen der Veranstaltung "Videographierte Erinnerung" wird das Visual History Archive am 9. April um 18.00 Uhr in der Fachbereichsbibliothek des Instituts für Zeitgeschichte am Campus der Universität Wien präsentiert.

science.ORF.at: Die Universität Wien ermöglicht ab sofort den Zugang zur ZeitzeugInnen-Video-Datenbank der University of Southern California Shoah Foundation. Wie ist es zu dieser Kooperation gekommen?

Markus Stumpf: Wir bemühen uns schon lange um einen Zugang zu diesem wichtigen Archiv. Zunächst war die Idee, sich an die Freie Universität Berlin anzuschließen, die das Visual History Archive schon länger nützt. Nachdem das nicht funktioniert hat und andere Kooperationsversuche auch gescheitert sind, hat dann erfreulicherweise die Universitätsbibliothek das Geld für den Vollzugang zur Verfügung gestellt.

Ist das Visual History Archive weltweit einzigartig?

Das Archiv ist einzigartig und wird deswegen auch von vielen Institutionen genützt. Dort finden sich fast 52.000 Aufzeichnungen von Interviews mit Verfolgten der NS-Zeit, und alleine schon diese Größenordnung macht die Sache einzigartig. Das sind fast 120.000 Stunden an Aufnahmen.

Mit wem und wo wurden die Interviews geführt?

Der Schwerpunkt liegt auf Erfahrungsberichten von Überlebenden der Schoah. Jüdinnen und Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle, Zeugen Jehovas und politisch Verfolgte wurden für das Archiv interviewt. Diese 52.000 Interviews wurden in 56 Ländern gemacht, in mehr als 30 Sprachen. Aus Österreich stammen in etwa 200 Interviews. Der größte Anteil stammt aus den USA, Israel, Australien und Kanada, also aus jenen Ländern, in die sich die meisten Überlebenden der Schoah geflüchtet haben.

Es finden sich auch einige Interviews mit Überlebenden des Genozids in Ruanda vor 20 Jahren und des Massakers von Nanking Ende der 1930er Jahre. Der überwiegende Teil stammt jedoch von Überlebenden des Nationalsozialismus.

Warum ist es so wichtig, diese Interviews machen, zu bewahren und vor allem sie in videografischer Form zu erhalten?

Gerade die Erzählungen der Überlebenden ist wichtig für die Erinnerungskultur. Eine Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte ist auf diese Weise möglich, auch jenseits von Universität und Wissenschaft. Deswegen ist es ganz wesentlich, dass diese Interviews auch zukünftigen Generationen zur Verfügung stehen.

Dass diese Interviews als Videos vorhanden sind, ist auch für die Wissenschaft wichtig. Tonlage, Gesichtsausdruck, Pausen - alle diese Dinge erschließen dem Wissenschaftler weitere Bedeutungsebenen, die in rein schriftlicher Form nicht ersichtlich wären.

Ö1-Sendungshinweis:

Mit diesem Thema befasst sich auch ein Beitrag in Wissen Aktuell, am 8. April um 13.55Uhr.

Welche neuen Forschungsfragen können anhand des Videoarchivs bearbeitet werden?

Gerade für wissenschaftliche Arbeiten von Studenten und Studentinnen ist das Archiv als neue Quelle von großer Bedeutung. Forschungsvorhaben mit Zeitzeugen waren bis dato immer mit der Notwendigkeit zu reisen verbunden. Das ist nicht nur zeit-, sondern auch kostenintensiv. Hinzu kommt, dass nur mehr sehr wenige Zeitzeugen am Leben sind. Für die Zeitgeschichte werden ihre Zeugnisse aber auch in Zukunft eine Rolle spielen.

Und eines kommt hinzu: An der Universität Wien muss die Geschichtsaufarbeitung eine zentrale Rolle spielen, nicht nur des Landes, sondern auch der Institution selbst. Das passiert etwa im Gedenkbuch der Universität Wien. Die Namen der vertriebenen Studierenden wurden mit Daten aus dem Visual History Archive abgeglichen und die entsprechenden Informationen in das Gedenkbuch eingearbeitet.

Die Rolle von Zeitzeugen in der Geschichtsforschung ist in den letzten Jahren immer wieder auch kritisch diskutiert worden. Hat sich der Umgang mit Aussagen von Zeitzeugen in der Wissenschaft geändert?

Es hat sich verändert. Heute nehmen Historiker viel bewusster wahr, dass die Schilderungen subjektive Erfahrungen wiedergeben. Die Erzählung ist persönlich. Die Aufgabe des Wissenschaftlers ist es natürlich, diese subjektive Sichtweise in ein umfassenderes Bild einzubetten oder damit abzugleichen.

Abschließend noch eine technische Frage: Dieses Videoarchiv beinhaltet sehr große Datenmengen. Wie werden diese Daten an der Universität Wien zur Verfügung gestellt?

Die Universität Wien hat sich einen Server angeschafft. Die Daten des Videoarchivs werden auf diesem Server aber nur zwischengespeichert, weil es sich um riesige Datenmengen handelt: Wir holen die Daten aus Kalifornien, wenn sie gebraucht werden. Wenn der Server voll ist, werden die Daten, die gerade nicht gebraucht werden, wieder ausgeschieden. Es stehen dann also immer die Daten zur Verfügung, die aktuell gebraucht werden.

Fast 100.000 Leute können das Archiv auf diese Weise nutzen und zwar ortsunabhängig. Sie brauchen nur eine IP-Adresse der Universität Wien, um auf die Daten zugreifen zu können.

Marlene Nowotny, Ö1 Wissenschaft

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