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Baumaschine auf dem Flugfeld Aspern

Der Schatz unter dem Asphalt

Unter dem Schlagwort "Urban Mining" suchen Forscher und Firmen nach Wegen, um Rohstoffe zu bergen, die in Mülldeponien vergessen oder unter Straßen vergraben wurden. In Schweden konsultieren Umweltwissenschaftler dafür nun sogar Hunderte Jahre alte Karten. Sie haben es auf alte und vergessene Kupferleitungen abgesehen.

Rohstoffe 16.04.2014

Allein unter schwedischen Städten sollen mehr als 300.000 Tonnen ungenutztes Kupfer schlummern. Und zwar in Form inaktiver Strom- und Telefonkabel sowie alter Gasleitungen. Knapp eine Milliarde Euro, wäre dieses Kupfer wert. Würde man es ausgraben und nutzen, anstatt neues abzubauen, könnte man 360.000 Tonnen CO2 einsparen, sagt der Umweltingenieur Joakim Krook von der Universität Linköping.

"In Schwedens Energie-und Telekommunikationsnetzen ist derzeit ähnlich viel Kupfer verbaut, wie man in den alten schwedischen Kupferminen findet." Dazu gehört auch Aitik, die größte Kupfermine Europas. Schweden ist nach Polen und Portugal der drittgrößte Kupferproduzent Europas.

Urban Mining in Österreich:

Auch in Österreich gibt es vielversprechende Urban Mining Ansätze. Ein Team des Lehrstuhls für Abfallverwertungstechnik und Abfallwirtschaft der Montanuniversität Leoben sucht auf Mülldeponien nach verwertbaren Rohstoffen. Am Forschungsbereich Abfallwirtschaft und Ressourcenmanagement der TU Wien beschäftigt man sich vor allem mit den Ressourcen, die in Gebäuden stecken.

Ö1 Sendungshinweis:

Dem Thema widmeten sich auch die Dimensionen, 10.04., 19:05 Uhr.

Umweltwissenschaftler im Archiv

Vor vier Jahren haben Joakim Krook und seine Kollegen begonnen, das urbane Erz zu kartieren, und zwar in den Städten Göteborg, Norrköping und Linköping. Jahrzehnte und Jahrhunderte der technischen Entwicklung seit der Industriellen Revolution haben Schicht um Schicht Artefakte im Boden zurückgelassen.

Doch anders als Archäologen wollen die Wissenschaftler der Universität Linköping sie nicht erhalten, sondern wiederverwenden. So gibt es im Boden vollständige Gleichstromnetze aus den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts, die heute niemand mehr verwendet. Auch durch viele Teile des jetzigen Wechselstromnetzes ist schon seit 50 Jahren kein Strom mehr geflossen.

"Wir haben auf alte Karten zurückgegriffen, um herauszufinden, wo und wie viel überflüssiges Kupfer und anderes Metall begraben liegt. Die digitalen Karten und geografischen Informationssysteme, die Netzbetreiber verwenden, zeigen nur die derzeit aktiven Netze an. Wir mussten uns durch die Archive der Unternehmen wühlen, um die obsoleten Kabel zu verorten", so Joakim Krook. Auch in die städtischen Archive sind die Umweltwissenschaftler gepilgert. Die ältesten Karten stammen aus den 1850er Jahren.

Unterirdisches Platzproblem

Das genaue Verorten der Ressourcen sei seines Wissens derzeit weltweit einzigartig, sagt Joakim Krook nicht ohne Stolz. In Göteborg und Norrköping seien fast 20 Prozent der Leitungen und Kabel inaktiv. In Linköping nur etwa fünf Prozent.

Der Grund für die Unterschiede seien historische Entwicklungen. Je mehr sich die Grundfläche einer Stadt verändert hat und je länger ihre industrielle Vergangenheit ist, desto mehr obsoletes Metall lässt sich finden.

In Zukunft werden sich die unterirdischen Altmetallbestände noch erheblich vergrößern. Denn viele Leitungen sind schon jetzt am Limit und werden in den kommenden Jahren ersetzt werden. Das Forscherteam der Universität in Linköping in Schweden erstellt derzeit mit Recyclingfirmen sowie Telekommunikations- und Energieversorgern Konzepte für den Rückbau.

Die Kabelrückgewinnung schont dabei nicht nur die Metallressourcen, sondern auch die Gesundheit, denn viele der Kabel enthalten gesundheitsgefährdende Stoffe. Außerdem ist der unterirdische Raum in unseren Städten begrenzt. Die Kabel- und Leitungsnetzwerke aber sind riesig. "Wir sprechen von mehreren tausend Kilometern unter jeder Stadt. Wenn man die alten Kabel einfach im Boden belässt, hat man früher oder später ein Platzproblem, wenn immer wieder neue dazu kommen."

Wie ans Tageslicht befördern?

Die ganze Stadt umzugraben mache aus ökonomischen Gründen keinen Sinn, sagt Joakim Krook. Außerdem sei das eine zu große Belastung für die Umwelt. Doch es gibt neue interessante Ansätze. So arbeiten die schwedischen Umweltwissenschaftler mit verschiedenen Firmen zusammen, unter anderem mit der österreichischen Firma HP Fiber.

Sie hat ein Verfahren gefunden, das es ermöglicht, Kabel aus ihrer Kunststoffummantelung herauszuziehen. "Sie nutzen dafür pflanzliche Öle und arbeiten mit sehr hohem Druck. Ganz ausgegoren ist die Technik noch nicht, aber sehr vielversprechend. Gut ist es natürlich, wenn man das Entfernen von alten Kabeln mit Wartungsarbeiten kombiniert. Dadurch kann man kosteneffektiv und umweltschonend arbeiten."

Noch rechnet sich das Ausgraben nicht

Wann das Recycling von alten unterirdischen Kabeln in Schweden oder in ganz Europa Routine sein wird, kann Joakim Krook nicht seriös abschätzen. Es gibt zu viele Unbekannte, etwa die Technologieentwicklung, eine veränderte Gesetzeslage oder die Preisentwicklung von Kupfer. Das trifft für die meisten Urban Mining Projekte zu.

In vielen Fällen sind Primärrohstoffe immer noch günstiger als wiederverwertete, weil sie aus Ländern stammen, in denen Arbeitsplätze billiger sind und Umweltauflagen schwächer oder gar nicht vorhanden. "Bei den meisten Urban Mining Projekten rentiert sich die Gewinnung der Rohstoffe noch nicht. Die Kosten für das Schürfen, die Aufbereitung und das Recycling sind höher, als das, was man gewinnt."

Anna Masoner, Ö1 Wissenschaft

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