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Straßenschild: Silicon Valley

"Wir äffen Amerika nicht nach"

Was ist Innovation - und wie kann man sie fördern? Antworten auf diese Fragen kennt der Berater der deutschen Bundesregierung, Dietmar Harhoff. Von Länderranglisten hält der Wirtschaftsforscher nichts, ebenso wenig von der Idee, Europa dereinst in ein neues Silicon Valley zu verwandeln.

Interview 11.04.2014

Zwar könne man sich von der Unternehmenskultur der Amerikaner ein Scheibchen abschneiden. Das sei aber kein Selbstzweck, sagt Harhoff im ORF-Interview: "Letztlich müssen Innovationen das Leben der Menschen verbessern."

science.ORF.at: Kann man messen, wie innovativ eine Gesellschaft ist? Und wenn ja, wie?

Dietmar Harhoff: Innovation ist ein vielschichtiger Begriff, auch wenn es immer wieder Versuche gibt, ihn mit Hilfe von Statistiken abzugrenzen. Wir tun das üblicherweise mit Hilfe des Frascati-Handbuchs - das ist die Datengrundlage der Innovationserhebungen in der OECD.

Dietmar Harhoff

Expertenkommission

Dietmar Harhoff ist Vorsitzender der von der deutschen Bundesregierug berufenen Expertenkommission "Forschung und Innovation" sowie Direktor am Max-Planck-Institut für Innovation und Wettbewerb. In Wien hielt er am 10. April anlässlich der Verleihung des Houskapreises einen Vortrag.

Der erste Platz beim Houskapreis 2014 der B&C-Privatstiftung ging an Forscher der Boku Wien. Das Projekt zum Schutz von Getreide vor Schimmelpilzgiften wurde mit 120.000 Euro ausgezeichnet.

Mein Innovationsbegriff setzt sich aus zwei Teilen, nämlich Erfindung und Umsetzung, zusammen. Es bringt nichts, nur von schönen Ideen zu sprechen, wenn sie nicht verwirklicht und in den Markt getragen werden.

Die Messversuche beziehen sich zum Beispiel auf die Umsätze mit neuen Produkten. Womit man wiederum Länder und Unternehmen miteinander vergleichen kann. Allerdings macht es keinen großen Sinn, die Daten der Automobilindustrie mit jenen der Industrie für Holzprodukte zu vergleichen. Einzelindustrien kann man aus meiner Sicht aber schon vergleichen.

Insofern ist es überraschend, dass etwa das "Innovation Union Scoreboard" der EU sämtliche Innovationszahlen für Länder summiert und in eine Rangliste übersetzt.

Ich teile ihre Kritik. Daher gibt die deutsche Expertenkommission "Forschung und Innovation" auch kein Ranking heraus. Wir haben uns in unserem ersten Gutachten für die deutsche Bundesregierung 2008 sogar explizit gegen Rankings ausgesprochen, weil völlig unklar ist, wie man die vielen Dimensionen der Innovation sinnvoll in eine Größe zusammenführen kann.

Ich glaube, mit diesen Rankings wird ein Markt bedient, der gar nicht an Details und tiefgehender Analyse interessiert ist. Argumente in Rangplätzen scheinen ein Grundbedürfnis zu sein. Sinnvolle Vergleich sind nur bei einzelnen Indikatoren möglich, also etwa die Ausgaben für Forschung, Entwicklung, bestimmte Patente usw.

Ist Innovation mit Wirtschaft und Technologie vollständig erfasst? Oder könnten nicht auch ganz andere Aspekte einfließen, zum Beispiel soziale?

Der Innovationsbegriff war in den 80er Jahren sehr stark auf das verarbeitende Gewerbe bezogen. Es ging um Produkte. Irgendwann bemerkte man, dass auch Organisationsformen für Innovationen sorgen können. Heute ist der Innovationsbegriff deutlich breiter, der letzte Schub betraf soziales Entrepreneurship: Der Zweck der Übung besteht nicht mehr darin, Profite zu erwirtschaften, sondern ein soziales Ziel zu erreichen - vielleicht unter der Nebenbedingung, dass diese Organisation nicht Pleite gehen sollte.

Es gibt auch Versuche, die Zivilgesellschaft durch Umfragen abzubilden. Da stehen wir allerdings noch am Anfang. Wir tun uns noch schwer damit, diese Formen der Innovation sinnvoll zu messen.

Das hieße, man müsste die Glücksforschung und Erhebungen sozialer Sicherheit stärker berücksichtigen?

Natürlich, wir wollen Innovationen nicht um ihrer selbst willen, sondern, weil sie Arbeitsplätze schaffen, die Lebensqualität erhöhen und die Menschen - etwa im Fall neuer Medikamente - länger leben lassen. Wenn ein Innovationsranking um einen Punkt raufgeht, hat das auf unsere Familien und Kinder noch keinen Einfluss. Die abstrakte Innovationslogik hilft wenig, es ist nicht l'art pour l'art, am Ende des Tages müssen Innovationen Effekte für den Bürger haben.

Wie schätzen Sie die Situation Österreichs im internationalen Vergleich ein?

Was die Ausgaben für Forschung und Entwicklung relativ zum BIP betrifft, steht Österreich innerhalb der EU durchaus positiv da. Sie liegen über dem EU-Schnitt. Ähnliches gilt für wissenschaftliche Publikationen und den Anteil innovativer Klein- und Mittelbetriebe.
Es gibt natürlich auch unterdurchschnittlich ausfallende Maße.

Das sind beispielsweise die Verfügbarkeit bzw. Nutzung von Wagniskapital, die Gründungsaktivität und damit auch die Zahl schnell wachsender junger Unternehmen. Dieser Indikator ist in den letzten Jahren sehr wichtig geworden, weil sich die Politik darum sorgt, ob neue technische Entwicklungen in den Ländern schnell genug aufgegriffen werden. Das ist ein Wettrennen, wer zuerst kommt, beherrscht später den Markt.

Denken Sie an soziale Medien: Groupon, Paypal und Facebook waren nicht zuletzt deswegen erfolgreich, weil sie zügig agiert haben. Dabei hat auch Europa, etwa im 19. Jahrhundert, sehr gründungsintensive Phasen erlebt. Mittlerweile haben wir diese Gründungsmentalität verlernt. Hier müssen wir nacharbeiten.

Was heißt das konkret? Und an wem sollten wir uns orientieren - an den USA?

Das Unternehmertum ist in den USA viel stärker verankert als bei uns. Nur können wir Europa nicht über Nacht zum Silicon Valley machen. Das wäre auch Unfug. Es geht darum, wie wir unsere Gründungstätigkeit um ein Prozent anheben. Länder, die das trotz starker Industrien geschafft haben, sind etwa Schweden, Finnland und die Schweiz. Dort gibt es auch mehr Möglichkeiten im Steuersystem für Venture-Kapital.

Eine gesetzlich-steuerliche Frage?

Das ist der eine Aspekt. Der andere ist die Gründerkultur. Vielleicht sind wir in der wirtschaftlichen Erholung nach dem Zweiten Weltkrieg ein bisschen zufrieden geworden. Mittlerweile greifen allerdings auch Maßnahmen, die Unternehmensgründungen aus den Hochschulen heraus unterstützen. Vor 15, 20 Jahren haben Studienabgänger noch einen Job bei Großunternehmen angestrebt, jetzt sehen sie ihre Optionen, auch die Selbständigkeit.

Die Frage ist nur: Wie kann man eine Unternehmerkultur schaffen? Gesetze ändern keine Mentalitäten. Sind Politiker hier überhaupt die richtigen Ansprechpartner?

Politiker erlassen ja nicht nur Gesetze, sie setzen auch Fördermaßnahmen in die Welt, beispielsweise für Entrepreneurshipzentren an den Universitäten.

Die amerikanische Unternehmerkultur ist allerdings nicht durch Förderprogramme entstanden.

Stimmt, nur ist es nicht unser Ziel, Amerika nachzuäffen. Das wäre auch nicht möglich. Wir wollen dort positive Effekte erzielen, wo es sinnvoll ist. Die Zahl der Ausgründungen an Universitäten und Hochschulen ist in den letzten 15 Jahren in Deutschland messbar gestiegen.

Sie haben in einem Interview die Erfindung des mp3-Formats als Beispiel dafür angeführt, wie es nicht laufen soll.

Das Beispiel ist vielschichtig. Der mp3-Standard wurde an einem Fraunhofer-Institut entwickelt. Die Entwickler haben sich damals um Venture-Kapital bemüht, konnten es aber nicht auftreiben. So entschied man sich für die zweitbeste Lösung, also die Auslizensierung. Damit hat die Fraunhofer-Gesellschaft zwar hunderte Millionen Euro verdient, aber im Vergleich zur gesamten Wertschöpfung durch mp3 ist das ein sehr geringer Teil.

Die Firma, die den ersten mp3-Player herausgebracht hat, Diamond Multimedia, hat damit aber auch nicht das große Geld gemacht.

Das war das Modell "Rio", ich habe sogar einen zu Hause. Und diese Firma ging meines Wissens nach in dieser Sparte sogar pleite. Ich behaupte nicht, dass alle Firmengründungen erfolgreich sind. Die wenigsten Start-Ups überleben, das ist ein Feld mit extrem hohem Risiko.

Stichwort Forschungslandschaft und "Brain Drain". Wie beurteilen Sie die Situation Österreichs?

Diese Diskussion kann man auf verschiedenen Ebenen führen: In Bezug auf Studienanfänger, Doktoranden oder in Bezug auf besonders ausgewiesene Forscher - beispielsweise solche, die einen ERC-Grant bekommen haben. Unsere Untersuchungen zeigen: Für deutsche Spitzenforscher sind einige Institutionen in Österreich sehr attraktiv. Was wiederum der österreichischen Intuition widerspricht, hier habe ein großer Brain Drain eingesetzt, der das Land auszehrt. Auf Ebene der Studierenden könnte es natürlich anders sein.

Grundsätzlich gefragt: Wissenschaft ist ein globales Unternehmen. Wo ist das Problem, wenn ein österreichischer Forscher in die USA geht, und von dort aus unter anderem mit Forschern aus seinem Heimatland kooperiert?

Jeder Forscher, der ins Ausland geht, ermöglicht seinen österreichischen Kollegen Zugang zu neuen Netzwerken. Das Argument greift allerdings zu kurz. Denn wenn wir Netzwerke brauchen, dann ist das Unternehmen Wissenschaft gar nicht mehr so global. Man braucht offenbar persönliche Kontakte und räumliche Nähe. Und da ist die räumliche Nähe in Wien eben besser als in Canberra. Trotz Internet: Distance is not dead.

Interview: Robert Czepel

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