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Die Tasten einer alten Schreibmaschine

Die Kriegsbegeisterung der Medien

Das "Prinzip Propaganda" ist nicht im Ersten Weltkrieg erfunden worden. Der Aufwand etwa bei der Zensur von Zeitungen war aber größer als je zuvor, sagt der Medienhistoriker Wolfgang Duchkowitsch. Dass Österreich-Ungarn und seine Verbündeten den Krieg wegen "schlechterer Propaganda" verloren, hält er für einen Mythos.

Erster Weltkrieg 15.04.2014

Auffallend sei im Ersten Weltkrieg die "grelle" Kriegsbegeisterung gewesen, die vor allem am Anfang auch bei Journalisten sehr ausgeprägt war. Allerdings wurde seitens der Behörden auch strenge Zensur geübt. Als Besonderheit ortet Duchkowitsch, Professor an der Universität Wien, den Umstand, dass über die Tatsache der Zensur sogar offen geschrieben werden konnte. "Die Bevölkerung hat also gewusst, dass sie nicht alles erfährt", meint er im APA-Interview.

Im Ersten Weltkrieg wurde folgendes Bonmot geboren: "Die Wahrheit ist das erste Opfer des Krieges." War das der erste große Propagandakrieg?

Duchkowitsch: Es wird gerne gesagt, dass der Erste Weltkrieg der erste "große" Propagandakrieg war. Das heißt: Propaganda gab es schon vorher. Schon im 18. Jahrhundert gibt es Schriften, in denen propagiert wird zu lügen, im Sinn der Propaganda. Also so neu war das Prinzip nicht. Aber der Einsatz der Mittel, die Zahl der involvierten Personen, die war größer, keine Frage.

Es gibt ja die These, dass der Sieg der Alliierten auch der besseren Medienarbeit zu verdanken war, der effektiveren Propaganda. Hat das irgendeine reale Substanz?

Duchkowitsch: Das ist zu einem großen Teil ein Mythos, eine Legende, die im Oktober 1918 aufgekommen ist. Eine Schweizer Zeitung hat das so geschrieben: "Man hat den Eindruck, dass ..." Und das ist begierig aufgenommen worden von österreichischer und von deutscher Seite. So entstand eine Dolchstoßlegende: Die Heimatfront hat versagt. Es war eine Möglichkeit, die Schuld auf andere zu schieben.

Die Tagespresse im Frühjahr bzw. Sommer 1914 verströmte eine große Kriegslüsternheit. Haben die Medien die Verantwortlichen auch zum Krieg gedrängt?

Duchkowitsch: Es war wirklich ein Kriegsrausch der Sinne, ein atavistischer Taumel erfasste fast alle Bevölkerungskreise. Mein Eindruck ist, dass der überwiegende Teil der Journalisten nicht nur zu Beginn kriegsbegeistert war, sondern bis zum Ende, als es schon Streiks gab, noch Hurra-Patriotismus betrieben hat. Für Kaiser, Gott und Vaterland sein Leben hinzugeben sei die höchste Ehre, hieß es, der Krieg sei ein reinigendes Element und so weiter.

Haben die Zeitungen von der Kriegsbegeisterung profitiert? Wie sehr haben sie die öffentliche Meinung beeinflusst?

Duchkowitsch: Das ist eine schwierige Geschichte. Wir wissen ja bloß ein wenig von den Zeitungslesern. Die "Neue Freie Presse" hat eine Auflage von vielleicht 40.000 gehabt. Das heißt, sie hatte vielleicht 100.000 bis 150.000 Leser. Und das war eine sehr große Zeitung. Ich kenne die genaue Zahl der gesamten Leserschaft nicht, aber es wurde sicher nur ein geringer Teil der Bevölkerung durch Zeitungen erreicht. Zeitungen waren teuer. In der Arbeiterschaft war auch gar keine Zeit zu lesen und auch keine Möglichkeit, eine Zeitung zu kaufen. Daher ist das schwer zu sagen. Am Land war auch die Analphabetenrate sehr hoch. Sie lag Ende des 19. Jahrhunderts in Niederösterreich über 40 Prozent. Da gab es eine Rekrutenerhebung, aus der das hervorging.

War die Kriegsbegeisterung der Medien nur politisch bedingt oder auch durch wirtschaftliche Hintergedanken? Dass man mit dem Krieg die Auflage steigern wollte?

Duchkowitsch: Die Auflagensteigerung hat in den ersten Monaten eine Rolle gespielt, auch das vermehrte Aufkommen von Inseraten, weil plötzlich Dinge beworben worden sind, die es vorher nicht gegeben hat. Dinge, die man Soldaten an die Front nachschicken konnte. Aber es war nicht die Wirtschaft dahinter, sondern es gab einfach eine grelle Kriegsbegeisterung. Nach der Kriegserklärung war der Serbenhass sehr groß. Da gab es auch Übergriffe auf in Wien lebende Serben.

Zwei bedeutende Zeitungen haben sich in unterschiedlicher Weise dagegen gestellt. Das war die "Neue Freie Presse" und noch viel stärker die "Arbeiter-Zeitung". Die "Arbeiter-Zeitung" war gewiss auf dem Mediensektor Staatsfeind Nummer eins. Sie hat gegen die Zensur gekämpft, immer wieder darauf hingewiesen, was die Zensur anstellt. Wissend, dass diese Stellen nicht erscheinen durften. Ich bin überzeugt davon, dass sie die Staatsanwaltschaft provozieren wollten, dass die Zeitung mit weißen Flecken erscheinen sollte.

Ich habe einen Riesenschatz erhalten. Die "Arbeiter-Zeitung" hat den ganzen Krieg über jene Artikel innerredaktionell aufgehoben, die die Staatsanwaltschaft rausgestrichen hat. Das wäre eine lohnende Aufgabe für mindestens eine Dissertation oder mehrere Magisterarbeiten, weil es ungemein reich ist an Möglichkeiten zu erfahren, warum gewisse Dingen nicht erscheinen durften. Zum Beispiel ein Bericht über einen entgleisten Schnellzug. Das durfte nicht in der Zeitung stehen, weil mit der Eisenbahn die Soldaten an die Front gebracht wurden. Da passierte einfach kein Unglück.

Die Zensur hat mit Kriegsbeginn begonnen?

Duchkowitsch: Die Einrichtung des Kriegsüberwachungsamts wurde vorsorglich schon ab 1912 vorbereitet. Das macht schon stutzig, weil Österreich vorbereitet war auf den Krieg. Ich will nicht sagen, dass man darauf hingearbeitet hat, aber auf höchster Ebene war man sich bewusst, es kommt zu einem Krieg. Und auf den hat man sich vorbereitet. Und mit Kriegsbeginn tritt dieses Amt in Kraft. Zensoren beaufsichtigten die Presse. Sie kreuzten mit Rotstift jene Beiträge oder Passagen in der Druckvorlage an, die aus dem Bleisatz zu eliminieren waren. Es gab aber auch Telefonüberwachung. Das Überwachungsamt war die oberste Zensurstelle mit täglichen Pressekonferenzen.

Interessant ist aber: Man durfte über die Tatsache schreiben, dass es eine Zensur gibt. Das wäre im "Dritten Reich" undenkbar gewesen. Die Bevölkerung hat also gewusst, dass sie nicht alles erfährt. Die "Muskete", eine satirische Wochenschrift, konnte sich über den Rotstift und die weißen Flecken sogar unbehelligt belustigt zeigen. Solche "Schlupflöcher" gewährte der Apparat auch anderen Zeitschriften, nicht aber der Tagespresse mit ihren aktuellen Meldungen und Nachrichten über politische und militärische Ereignisse oder Entwicklungen.

Inwieweit war für den Zerfall der Monarchie auch ausschlaggebend, dass es kein die Grenzen und Sprachräume überschreitendes Medium gegeben hat?

Duchkowitsch: Das hat sicher einen Einfluss gehabt. Ich habe einmal ein Projekt über die Rolle der Medien in der interkulturellen Kommunikation der Donau-Monarchie geleitet. Wir haben festgestellt, es gab keine Form des Versuchs einer Begegnung, schon im ausgehenden 19. Jahrhundert war die Gesellschaft in der Donau-Monarchie gespalten. Es gab im Grunde keine interkulturelle Begegnung. Die Gräben waren schon sehr tief. Und in Wien regierte der Hochmut. Die unzufriedenen Ungarn wurden mit dem sogenannten Ausgleich 1867 befriedet. Aber den Tschechen hat man nie etwas zugestanden. Das war ein Riesenfehler.

Welche Rolle spielten audiovisuelle Medien? Waren die damals schon wichtig?

Duchkowitsch: Die Wochenschau hat schon eine Rolle gespielt. Weil sie auch in neutralen und befreundeten Ländern gezeigt wurde, weiß man etwas mehr über die Rezeption, etwa in den USA oder in der Türkei. Da gab es Berichte, wie diese Wochenschauen beim Publikum angekommen sind: Die Menschen waren unzufrieden mit dem, was sie gesehen haben. 1915/16 gab es Überlegungen, wie man die Wochenschauen attraktiver gestalten kann. Da wurde etwa gesagt: Wenn Soldaten gezeigt werden, die einrücken, dürfen die nicht in die Kamera lachen. Die müssen ernst und entschlossen in den Krieg ziehen.

Hat der Erste Weltkrieg die Medienlandschaft in Österreich verändert?

Duchkowitsch: Nein, strukturell hat sie sich nicht geändert. In den Köpfen der Journalisten hat sich aber sicher einiges abgespielt, weil sie das Wissen und den Druck hatten, ständig überwacht zu werden. Eine andere Frage ist auch: Wie gingen die Zeitungen nach dem Krieg mit der Ausrufung der Republik um? Meine These ist, der Tagesablauf war ein neuer, aber man hat nicht Rückschau gehalten. Es war kein Innehalten. Zumindest nach außen hin ging man schnell zur Tagesordnung über. Aber das untersuche ich derzeit mit Studenten.

Interview: Edgar Schütz, APA

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