Standort: science.ORF.at / Meldung: "Die Schönheit von Bärten ist relativ"

Ein Vollbartträger mit Sonnenbrille wird von seiner lächelnden Freundin umarmt

Die Schönheit von Bärten ist relativ

Koteletten, Schnauzer oder Vollbart: "Mann" lässt in den vergangenen Jahren aus modischen Gründen wieder verstärkt Haare im Gesicht sprießen. Forscher haben nun untersucht, wie gut die Bärte tatsächlich ankommen. Ihr Schluss: Es kommt darauf an. Gibt es in der Umgebung viele Glattrasierte, werden Bartträger als besonders attraktiv empfunden.

Anthropologie 16.04.2014

Das Ganze gilt auch umgekehrt: Unter vielen Vielbehaarten stechen die Rasierten heraus, berichtet ein Team um den Kulturanthropologen Barnaby Dixson von der University of New South Wales in Sydney.

Die Studie

"Negative frequency-dependent preferences and variation in male facial hair" von Zinnia J. Janif und Kollegen ist am 16.4.2014 in den "Biology Letters" der Royal Society erschienen.

Konjunkturen der Gesichtsbehaarung

Die Bartforschung habe bisher widersprüchliche Resultate geliefert, schreiben die Forscher in ihrer Studie. Tendenziell würden Haare im Gesicht von Männern zwar den Eindruck ihrer Maskulinität, Dominanz und ihres Alters erhöhen. Ob Frauen bei ihren (heterosexuellen) Partnern aber lieber über glatte Wangen streichen oder doch über Stoppeln oder gar kräftiges Barthaar, darüber herrscht Unklarheit. Verschiedene Studien seien zu unterschiedlichen Ergebnissen gekommen.

Vielleicht spiegle das einfach die Moden und kulturellen Vorlieben wider, die sich rasch ändern können, schreiben die Forscher. Dass der Bart etwas ist, das Konjunkturen und Flauten kennt, zeigen sie anhand einer knapp 40 Jahre alten Studie. Ein Forscherkollege hatte damals die Bartmoden im Zeitraum zwischen 1842 und 1972, dargestellt in einer britischen Illustrierten, untersucht. Das Ergebnis: Koteletten waren 1853 am meisten verbreitet, der Schnauzbart erlebte 1877 seinen Höhepunkt, der Vollbart war 1892 am beliebtesten. Generell gab es ein Auf und Ab der Moden, eine Bartform löste die andere ab und kehrte nach einigen Jahren wieder.

"Negative Frequenzabhängigkeit"

Da Dixson und sein Team in einer Biologiezeitschrift veröffentlichten, gaben sie sich nicht mit der Beschreibung dieser Veränderungen zufrieden, sondern suchten auch nach den Ursachen dafür. Ihre Erklärung in Kurzform: Bei der Partnerwahl achten Frauen auf Äußerlichkeiten des Mannes, die auf "gute Gene" schließen lassen - die also potenziellem Nachwuchs Gesundheit und Erfolg verheißen.

Bei einer derart von gesellschaftlichen Einflüssen geprägten Angelegenheit wie Bartmode ist eine rein biologische Erklärung allerdings schwierig. Die Forscher wollten deshalb die Relativität ihres Gegenstandes untersuchen. Dazu zeigten sie knapp 1.700 Studienteilnehmern - rund 85 Prozent davon Frauen - vier Kategorien von Männergesichtern: frisch rasierte, Fünftagestoppelbart, Zehntagestoppeln und Vollbart.

In mehreren Testreihen zeigte sich, dass sowohl Frauen als auch Männer die starken Stoppeln und den Vollbart am attraktivsten fanden, und zwar besonders dann, wenn sie in einer Umgebung von anderen glatt rasierten Männern auftauchten. Umgekehrt waren rasierte und leicht stoppelige Gesichter beliebt, wenn sich "rundherum" viele Vollbartträger befanden. "Negative Frequenzabhängigkeit" nennen die Forscher in ihrem Jargon dieses Phänomen, das auch aus dem Alltag bekannt ist: Wer auffallen will, muss sich von seiner Umgebung unterscheiden. Und das gilt, wieder ganz biologisch gesprochen, auch für die Partnerwahl.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

Mehr zu dem Thema: