Standort: science.ORF.at / Meldung: "Die Weisheit der Wenigen"

Menschen im Büro sprechen miteinander. Im Vordergrund ein Schreibtisch mit Telefon, Tabellen und Kugelschreiber.

Die Weisheit der Wenigen

Ist die Masse klüger als ihre Mitglieder? Nicht unbedingt, schreiben zwei Wissenschaftler in einer Studie. Ihr mathematisches Modell zeigt: Die besten Entscheidungen werden in Kleingruppen getroffen, große Gruppen sind oft fehleranfällig.

Modell 23.04.2014

Im Zeitalter der globalen Vernetzung, da jeder irgendwie Teil eines digitalen Kollektivs ist oder zu sein glaubt, gilt die Gruppe fast schon per se als intelligent. Verantwortlich für dieses positive Image ist nicht zuletzt der US-Autor James Surowiecki. Er hat mit einem Bestseller "Die Weisheit der Vielen" in den allgemeinen Sprachgebrauch eingeführt und die Überlegenheit der Gruppe gegenüber der Einzelperson umfangreich dokumentiert.

Entsprechende Beispiele zu finden ist tatsächlich nicht schwer: Nehmen Sie einen Sack mit Erdnüssen, gehen Sie damit durchs Büro und lassen Sie alle Kollegen und Kolleginnen schätzen, wie viele Nüsse sich darin befinden. Der Mittelwert der Schätzungen wird besser sein als die meisten abgegebenen Einzeltipps, vermutlich wird er sogar dem wahren Wert am nächsten liegen.

Ein ähnliches Experiment hat Francis Galton bereits vor 100 Jahren durchgeführt. Damals lautete die Aufgabe, das Gewicht eines Ochsen zu schätzen - und siehe da: "Vox populi", die Stimme des Volkes, vermochte die Frage mit erstaunlicher Präzision zu beantworten.

"Künstliche Annahmen"

Die Studie

"Decision accuracy in complex environments is often maximized by small group sizes", Proceedings der Royal Society B", (22.4.; doi: 10.1098/rspb.2013.3305).

Die Frage ist nur: Was lernt man daraus fürs Leben? Wenig, schreiben Albert Kao und Iain Couzin in den "Proceedings der Royal Society" - und verweisen auf eine klassische Arbeit von Marquis de Concordet aus dem Jahr 1785.

Der französische Denker wies damals mit mathematischer Strenge nach, dass die Qualität von Entscheidungen mit der Gruppengröße zunehmen muss, sofern folgende Bedingungen gegeben sind: Die Entscheidung muss eine Wahl zwischen zwei Optionen sein; die Gruppenmitglieder müssen völlig unabhängig zu ihrer Einzelmeinung gelangen; und die Wahrscheinlichkeit, die richtige Entscheidung zu finden, muss bei jeder Person größer sein als 50 Prozent.

Diese Bedingungen, schreiben die beiden Biologen von der Princeton University, verbergen sich auch heute noch in Modellen und Experimenten, wenn es um die Überprüfung kollektiver Intelligenz geht. Allein: Die Annahmen seien kaum jemals gegeben, die Wirklichkeit sei eben deutlich komplexer. Denn egal ob etwa Tiere oder Menschen in der Gruppe zu einer Entscheidung kämen, sie alle träfen ihre Entscheidungen aufgrund ähnlicher Hinweise.

Kleine Gruppen von Vorteil

Unabhängig seien sie jedenfalls nicht - und das macht einen großen Unterschied, wie die beiden Forscher nachweisen. Kao und Couzin haben ein Modell mit verschiedenen Gruppengrößen in allen erdenklichen statistischen Szenarien gefüttert und kommen zu dem Schluss, dass in den meisten Fällen kleine bis mittlere Gruppen am erfolgreichsten sind. Das heißt konkret: ein halbes bis drei Dutzend Mitglieder. Ist die Gruppe noch größer, geht es mit der Akkuratesse des Kollektivs meist bergab.

Beispiele für Anwendungen ihres zugegebenermaßen abstrakten Modells geben die beiden Forscher nur spärlich. Die Entscheidung von Zugvögeln, sich auf den Weg zu machen, sei ein solches, ebenso die Wahl von Tiergruppen für eine bestimmte Nahrungsressource. Und der Mensch? Auch unsere Entscheidungen könnten auf Basis der Formeln beschrieben werden, meinen Kao und Couzin - inklusive, Zitat, "gesetzgebende Gremien". Dass Bürger und Abgeordnete bei ihren Urteilen nicht immer richtig liegen müssen, ist, historisch betrachtet, auch keine allzu neue Feststellung. Böse Zungen haben einst gar behauptet: "Vox populi, vox Rindvieh".

Robert Czepel, science.ORF.at

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