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Eine Frau liegt in einer Blumenwiese

Das Glück braucht Wohlstand und Sicherheit

Materieller Wohlstand ist am wichtigsten, damit sich die Einwohner eines Landes glücklich fühlen. Aber auch soziale Sicherheit, öffentliche Güter, die für alle bereitgestellt werden, und gerechte Steuern sind wesentlich. Das sagt der japanische Glücksforscher Shigehiro Oishi, der den Pessimismus seiner Landsleute alarmierend findet.

Psychologie 25.04.2014

Als einzige Bewohner von über 100 befragten Staaten gaben sie nämlich an, dass ihr Leben in fünf Jahren nicht besser aussehen wird als heute. Die Österreicherinnen und Österreicher gelten im Weltmaßstab hingegen als ziemlich glücklich, wie Oishi in einem science.ORF.at-Interview ausführt.

science.ORF.at: Glück ist ein sehr persönliches Gefühl. Wie kann man das messen?

Shigehiro Oishi: Das ist natürlich nicht ganz einfach. Generell interessieren wir uns nicht für Glücksgefühle in einer bestimmten Situation, sondern für das allgemeine Lebensglück. Das kann man auf verschiedene Weisen messen. Etwa per Selbsteinschätzung: Wir fragen die Menschen, wie sie sich fühlen. Was würden Sie zum Beispiel antworten?

Porträtfoto des Psychologen Shigehiro Oishi

University of Virginia

Shigehiro Oishi ist Professor für Sozialpsychologie an der University of Virginia

Es geht ganz gut, danke.

Oishi: Schön, dann will ich Ihnen das einmal glauben. Aber ich könnte auch Ihren Partner fragen, Ihren Chef oder Ihre Kollegen, wie die Ihr Glück einschätzen. Genau das machen wir auch. Und dabei stellt sich heraus, dass die Selbsteinschätzung sehr gut mit den Aussagen der anderen zusammenpasst. Und um zu überprüfen, ob sich die Menschen nicht nur in einem bestimmten Moment glücklich fühlen, gibt es folgende Methode: Wir versorgen sie mit einem Programm auf ihren Smartphones, das ihnen fünf- bis zehnmal am Tag folgende Frage stellt: "Wie glücklich fühlen Sie sich gerade?" Aus den Antworten kann man "Glücksprozente" errechnen, und die sind wieder sehr ähnlich den Selbsteinschätzungen. Eigenaussagen sind also ziemlich verlässlich.

Wie subjektiv glücklich sind die Österreicher und Österreicherinnen?

Oishi: Das kommt auf die Umfragen an. Die Meinungsforscher von Gallup fragen etwa: "Wenn Sie sich das bestmögliche Leben vorstellen, auf welcher Zahl dieser Skala von null bis zehn würden Sie das eigene sehen?" Österreich lag dabei im Jahr 2007 bei 7,15 Punkten, die USA etwas höher, Japan etwas niedriger. Das sind bei den insgesamt 132 teilnehmenden Nationen alles sehr hohe Werte.

Wer liegt ganz vorn bei diesen Ranglisten?

Oishi: Das hängt wie gesagt immer von der konkreten Fragestellung ab. Oft sind es aber skandinavische Länder wie Dänemark und Norwegen. Viele arme Länder haben hingegen im gleichen Jahr Werte um vier erreicht, also ziemlich niedrige.

Was sind die Hauptbestandteile von Glück?

Oishi: Die internationalen Vergleiche führen ein wenig in die Irre, weil die Glücksfaktoren von Nationen und von Einzelpersonen nicht die gleichen sind. Am wichtigsten auf Länderebene ist der Reichtum. Bruttosozialprodukt und Lebenszufriedenheit hängen auf dieser Ebene sehr stark zusammen. Länder wie Norwegen oder die Schweiz mit dem höchsten Sozialprodukt pro Einwohner kommen dem "bestmöglichen Leben" am nächsten. Die armen Länder sind am weitesten davon entfernt. Von diesem allgemeinen Zusammenhang gibt es aber auch eine Reihe von Abweichungen. Viele lateinamerikanische Länder etwa landen in den Rankings sehr weit oben, obwohl sie ökonomisch nicht so gut aufgestellt sind.

Warum?

Oishi: Der Politikwissenschaftler Ron Inglehart hat gemeint, dass es an der höheren Religiosität in diesen Ländern liegt. Umgekehrt seien viele ex-kommunistische Länder mit wenig Religion weniger glücklich, als sie das gemäß ihrem Reichtum sein sollten. Wir haben uns diese These - mit mehr Ländern als bei Inglehart - nochmals angesehen und diesen Zusammenhang nicht festgestellt. Entscheidender Faktor war nicht die Religion, sondern die soziale Unterstützung. Es geht um die Frage, ob es jemanden gibt, der sich um einen kümmert, wenn man Probleme hat. In Österreich beantworten diese Frage 95 Prozent mit Ja, in Japan 92 Prozent, auch in Lateinamerika sind es mehr als 90 Prozent. In vielen armen, von Kriegen oder Epidemien gezeichneten Ländern sind es viel weniger. Mehr als die Hälfte sagen dort: Im Notfall gibt es niemanden, der sich um mich kümmert. Bei ökonomisch gleich starken Ländern macht das den Unterschied in Sachen Glück aus.

Es geht also nicht um die Religion, sondern um soziale Unterstützung, die die Religion liefern kann, aber auch andere Institutionen?

Oishi: So ist es. Wenn man eine Kirche besucht, ist man Teil einer Gemeinschaft, und das bedeutet, dass sich jemand um einen kümmert. Weniger religiöse Länder können dieses Bedürfnis anderweitig befriedigen - über die Familie, Verwandtschaft oder Nachbarn - das kann genauso funktionieren.

Was ist neben Reichtum und sozialer Unterstützung noch wichtig für das Glück?

Oishi: Einige Sozialwissenschaftler haben sich mit der Frage von Steuern beschäftigt. Wenig überraschend sind Menschen in Ländern mit progressiven Steuern glücklicher. Gallup hat auch Zusammenhänge mit öffentlichen Gütern wie Luftqualität, Verkehrsmitteln, Gesundheits- oder Bildungswesen untersucht. Ein großer Teil des hohen Glücksgefühls von Ländern wie Dänemark oder der Schweiz hängt mit dem progressiven Steuersystem zusammen, weil damit die öffentlichen Güter bereitgestellt werden können.

Damit hängen vermutlich auch die Gleichheit und Ungleichheit einer Gesellschaft zusammen?

Oishi: Ja. Auch der Gini-Koeffizient, der die wirtschaftliche Ungleichheit einer Gesellschaft misst, korreliert mit dem Glücksempfinden. Wir haben uns dazu Daten aus den USA von den 70er Jahren bis in die Gegenwart angesehen. In dieser Zeit ist die Ungleichheit dramatisch angestiegen, und damit umgekehrt das Glücksgefühl gesunken. In den vergangenen fünf bis zehn Jahren kommt noch etwas dazu: der gefühlte Verlust von Fairness und Vertrauen. In den 70er Jahren empfand der durchschnittliche US-Bürger die Welt als fairer und vertrauensvoller. Mit der steigenden Ungleichheit sanken diese Werte.

Würden Sie das auch für andere Länder generalisieren?

Oishi: Derartige Studien sind schwierig zu machen, weil man sehr viele Daten über lange Zeiträume braucht. Ich habe sie aber von 47 Ländern, und die zeigen genau in die gleiche Richtung: mehr Ungleichheit, weniger Glück. Aber da mag es bei einigen Ländern auch kulturelle Unterschiede geben, womit die Zusammenhänge nicht so eindeutig wären.

Sie nehmen an einer Konferenz teil, die sich vor allem mit dem Glück in Japan beschäftigt. Worin liegen die Hauptunterschiede zwischen Japan, Europa und etwa den USA?

Oishi: Die Japaner sind den Europäern ähnlicher als den Amerikanern, was etwa Werte betrifft. Aber was ich wirklich schockierend finde: Gallup hat nicht nur gefragt, wie das aktuelle Leben eingeschätzt wird, sondern auch die Zukunftsaussichten - danach, wie das eigene Leben in fünf Jahren aussehen wird. In 131 von 132 Ländern haben die Menschen angegeben, dass sie in fünf Jahren glücklicher sein werden als heute. Japan war das einzige Land, das das nicht so gesehen hat. Dieser Pessimismus ist alarmierend, denn noch in den 60er Jahren war das ganz anders. Damals glaubten auch die Japaner an eine bessere Zukunft.

Warum ist das so?

Oishi: Natürlich ist die wirtschaftliche Situation heute eine andere, es gab die bekannten Naturkatastrophen und Unfälle. Aber ehrlich gesagt: Ich weiß es nicht.

Es gibt das Stereotyp, wonach das kollektive Glück in Japan wichtiger sei als das individuelle. Stimmen Sie dem zu?

Oishi: Das war auch unsere Vorstellung. Deshalb haben wir versucht, das kollektive Glücksempfinden zu messen. Wir haben dazu nicht nur gefragt, wie sich die Leute selbst fühlen, sondern auch, wie sie das Glück ihrer Umgebung, der Familie, der Nachbarn etc. einschätzen. In einem Vergleich zwischen Japan und den USA waren die Amerikaner immer glücklicher - sowohl individuell als auch kollektiv. Vielleicht haben wir das ja auch nicht gut gemessen, aber: Das Ergebnis scheint mir schon sinnvoll zu sein. In Japan ist Glück eher nicht etwas, das man aktiv verfolgt. Der Schwerpunkt liegt weniger darauf, glücklich zu werden, als das zu tun, was von einem verlangt wird.

Und das bedeutet oft, das eigene Glück für das größere Ganze hintanzustellen. Wobei "größeres Ganzes" zu positiv klingt: Dabei kann es sich auch einfach nur um das Unternehmen handeln, für das man arbeitet. Es ist für - selbst sehr erfolgreiche - Japaner sehr schwierig, glücklich zu sein, wenn die Umgebung, die Freunde etc. das nicht sind. Ihr Glück hängt zum Teil vom Glück anderer ab. In den USA ist es natürlich auch hart, wenn die eigene Frau oder Freunde unter etwas leiden. Aber es fällt dort wohl leichter zu sagen: Mir persönlich geht es dennoch gut.

Sind Sie durch die Glücksforschung selbst glücklicher geworden?

Oishi: Es gibt ein paar Dinge, die ich tatsächlich verändert habe. Der berühmte Eheforscher John Gottman hat herausgefunden, dass Paare, die mehr als zehn oder 15 Jahre zusammen sind, dazu neigen, viel positiver miteinander zu kommunizieren, als solche, die sich scheiden lassen. Ich bin verheiratet und habe daraus gelernt: Bevor ich meine Frau für etwas kritisiere, sollte ich sie für etwas anderes loben. Das verbessert unsere Kommunikation.

Oder ein anderes Beispiel: Die Forschung zeigt, dass Beziehungen besser werden, wenn man Dankbarkeit zeigt. Auch das versuche ich zu machen. Es gibt also ein paar kleine Dinge, die man tun kann. Aber die Glücksforschung zeigt auch, dass es Dinge gibt, die man nicht beeinflussen kann. Es gibt Menschen, die eher glücklich und fröhlich veranlagt sind, und andere, die eher pessimistisch sind. Diesen Teil kann man schwer verändern, aber an einigen Haltungen kann man zumindest ein bisschen "herumschrauben".

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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