Standort: science.ORF.at / Meldung: ""Über die Natur der Dinge": Bibel der Aufklärer"

Künstlerische Darstellung eines Atoms mit Atomkern und -hülle.

"Über die Natur der Dinge": Bibel der Aufklärer

Vor über 2.000 Jahren übersetzte der römische Denker Lukrez die materialistische Naturphilosophie Epikurs nicht nur aus dem Griechischen ins Lateinische, sondern auch aus der wissenschaftlichen Prosa in die Poesie. Das Ergebnis, das Lehrgedicht "Über die Natur der Dinge" verbindet auf erstaunliche Weise antike Atomphysik mit Literatur.

Epik und Physik 28.04.2014

Wie sich die Atome verhalten, wenn sie zu Helden eines sprachgewaltigen Epos werden, zeigt der Philosoph Jakob Moser in einem Gastbeitrag.

Lukrez und die Verdichtung der Materie

Von Jakob Moser

Das Epos des Lukrez ist das komplexeste und umfangreichste erhaltene Dokument materialistischen Denkens der Antike, einer Tradition, die nahezu vollständig ausradiert wurde. Das Werk des griechischen Atomisten Demokrit soll z. B. umfangreicher als das Platons gewesen sein und wurde von einem Stilisten wie Cicero sogar mit dessen sprachlicher Eleganz verglichen.

Jakob Moser

IFK

Jakob Moser ist Doktorand am Institut für Philosophie der Universität Wien und derzeit Junior Fellow am Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften (IFK) in Wien.

Veranstaltungshinweis:

Am 28.4. hält Jakob Moser einen Vortrag mit dem Titel "Die Zunge des Dädalus: Lukrez und die Theorie der Simulacra".

Ort: IFK Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften, Reichsratsstraße 17,
1010 Wien; Zeit: 18 Uhr c.t.

Links:

Literatur:

Cicero, Orator
D. Butterfield, The Early Textual History of Lucretiusʼ De rerum natura (2013)
P. Blom, Böse Philosophen, Ein Salon in Paris und das vergessene Erbe der Aufklärung (2011)
S. Greenblatt, The Swerve, How the World Became Modern (2011)
E. Schmidt, Clinamen, Eine Studie zum Dynamischen Atomismus der Antike (2007)
M. Nussbaum, The Therapy of Desire (1994)
B. Beer, Der Daedalus der Dichter: Zur poetologischen Selbstdarstellung des didaktischen Ich bei Lukrez, in: Philologus 145 2 (2010)
Lukrez, De Rerum Natura
Kennedy, Making a Text of the Universe, Perspectives on Discursive Order in the De rerum natura of Lucretiusʼ, in: G. Monica, Oxford Readings in Classical Studies, Lucretius (2007)
D. Sedley, Lucretius and the Transformation of Greek Wisdom (1998)
D. Kennedy, The Political Epistemology of Infinity; in: D. Lehoux, A. D. Morrison, A. Sharrock, Lucretius: Poetry, Philosophy, Science (2013)

Es ist bis auf wenige Fragmente vollkommen verloren gegangen, ebenso das Werk Epikurs, dem geistigen Mentor des Lukrez. Die meisten materialistischen Denker der Antike ereilte ein ähnliches Schicksaal: Erosion der Textkörper, Polemik, kulturelle Verdrängung.

Umso erstaunlicher war die Wiederentdeckung des epikureischen Lehrgedichts des Lukrez in der Frührenaissance und dessen Einfluss auf die Entstehung der europäischen Moderne. 1417 entdeckte der italienische "Book-Hunter" Bracciolini eine Abschrift des verloren geglaubten "De rerum natura" ("Über die Natur der Dinge") in einem Kloster in der Umgebung von Konstanz.

Diese Wiederentdeckung hat die europäische Philosophiegeschichte zwar nicht in eine Serie von Fußnoten zu Demokrit verwandelt, aber hat die empiristischen und materialistischen Tendenzen der Moderne beflügelt. In den Händen der radikalsten Denker der französischen Aufklärung wurde Lukrez schließlich zu einer Art "Bibel der Aufklärer". Von Marx bis Meillassoux gehört die Lektüre des Lukrez zum festen Inventar materialistischen Denkens.

Abwege der Poesie

Stephen Greenblatt hat die Wiederentdeckung des Lukrez kürzlich in seinem Wissenschaftskrimi "The Swerve" medienwirksam nachgezeichnet. Die Pointe des Titels liegt darin, dass "Swerve" (dt. "Die Wende") die englische Übersetzung des Lukrezischen "clinamen" ist, d. h. der unbestimmbaren Abweichung der Atome vom vertikalen Fall durch die Leere, die für Lukrez den Ursprung aller Dinge darstellt.

Der Kosmos ist für Epikur und Lukrez das Produkt einer permanenten Kontingenz, einer unvorhersehbaren Abweichung, die Greenblatt in der Tradierung und Verschiebung eines kanonischen Wissens wiederfindet. Die großen ideologischen Umbrüche der Moderne beruhen auf der Kontingenz der materiellen Übertragung von Texten.

Greenblatt bettet den Lukrezischen Text in die großen Geschichtsnarrative, wobei ein erstaunlicher "swerve", der sich im "De rerum natura" ereignet, aus dem Blick gerät. Denn im Text selbst vollzieht sich eine dreifache Übertragung und Verschiebung: Erstens übersetzte Lukrez die Naturphilosophie Epikurs vom Griechischen ins Lateinische, zweitens von der griechischen Kultur des 4/3. Jhd. in die Spätphase der römischen Republik im 1. Jhd. vor unserer Zeitrechnung und drittens übersetzte er sie von der Prosa in die epische Dichtung.

Aus den Überresten der Schriften Epikurs, d.h. tradierte Lehrbriefe und Papyrusfragmente, wissen wir, dass dieser in einer technischen Prosa schrieb und der Dichtung feindlich gesinnt war, wohingegen Lukrez gerade von der dichterischen Form erhoffte, dass sie die "dunklen Funde der Griechen" in Versen "erleuchte". Lukrez latinisiert und poetisiert zugleich die Atome Epikurs, womit er paradoxerweise dessen Fußspuren folgend "wegloses Musengefilde, das niemand zuvor betrat" beschreitet. Die Verschiebung der Theorie ins Musengefilde erweist sich als Verwandlung. Kann der Abweg der Übersetzung neue Denkwege eröffnen?

Die Zunge des Dädalus

Lukrez bezeichnet in seiner Sprachtheorie die menschliche Zunge als "daedala lingua" , d.h. als dädalische Zunge. Damit vergleicht er die kreative Fähigkeit der Sprache mit dem Erfinder und Künstler Dädalus, dem Universalgenie der antiken Mythologie, der u. a. das Labyrinth des Minotaurus konstruierte und als Erfinder einer Flugmaschine galt. Gleichzeitig bezeichnet Lukrez die Natur der Dinge als "natura daedala rerum" und die Erde als "daedala tellus", womit er die Kreativität von Sprache und Materie koppelt.

So wie die Erdenmutter, von der Lukrez den Namen der "materia" als Mutterstoff ableitet, alle Lebewesen hervorbringt, so gebiert die Zunge des Dichters analoge Bilder der Welt, sogenannte "simulacra". Die Dichtung ist eine Simulation des Kosmos, eine bewegte Abfolge von poetischen Bildern, die in unterschiedlichen Abständen und Rhythmen um den Körper der Erdenmutter kreisen. Das archaische Bild der kosmischen Zeugung als sexuelle Verbindung von Himmel und Erde ist ein Grundmotiv des Lukrezischen Schreibens.

Vielleicht erklärt diese Assoziation des Dädalus mit der Beweglichkeit der Zunge und der spontanen Zeugungskraft der Erde die Affinität des Lukrez zur bildhaften Sprache: Die technischen Begriffe Epikurs kommunizieren im "De rerum natura" auf vielfältige Weise mit mythologischen und alltäglichen Bildern, womit sich eine unendliche Kette von Verknüpfungen mit der Erfahrungswelt des Dichters/Lesers und den Begriffen untereinander bildet.

Bürgerkrieg der Atome

Diese Transformation der epikureischen Philosophie lässt sich an den Helden des Lukrezischen Epos, den Atomen, illustrieren. Die Atome Epikurs, die als unteilbare Körper (atomoi) negativ bestimmt sind, bekommen bei Lukrez einen neuen Charakter. Während der Zeitgenosse des Lukrez, Cicero, diese entweder als Lehnwort (atomi) in die lateinische Sprache übernimmt, oder sie wortwörtlich übersetzt (individua), verwendet Lukrez eine unüberschaubare Fülle von Ausdrücken, mit denen er immer neue Aspekte der Atome ansprechen kann.

So nennt er sie u. a. Samen der Dinge (semina rerum), Zeugungskörper (genitalia corpora), um ihren generativen Aspekt positiv zu charakterisieren, oder blinde Körper (corpora caeca) um ihre ziellose und chaotische Dynamik zu unterstreichen. Wenn er sie als Elemente (elementa) bezeichnet, dann nicht ohne anzumerken, dass sein Epos selbst aus den elementa der Buchstaben besteht, und er verbindet damit die Atomtheorie mit seiner Schreibpraxis.

Wenn sich die Atome verbinden, schließen sie einen Bund (foedus) oder eine Versammlung (concilium), das sind zentrale politische Begriff aus der römischen Republik. So wundert es nicht, dass die Atome unaufhörlich untereinander Schlachten austragen, denn Lukrez überträgt offensichtlich Bilder des römischen Bürgerkrieges, den er erlebte, auf die atomare Struktur des Kosmos.

Die Lukrezischen Atome tanzen, kämpfen, verbünden sich und schreiben als Helden des Epos dieses selbst und dennoch sind sie blind, folgen keinem anderen Gesetz als dem der Rhythmen der Verse, den Regeln und Abweichungen von Text, Klang und Bild.

Die Lust am Text

Dieser radikale Unterschied zwischen Epikur und Lukrez gibt uns einen Einblick in unterschiedliche Wissenskulturen und in die Techniken einer kulturellen Aneignung der griechischen Philosophie in einer Phase der römischen Kultur, die zu einem wirkungsmächtigen Schnittpunkt der europäischen Geistesgeschichte wurde. Uns bekannte Begriffe wie Natur, Materie oder Simulacrum erfuhren in diesem Kontext eine entscheidende Prägung durch Lukrez.

Eine genaue Lektüre von Lukrez irritiert, zeigt wie fremd uns diese am Beginn ihrer Zirkulation sind. Diese Irritation rührt nicht zuletzt daher, dass Lukrez die Eigendynamik von Sprache und Imagination nicht als Hindernis für die Produktion von Wissen, sondern als deren eigentlichen Antrieb begreift. Dies führt zu einem für den modernen Leser "unheimlich" bewussten Umgang mit dem Medium der Sprache, in deren Gegensatz die heute zunehmende Homogenisierung akademischen Schreibens den Verdacht einer naiven Vorstellung von Sachlichkeit erweckt.

Nicht hinter, sondern in den Falten der Sprache zeigt sich die "Natur der Dinge". Die Materie ist für Lukrez keine starre Struktur der Welt, sondern das Ergebnis einer permanenten Verdichtung kollektiver und individueller Erfahrungsräume.

Mehr zu dem Thema: