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Seeschlacht im Ersten Weltkrieg: Brennendes Schiff am Horizont

Wie Amerika zum Feind wurde

Die USA zögerten lange mit dem Eintritt in den Ersten Weltkrieg, und noch länger mit der Kriegserklärung an Österreich-Ungarn. Sie erfolgte erst am 7. Dezember 1917, acht Monate nach der Kriegserklärung an das Deutsche Reich. Es war der Schlusspunkt einer Entwicklung, in der die Donau-Monarchie die zunächst großen Sympathien der USA verspielt hatte.

Erster Weltkrieg 06.05.2014

Obwohl die republikanischen Vereinigten Staaten und die traditionelle Donau-Monarchie politisch unterschiedlicher nicht sein konnten, standen sie am Vorabend des Ersten Weltkrieges in guten Beziehungen.

Dabei hatte es Mitte des 19. Jahrhunderts durchaus Differenzen gegeben, etwa durch die amerikanischen Sympathien für die Revolutionäre der Jahre 1848/49 oder die Ablehnung des vom Kaiserbruder Maximilian errichteten kurzlebigen mexikanischen Kaiserreiches. Somit blieben die diplomatischen Beziehungen, die erst im Jahr 1838 - sechs Jahrzehnte nach der Unabhängigkeit der USA - aufgenommen worden waren, noch bis Anfang des 20. Jahrhunderts nur auf Gesandtenebene.

Franz Joseph machte Eindruck

Allerdings erinnerte man sich in Washington gut daran, dass Kaiser Franz Joseph - anders als andere europäische Mächte - keinen Gedanken daran verschwendet hatte, die Südstaaten im Amerikanischen Bürgerkrieg (1861-65) anzuerkennen. Der Monarch hinterließ bei US-Präsident Theodore Roosevelt, der nach Ende seiner Präsidentschaft im Jahr 1910 Wien besuchte, tiefen Eindruck. Bei der Begegnung sprach der Kaiser die berühmten Worte, wonach es seine Aufgabe sei, seine Völker vor ihren Politikern zu schützen.

Nach Kriegsausbruch erklärten sich die USA für neutral. Kaiser Franz Joseph dankte US-Präsident Woodrow Wilson am 7. August in einem offiziellen Schreiben für die erwiesene Anteilnahme nach dem Sarajevo-Attentat. Noch bis zu ihrem Kriegseintritt im Jahr 1917 nahmen die Vereinigten Staaten die österreichischen Interessen in jenen Ländern wahr, mit denen es wegen des Krieges zum Bruch gekommen war, etwa in Russland.

Störmission geht gründlich schief

Freilich hegte die US-Öffentlichkeit große Sympathien für die Entente und ihre Kriegsziele. Ein Grund dafür war, dass die Entente die Kommunikationslinien zwischen Europa und den USA kontrollierte und damit massiven Einfluss auf die öffentliche Meinung hatte. In Wien beschloss man daraufhin die Entsendung von Experten zur Beeinflussung der US-Öffentlichkeit, setzte den Plan aber nicht um.

Stattdessen ging Wien daran, mit einer tollpatschigen diplomatischen Mission die verbliebenen Sympathien Washingtons zu verspielen. Um die Waffen- und Munitionslieferungen der USA an die Entente trotz offizieller Neutralität zu stören, versuchte der österreichisch-ungarische Botschafter in Washington, Konstantin Dumba, Streiks unter den Arbeitern der US-Rüstungsindustrie anzuzetteln.

Das Vorhaben flog auf, Dumba wurde vom State Department zur Persona non grata erklärt und musste am 5. Oktober 1915 die USA verlassen. Außenminister Istvan Burian wies Dumbas geschäftsführenden Nachfolger Legationsrat Erich von Zwiedinek an, von weiteren Aktionen dieser Art Abstand zu nehmen.

Zwischenfälle auf See

Das Deutsche Reich verfolgte zu diesem Zeitpunkt bereits eine härtere Strategie zur Störung der Nachschubwege nach Europa. Es setzte immer massiver U-Boote im Atlantik ein, um Dampfer zu torpedieren. Am 7. Mai 1915 wurde vor der irischen Küste der britische Dampfer "Lusitania" versenkt. Weil sich unter den 1.198 Todesopfern auch 128 US-Amerikaner befanden, stieg die antideutsche Stimmung in den USA.

Mehrere Seezwischenfälle verschlechterten auch das Verhältnis zwischen Wien und Washington. Am 7. November 1915 wurde der italienische Dampfer "Ancona" nach New Yorker Zeitungsberichten ein unbewaffnetes Handelsschiff, auf der Fahrt nach Europa vor der tunesischen Küste durch das deutsche U-Boot U-38, das kurz zuvor formell in die Liste der k.u.k. Kriegsschiffe eingetragen worden war, versenkt, wobei auch US-Bürger zu Schaden kamen. Washington sprach von einer Verletzung internationalen Rechts, da das Schiff nicht als Prise behandelt wurde und den Passagieren nicht genügend Zeit zum Verlassen des Schiffes gegeben worden war.

Die USA verlangten eine Bestrafung des U-Boot Kommandanten wegen "wanton slaughter of defenceless non-combattants" und Entschädigung für die zu Schaden gekommenen US-Bürger. Nach einem umfangreichen, teils scharfen Notenwechsel übergab Außenminister Burian dem US-Botschafter am 29. Dezember eine für die USA "befriedigende" Note. Die Bestrafung des U-Boot Kommandanten wegen gewisser Unterlassungen und Überschreitung seiner Instruktionen wurde von US-Seite "mit Befriedigung" zur Kenntnis genommen.

Versenkte Schiffe, gestresste Diplomaten

Am 15. Dezember war der US-Tanker "Petrolite" im Mittelmeer von einem österreichischen U-Boot gestoppt worden, wobei auch mehrere Schüsse abgefeuert wurden. Der U-Boot Kommandant verlangte von dem an Bord gekommenen Tankerkapitän den Verkauf von Lebensmitteln, eine Bezahlung erfolgte allerdings nicht.

Dem State Department wurde der Zwischenfall als Akt der Piraterie geschildert. Am 30. Dezember wurde vom U-38 das Linienschiff "Persia", an dessen Bord sich auch ein US-Konsul befand, vor Kreta versenkt. Bald darauf wurde der russische Frachter "Imperator" von den Österreichern vor der spanischen Küste versenkt, ein US-Bürger war dabei verletzt worden.

US-Botschafter Frederic Penfield war bald ständiger Besucher auf dem Ballhausplatz, er klagte auch über die zunehmende Kritik der Presse der Donau-Monarchie an den USA, verschwieg jedoch die US-Pressekritiken an der Donau-Monarchie. Legationsrat Zwiedinek befürchtete einen Bruch zwischen den USA und Österreich, da sich US-Außenminister Robert Lansing zur US-Darstellung der Zwischenfälle bekannte.

"Frieden ohne Sieger und Besiegte"

Dennoch kam es Ende 1916 zu Friedenssondierungen. Die Mittelmächte leiteten am 12. Dezember 1916 eine Friedensnote über neutrale Staaten an die Entente weiter, sechs Tage später lud US-Präsident Wilson die kriegsführenden Mächte ein, ihre Kriegsziele zu nennen. Allerdings kamen nur vage Antworten.

Der österreichisch-ungarische Außenminister Ottokar Czernin forderte Wilson auf, er möge die Entente zu einem Bekenntnis zu seiner Formel "Frieden ohne Sieger und Besiegte" gewinnen. Die Entente entgegnete in ihrer Ablehnung der Friedensbotschaft der Mittelmächte, dass es im Krieg um eine Befreiung Europas vom preußischen Militarismus sowie der Italiener, Slawen, Rumänen, Tschechen und Slowaken von Fremdherrschaft gehe.

Österreich-Ungarn verfolgte Wilsons Friedensbemühungen argwöhnisch, hatte er doch bereits Ende Mai 1916 das Selbstbestimmungsrecht der Völker als eines der Friedensziele der USA formuliert. Schon im Herbst 1914 hatte Wilson bei einer Gelegenheit gemeint, die Donau-Monarchie sollte zum Wohl Europas in ihre Teile zerfallen.

Eskalation und Kriegseintritt

Der von den Deutschen am 1. Februar 1917 aufgenommene uneingeschränkte U-Boot-Krieg drängte die USA zum Kriegseintritt. Schon am 3. Februar brach Washington die diplomatischen Beziehungen mit Berlin auf, hielt sie aber mit Wien aufrecht. Auch die US-Presse meinte, da Österreich-Ungarn nur im Mittelmeer und in der Adria operiere, könnten die Beziehungen erhalten bleiben, solange es keine Zwischenfälle mit Verletzung von US-Interessen gäbe.

Im State Departement, wo man eine gewisse Eigenständigkeit Wiens gegenüber Berlin konstatierte, wurden Überlegungen über einen Sonderfrieden der Entente mit Österreich-Ungarn angestellt und auch der neue britische Premierminister David Lloyd George wurde nach einigem Zögern dafür gewonnen. Diesbezügliche Gespräche Penfields mit Czernin verliefen jedoch im Sand, da der österreichisch-ungarische Außenminister nur gemeinsam mit den Verbündeten Wiens in Friedensverhandlungen eintreten wollte. In der öffentlichen Meinung der USA wurde die Donau-Monarchie immer mehr mit dem Deutschen Reich in einen Topf geworfen und beschuldigt, den Deutschen Vorschub zu leisten.

Als die Deutschen durch ihren Staatssekretär Arthur Zimmermann versuchten, den mexikanischen Präsident Venustiano Carranza für einen Angriff auf die USA zu bewegen, war das Maß voll. Am 6. April 1917 erklärten die USA dem Deutschen Reich den Krieg. Obwohl Wien aus Protest gegen diesen Schritt zwei Tage später die diplomatischen Beziehungen mit Washington abbrach, blieben die beiden Staaten miteinander in Kontakt.

science.ORF.at/APA

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