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Erster Weltkrieg: Zerstörer im Jahr 1916

Die Mobilmachung des Geistes

Im Ersten Weltkrieg starben zehn Millionen Soldaten und sieben Millionen Zivilisten - sein Beginn jedoch wurde umjubelt. Unter den Kriegstreibern befanden sich auch Künstler, Schriftsteller und Philosophen: Rudolf Eucken, Martin Buber, Max Scheler und Georg Simmel verfielen angesichts der eskalierenden Gewalt in einen kollektiven Rausch.

Erster Weltkrieg 16.05.2014

"Morgenwehen eines neuen Tages"

Die Philosophen sparten nicht mit pathetischen Floskeln. So war die Rede "von den sittlichen Kräften des Krieges, die der Seele des Einzelnen hohen Adel verleihen". Der Beginn einer neuen, großen Zeit wurde bejubelt: "Wir spüren das Morgenwehen eines neuen Tages nicht bloß für Deutschland, sondern für die Menschheit", verkündete der Philosoph Paul Natorp.

Angesichts der Gräueltaten im Ersten Weltkrieg stellt sich die Frage, wie es möglich war, dass, neben Künstlern und Schriftstellern vor allem Philosophen die Speerspitze der Kriegsbegeisterung bildeten. Diese Mobilmachung des Geistes für den Krieg steht im völligen Gegensatz zum philosophischen Anspruch, die "Liebe zur Weisheit" zum universalen Prinzip zu erheben. Noch unverständlicher ist dieser Atavismus angesichts der Tatsache, dass die europäische Scientific Community vor dem Ersten Weltkrieg bestens vernetzt war.

Ö1 Sendungshinweis:

Dimensionen - die Welt der Wissenschaft, Mittwoch, 14. Mai 2014, 19:05 Uhr:

"Die Mobilmachung des Geistes" - Philosophen über den Ersten Weltkrieg

Literaturhinweise:

Peter Hoeres, Krieg der Philosophen. Die deutsche und die britische Philosophie im Ersten Weltkrieg, Ferdinand Schöningh Verlag

Ernst Piper, Nacht über Europa. Kulturgeschichte des Ersten Weltkriegs, Propyläen Verlag

Ulrich Sieg, Geist und Gewalt - Deutsche Philosophen zwischen Kaiserreich und Nationalsozialismus. Hanser Verlag

Ernst Jünger, Kriegstagebuch 1914-1918, Klett-Cotta Verlag

Gerhard Senft (Hg), Bertha von Suttner, Pierre Ramus, Joseph Roth u.a. Friedenskrieger des Hinterlandes. Der Erste Weltkrieg und der zeitgenössische Antimilitarismus, Löcker Verlag

"Deutschtumsphilosophie"

Ein Grund für den Absturz in den Hurra-Patriotismus war der Nationalismus, der in der Nachfolge von Johann Gottlieb Fichte eine wahre Renaissance erlebte. "Nur der Deutsche ist der ursprüngliche Mensch", schrieb Fichte, "und nur er ist zur vernunftgemäßen Liebe zu einer Nation fähig".

Diese "Deutschtumsphilosophie" tauchte dann in den Kriegsparolen der Philosophen auf, speziell bei Rudolf Eucken (1846 - 1926). Er war der Paradephilosoph des Kaiserreichs und erhielt 1908 den Literaturnobelpreis. Eucken nutzte seine Popularität, um eine rhetorische Kriegsmaschine in Stellung zu bringen.

"Krieg als Wesen des Lebens" - Max Scheler

Mit seiner Agitation im akademischen Milieu stand Eucken nicht allein da. Auch den Phänomenologen Max Scheler (1874 - 1928) versetzte der Ausbruch des Ersten Weltkriegs in nationalistische Euphorie.

Im patriotischen Furor gab er dem Krieg eine lebensphilosophische Deutung, die er in seiner über 400 Seiten umfassenden Schrift "Genius des Krieges und der deutsche Krieg" entfaltete. Gewidmet war der Text "seinen Freunden im Felde". Darin postulierte er, dass der Krieg "seine Wurzel im Wesen des Lebens überhaupt habe".

Krieg als Intensitätssteigerung - Georg Simmel

Ähnlich wie Scheler argumentierte auch der Philosoph und Soziologe Georg Simmel (1858 - 1918). Er interpretierte den Krieg als geistiges Erlebnis, das ebenfalls zur Intensitätssteigerung des Lebens beitrage: "Es scheint sicher, dass der Soldat, mindestens solange er in lebhafterer Aktion ist, eben dieses Tun als ungeheure Steigerung, in unmittelbarerer Nähe zu seiner flutenden Dynamik empfindet", schrieb Simmel.

Simmels Deutung des Krieges ist vor dem Hintergrund seiner Studie "Philosophie des Geldes" zu verstehen. Darin bezeichnete er das Geld, "als den Generalnenner aller Werte, den fürchterlichsten Nivellierer, der den Kern der Dinge aushöhlt" und dadurch den gesamten Lebensstil der modernen Gesellschaften prägt.

Da verschafft der Krieg Abhilfe; er sei das Gegengift zum "Mammonismus" und verleihe dem Leben wieder Bedeutung; er schaffe die Grundlage eines neuen Gemeinschaftsgefühls und sei verantwortlich "für den großen Scheidungsprozess zwischen Licht und Finsternis, zwischen dem Edlen und Gemeinen".

Kriegsgegner: Ernst Bloch und Georg Lukács

Mit seiner Verteidigung des deutschen Militarismus verstörte Simmel zahlreiche Studenten und -innen, darunter auch Georg Lukács und Ernst Bloch, die vor dem Ersten Weltkrieg an den Vorlesungen von Simmel teilnahmen. Sie waren enttäuscht von seiner Agitation und distanzierten sich mit deutlichen Worten.

"Dass der Freund Bergsons, der Liebhaber und Bewunderer der französischen Kultur den Krieg mitmachte, das war mir unbegreiflich", notierte Ernst Bloch. "Ich schrieb ihm einen Brief: Das Hinstreben zu einem Absoluten war Ihnen verschlossen. Heil Ihnen! Jetzt haben Sie es endlich gefunden. Das metaphysische Absolute ist jetzt der deutsche Schützengraben."

Eine Freundschaft zerbricht

Auch eine andere Philosophen-Freundschaft zerbrach wegen unterschiedlicher Stellungnahmen zum Ersten Weltkrieg - nämlich die enge intellektuelle Beziehung zwischen dem jüdischen Dialogphilosophen Martin Buber und dem Anarchisten Gustav Landauer.

Buber betrachtete den Krieg als "eine Reinigung des Geistes", die großer Opfer bedürfe. An die Soldaten richtet er den Appell: "Oh Ihr vom Geist Berufenen, wer sein Leben liebt, wird es verlieren". Buber selbst war unglücklich, nicht aktiv am Krieg teilnehmen zu können. Dieses Bedauern teilte er mit seinen philosophischen Mitstreitern Eucken, Scheler und Simmel, die ebenfalls kriegsuntauglich waren.

Die Begeisterung Bubers für den Krieg, die ihm die Bezeichnung "Kriegs-Buber" eintrug, stieß auf den erbitterten Widerstand Landauers. Er war von den Hasstiraden seines Freundes maßlos enttäuscht und sprach von "Oberflächlichkeit und Weltfremdheit". Den Krieg als eine geistige Heldentat zu bezeichnen, sei völlig inakzeptabel, notierte Landauer.

Landauer, der 1918 im Gefängnis ermordet wurde, wo er wegen seiner Teilnahme an der Münchner Räterepublik einsaß, hatte bereits in dem Essay "Der europäische Krieg", der wenige Tage nach Kriegsbeginn erschien, seinem Pazifismus Ausdruck verliehen: "Unseren Freunden und denen, die nicht unsere Freunde sein wollen, sage ich, dass ich keinen Hass im Herzen trage; das gilt für den Einzelnen wie für die Nation".

Bertrand Russell, Pazifist

Zu Beginn des Ersten Weltkriegs fanden sich nur wenige Philosophen, die sich wie Landauer, Bloch oder Lukács gegen die hysterische Kriegsbegeisterung stellten. Ein Paradebeispiel dafür ist der englische Philosoph und spätere Literaturnobelpreisträger Bertrand Russell. Der Erste Weltkrieg war für den Gelehrten ein traumatisches Ereignis. Er publizierte bereits unmittelbar nach dem Ausbruch des Krieges Zeitungsartikel, in denen er sich scharf gegen die "antideutsche Propaganda der Regierung" aussprach.

Von der Sinnlosigkeit des Krieges überzeugt, forderte Russell dessen sofortige Beendigung und unterstützte Wehrdienstverweigerer. Sein radikales, pazifistisches Bekenntnis hatte berufliche Konsequenzen: Die Dozentur am Trinity College in Cambridge wurde ihm entzogen. Der streitbare Philosoph ließ sich von seiner pazifistischen Haltung jedoch nicht abbringen.

Auf den Vorwurf, ein Landesverräter zu sein, antwortete Russell in einem Brief, dass Wahrheit und Gerechtigkeit die besten Dienste seien, die er seinem Land erweisen könne.

Nikolaus Halmer, Ö1 Wissenschaft

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