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Blick auf die Altstadt von Jerusalem

"Schoah-Überlebende waren stark"

Sechs Millionen Juden und Jüdinnen wurden von den Nazis ermordet. Eine halbe Million Überlebende des Holocaust kamen bis 1960 nach Israel und wurden schnell zum Rückgrat des noch jungen Staats. Die Massenmorde zu überleben habe sie weniger traumatisiert als "stark, eigensinnig und machtvoll" gemacht - das sagt die Historikerin Hanna Yablonka in einem Interview.

Zeitgeschichte 08.05.2014

Ihre Eltern sind selbst Schoah-Überlebende. Ihre Kenntnis zum Thema beschränken sich aber nicht auf familiäre Erfahrungen - Yablonka ist eine Pionierin der Forschung zu Holocaust-Überlebenden.

science.ORF.at: Schoah-Überlebende haben schreckliche Dinge erlebt, waren traumatisiert. Heute würde man sagen: Sie hätten Hilfe gebraucht, körperliche und seelische Therapie - haben sie die bekommen, in Israel oder anderswo?

Die Historikerin Hanna Yablonka

Wiener Wiesenthal Institut für Holocaust-Studien

Hanna Yablonka ist Professorin für Jüdische Geschichte an der Ben-Gurion-Universität

Veranstaltung:

Am Donnerstag, 8. Mai 2014, 17:30 - 19:00 Uhr, hält Hanna Yablonka die Simon-Wiesenthal-Lecture: "Survivors of the Holocaust in Israel: Image and Reality", veranstaltet vom Wiener Wiesenthal Institut für Holocaust-Studien (VWI).
Ort: Dachfoyer des Haus-, Hof- und Staatsarchivs 1010 Wien, Minoritenplatz 1

Gedenken an das Kriegsende:

Heute vor 69 Jahren ist der Zweite Weltkrieg zu Ende gegangen. Die Alliierten haben Hitler besiegt und Österreich vom Nationalsozialismus befreit. Mehrere Gedenkveranstaltungen widmen sich dem Tag:

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Ö1 Sendungshinweis:

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell: 8.5., 13:55 Uhr.

Hanna Yablonka: Ich denke, sie haben die Hilfen gar nicht benötigt. Insgesamt sind rund 500.000 Schoah-Überlebende nach Palästina bzw. Israel gekommen. Die meisten von ihnen waren jung, zwischen 15 und 44 Jahren alt. Natürlich hatten sie Traumatisches erlebt. Sie waren aber nicht so traumatisiert, wie Sie es andeuten.

Nur ein Beispiel aus Europa: In den Lagern für "displaced persons" in Deutschland und Österreich gab es in den Jahren des Baby Booms die höchsten Geburtsraten weltweit. Das war eine Art biologische Rehabilitation. Sie waren nicht traumatisiert, sondern sie haben beschlossen, ihr Leben in die eigene Hand zu nehmen, mit großer - auch spiritueller - Kraft.

Wie ist es den Überlebenden in Israel ergangen?

Zum Kontext: Der Unabhängigkeitskrieg 1948 war der härteste Krieg, den Israel je gefochten hat. Es gab damals 600.000 Juden in dem Land, die Hälfte von ihnen waren neue Immigranten. 6.000 von ihnen starben in diesem Krieg, 1.800 davon waren Schoah-Überlebende, die die Hälfte der Kampfkräfte ausmachten. Es war ein weiterer Überlebenskampf: Wenn Israel den Krieg verloren hätte, wäre der Staat nicht entstanden. Die oberste Priorität war deshalb, den Krieg zu gewinnen oder zumindest zu überleben.

Jetzt können Sie sagen: "Wow, jemand hat Auschwitz überlebt und muss dann gleich wieder in einen harten Überlebenskampf ziehen. Das ist doch eine große Tragödie!" Ja, das ist sie in der Tat. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass viele von ihnen freiwillig in diesen Kampf gerückt sind. Der Zweite Weltkrieg hat sie zu dem Schluss gebracht, dass sie deshalb ermordet wurden, weil sie kein eigenes Land hatten. Niemand hatte sich um sie gekümmert, und deshalb mussten sie das jetzt selbst tun.

Und das nach dem Trauma von Schoah und Migration! Man darf nicht vergessen: Israel ist sehr anders als Europa, was das Wetter betrifft, die Hitze, Palästina war damals ein Dritte-Welt-Land, und das war ein großer Schock. Dennoch waren sie sehr entschlossen, ihr Leben in die Hand zu nehmen.

Sie denken, dass die Schoah mit dieser Aktivität in Israel zusammenhängt?

Es hängt in ihrem inneren Schluss zusammen, dass die einzige Lösung für Juden ein eigener Staat ist. Das ist nicht der klassische Zionismus, der eine neue Gesellschaft und einen neuen jüdischen Menschen schaffen wollte. Diese große Vision hatten sie nicht, aber sie zogen instinktiv den Schluss, dass sie einen eigenen Staat brauchen, wo sie die Mehrheit sind und so leben können, wie Juden als Gemeinschaft leben wollen.

Welchen Stellenwert hatte Israel für die Überlebenden?

Die Entstehung des Staates war für sie nicht weniger als ein Wunder. Mein verstorbener Vater hat immer gesagt: Wenn ihm jemand 1942 erzählt hätte, dass es innerhalb von zehn Jahren einen jüdischen Staat geben würde, dass er am Leben wäre und sogar Kinder und eine Familie haben würde, dann hätte er das blanko unterschrieben.

Der Staat Israel war so etwas wie eine religiöse Erlösung. Die Überlebenden gaben deshalb alles, was sie hatten, um Israel aufzubauen, die Siedlungen, die Kultur, die Armee. Für sie war Ben Gurion der Vater der Nation und ich würde auch sagen: wie der heilige Moses. Ich habe das in vielen Dokumenten gelesen, die sie geschrieben haben - mit dem Schiff anzukommen und Haifa zu sehen war eine religiöse Erfahrung, obwohl viele von ihnen gar nicht religiös waren.

Das hatte viel mit den Demütigungen in der Schoah zu tun, und nun hatten sie das Gefühl von Aufbruch und Kompensation. "Wir verdienen dieses Geschenk", haben sie gesagt. Die meisten von ihnen würden heute - so wie meine Mutter - vermutlich sagen: OK, der jüdische Staat ist nicht so geworden, wie wir ihn erträumt hatten, aber er ist noch immer ein Traum und immer noch wert, für ihn zu kämpfen - nicht nur militärisch, auch kulturell und moralisch - denn du weißt nicht, was es bedeutet, keinen Staat zu haben.

Wie geht man als Gesellschaft mit Hunderttausenden Flüchtigen um, die gerade einen industriellen Massenmord überlebt hatten?

Entgegen einem weit verbreiteten Vorurteil haben die Überlebenden sofort darüber gesprochen - von der Minute an, in der sie aus den Lagern gekommen sind. Beim Zuhören war aber nicht klar, ob man diese schrecklichen Geschichten glauben sollte. Es hat Zeit gebraucht um das zu verstehen, und das ist erst mit dem Eichmann-Prozess geschehen. Davor galten die Überlebenden als "Schafe im Schlachthof", weil sie sich nicht gewehrt hatten. Nach dem Eichmann-Prozess wurden sie "heilige Schafe", wie ich das ein wenig zynisch nenne.

Was sich geändert hat, war erstens, dass die Schoah nun auf der europäischen Ebene erzählt wurde. Bis dahin gab es vereinzelte, lokale Erzählungen - aus Warschau, Prag oder Lviv. Und zweitens haben die Israelis die Gesichter gesehen, die von den Ereignissen erzählt haben. Es hat eine Art Privatisierung der Schoah stattgefunden. Plötzlich haben die Israelis ein Wissen um die Schoah entwickelt, und das hat alles geändert.

Inwiefern?

Die Überlebenden sind die einzige Gruppe in Israel, die sich einig sind - sonst wird über alles gestritten. Knappe 40 Prozent von ihnen haben von Deutschland zwischen den späten 1950er Jahren und 1965 Entschädigungsgelder erhalten. Die meisten von ihnen haben das für die Ausbildung ihrer Kinder investiert, nicht um ihren eigenen Lebensstandard zu erhöhen.

Die Überlebenden waren meist sehr erfolgreich, sie standen im Zentrum der kulturellen Produktion von Israel, viele der bekanntesten Logos des Landes stammten von ihnen. Der Prototyp eines Israelis - die Comicfigur des Srulik - etwa wurde von einem ungarischen Überlebenden gezeichnet.

Auch das Gesetz zum Tag der Erinnerung an die Schoah wurde auf Druck der Überlebenden 1958 in der Knesset verabschiedet. Das ist etwas Einzigartiges in der Geschichte, dass eine so neue Immigrationsgruppe gleich Einfluss auf Gesetze nimmt und auf vielen Ebenen zum Rückgrat eines Staates wird: politisch, kulturell, akademisch und ökonomisch.

Seit wann beschäftigen Sie sich mit dem Thema "Holocaust-Überlebende" in Israel?

Seit 1988. Damals habe ich meinem Unilehrer erzählt, dass ich dazu meine Ph.D.-Arbeit schreiben möchte. Er war ganz überrascht, denn es hat dazu noch nichts gegeben. Das ist schon sehr erstaunlich, das ist ja erst 25 Jahre her! Meine Forschung war also eine echte Pionierarbeit. Das zeigt auch, dass die Überlebenden sehr langsam und sehr glatt in die israelische Gesellschaft aufgesaugt wurden. Niemand hat an sie in dem Zusammenhang gedacht, den ich beschrieben habe.

Das Wichtigste, was ich herausgefunden habe, ich möchte es wiederholen: Die Überlebenden waren nicht unglücklich, verrückt oder voller Narben. Im Gegenteil: Sie waren stark, eigensinnig und machtvoll. Und sie haben nicht erwartet, dass ihnen geholfen wird. Sie haben jede Nische in der israelischen Gesellschaft erobert, und das waren viele, denn Israel wurde ja gerade erst gegründet und alles war eine Frage der eigenen Initiative.

Inwieweit bestimmt die Schoah heute noch das Selbstverständnis von Israel?

Unglücklicherweise steht sie im Zentrum der nationalen Identität Israels. Sie ist der Kompass, mit dem viele Israelis heute ihre Gegenwart berechnen und mit dem sie ihre existenziellen Entscheidungen treffen. Das ist eines der größten Hindernisse, um Israel zu einem normalen Staat zu machen. Und es behindert auch den Friedensprozess mit der arabischen Welt und speziell mit den Palästinensern. Ich träume jeden Tag und jede Nacht davon, dass wir endlich in Frieden mit ihnen leben können.

Wie könnte so eine Normalisierung aussehen?

Ganz einfach in einer Zwei-Staaten-Lösung, die den Palästinensern ihre Unabhängigkeit gibt, die sie so sehr verdienen, und den Juden die ihre, die sie genauso verdienen. Wenn die Franzosen und Deutschen ihre Beziehungen normalisieren konnten, weiß ich nicht, warum dass die Israelis und Palästinensern nicht auch tun können - vorausgesetzt beide wenden sich von der Vergangenheit ab und denken an die Gegenwart und die Zukunft. Die Schoah ist in dieser Hinsicht ein schlechter Ratgeber.

Sie sollte also eine geringere Rolle spielen?

Absolut. Was nicht heißt, dass wir nicht an sie erinnern sollen. Für meine eigene Familie war die Schoah eine große Tragödie, ich heiße Hanna nach zwei meiner Großmütter, die in Auschwitz ermordet wurden. Meine Kinder und ich werden deshalb bis zum Rest unseres Lebens an unsere Familie denken und ich hoffe, die Erinnerung wird danach in der Familie weiterbehalten. Dennoch: Ich erinnere mich, aber das ist nichts, woraus ich meine existenziellen Entscheidungen treffe.

Ich habe heute einen eigenen Staat und ich möchte, dass er ein normaler Teil der Familie der Nationen ist; ein Staat, der sich um die jungen Menschen kümmert und der sie erzieht. Ich möchte meine Anstrengungen einer gerechten und gebildeten Gesellschaft widmen, und das kann nicht geschehen, wenn die Schoah immer der Hintergrund ist. Die Schoah ist ein tragisches und dunkles Kapitel, an das man sich erinnern soll - aber nichts, worauf man sich immer bei den Entscheidungen der Gegenwart beziehen soll.

Interview: Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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