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Studenten im Hörsaal

"Unis müssen der Gesellschaft dienen"

Nur wenn Universitäten ihr Wissen gemeinsam mit der Gesellschaft entwickeln, hat die Idee der Nachhaltigkeit eine Chance auf Umsetzung, sagt der Umweltwissenschaftler Clemens Mader in einem Interview.

Nachhaltigkeit 08.05.2014

Dafür müssten sich aber die Qualitätskriterien, nach denen Unis heutzutage bewertet werden, dringend ändern, so Mader: Anstatt Rankings und Publikationsoutput, müssten gesellschaftliche Interessen im Zentrum der akademischen Forschung stehen.

Clemes Mader, Nachhaltigkeitsforscher

Brinkhoff-Mögenburg/Leuphana

Zur Person:

Clemens Mader ist Umweltsystemwissenschaftler und derzeit Gastprofessor für Umwelt und Nachhaltigkeit in der Region an der Leuphana Universität Lüneburg. Seine Forschungsexpertisen liegen in regionalen und unternehmerischen Nachhaltigkeitsstrategien und -transitionen sowie in der Theorie und Praxis von Hochschul-Bildung für Nachhaltige Entwicklung.

Veranstaltungsreihe: Mut zur Nachhaltigkeit

Nächster Vortrag: Bildung und gesellschaftliches Lernen für eine nachhaltige Entwicklung in Regionen; Vortragender: Clemens Mader; Zeit: Donnerstag, 8. Mai, 18:00 bis 20:00 Uhr. Ort: Kommunalkredit Public Consulting (Türkenstraße 9, 1090 Wien). Der Eintritt ist frei.

Veranstalter der Reihe „Mut zur Nachhaltigkeit“ sind das Zentrum für Globalen Wandel und Nachhaltigkeit der BOKU, Lebensministerium und Risiko:dialog (Umweltbundesamt, Radio Ö1, BOKU, BMWFJ, Lebensministerium, Austrian Power Grid).

science.ORF.at: Sie beschäftigen sich mit Nachhaltigkeitsforschung. In welchen universitären Disziplinen muss man ansetzen, um Nachhaltigkeit wirtschaftlich und gesellschaftlich voranzubringen?

Clemens Mader: Es gibt verschiedene Hebel. Die liegen sowohl bei den Wirtschaftswissenschaften, in den technischen Disziplinen als auch auch in den Sozialwissenschaften. Die technischen Fächer führen etwa zu Innovationen im Bereich der grünen Technologie. In den Wirtschaftswissenschaften geht es darum, ein humanistischeres Bild der Wirtschaft zu schaffen. Eines, wo die Wirtschaft nicht dem Profit, sondern den Menschen und zugleich auch der Umwelt dient.

Die Sozialwissenschaften können aber genauso soziale Innovationen schaffen, solche, die das Zusammenleben der Menschen betreffen. Es geht darum, ein gemeinsames Weltbild zu erschaffen, das inklusiv und nicht exklusiv ist. Da die Ergebnisse der Wissenschaft und Lehre aufeinander Auswirkungen haben, sollten diese auch fachübergreifend stattfinden.

Finanzielle Mittel kommen derzeit aber eher den technischen Disziplinen zu. Wenn es um Nachhaltigkeit geht, steht beispielsweise die Soziologie nicht ganz oben auf der Förderliste.

Das ist tatsächlich so. Es ist ganz einfach anschaulicher, wenn man eine Technologie entwickelt, die unmittelbar einen messbaren, wirtschaftlichen Wert schafft. Soziale Innovationen hingegen brauchen oft Jahre bzw. Jahrzehnte, bis es eine merkbare Wirkung gibt. Die sich aber eben nicht so unmittelbar darstellen oder messbar machen lassen. Hier ist die Politik gefragt, langfristiger zu agieren und etwa auch Förderungen anzubieten, welche über einen Zeitraum von zwei bis drei Jahren hinausreichen.

Welche Anreize müssten geschaffen werden, sodass auch in sozialwissenschaftliche Forschung investiert wird?

Da muss man sich die Qualitätskriterien ansehen, nach denen Universitäten bewertet werden. Die Unis richten sich einerseits nach den Ziel- und Leistungsvereinbarungen, die sie mit ihren Ministerien treffen. Andererseits sind es Kriterien, die etwa Rankings betreffen. Diese Rankings richten sich meistens rein nach der Anzahl von Publikationen und der Häufigkeit, wie oft diese zitiert wurden und in welchen Journals sie erscheinen. Das ist keine transdisziplinäre Wissenschaft - da geht es rein um Publikationsoutput. Das ist der falsche Anreiz für Universitäten.

Was müsste sich ändern?

Man müsste bei den Qualitätskriterien ansetzen und sagen: Die Universitäten dienen der Gesellschaft und haben entsprechend die Aufgabe transdisziplinäre Forschung zu betreiben. Darunter versteht man, dass das Wissen gemeinsam mit der Gesellschaft entwickelt wird. Vielfach sind Universitäten "Inside-Out-Unis": das Wissen entsteht innerhalb der Uni und wird nach außen geleitet. Zentral wäre, dass die Unis auch zu "Outside-In-Unis" werden, wo das Wissen aus der Gesellschaft in die Forschung integriert wird und gemeinsam mit gesellschaftlichen Akteuren Forschungsprojekte durchgeführt werden. So kann die Brücke von der Uni zur Gesellschaft geschlagen werden.

Es geht aber nicht nur um die Art der Generierung von Wissen, sondern auch um die Inhalte. Derzeit fordern Studierende der Wirtschaftswissenschaften aus 19 Ländern vielfältigere Lehrinhalte, eine Abkehr von rein marktliberalen Theorien. Was halten Sie von solchen Initiativen?

Das finde ich stark. Das sind Studierende, die klar und deutlich sagen, dass sie Inhalte wollen, die letztlich einen gesellschaftlichen Beitrag der Wissenschaft bedeuten. Und weiterführend auch einen Beitrag der Wirtschaft.

Dennoch ist es schwierig, mit dem akademischen Wissen um Nachhaltigkeit eine breite Masse anzusprechen.

Das ist der große Knackpunkt. Es ist schon so, dass man auf Konferenzen immer wieder die gleichen Leute trifft. Man befindet sich in einer Community, die voneinander lernt und auch viel weiter bringt - aber eine große Mehrheit der Bevölkerung bekommt davon nichts mit. So eine Transformation passiert nicht von einem Tag auf den anderen, das dauert zehn bis 15 Jahre, ganze Generationen. Aber umso wichtiger ist es, bereits vom Kindergarten an, durch Bildung die Befähigung für ein soziales Miteinander und den schonenden Umgang mit der Natur zu schaffen.

Bildung für nachhaltige Entwicklung muss sich durch sämtliche formale und informale Bildungseinrichtungen ziehen, das ist eine Art des lebenslangen Lernens. Und dabei geht es nicht nur darum, was gelehrt wird, sondern auch um die Art der Wissensvermittlung. Das Wissen muss erst mal in die Handlung übergehen. Das wäre eine wesentliche Änderung, die das Bildungssystem brauchen würde.

In diesem Zusammenhang ist auch häufig die Rede davon, die Menschen zur "Eigenverantwortung" zu erziehen. Derzeit versucht man das eher durch Angst- und Bedrohungsszenarien als durch emanzipatorische Strategien.

Solche Angstszenarien schrecken einmal auf, aber das ist ein kurzfristiger Effekt. Sie bewirken keine langfristige Veränderung. Das ist insofern gut, als dass die Aufmerksamkeit auf das Thema gelenkt wird. Aber die wirkliche Veränderung des Verhaltens findet durch aktive Beteiligung und den Aufbau gemeinsamer Ziele statt. Und für diese Beteiligung werden entsprechende Rahmenbedingungen benötigt, das kann etwa die Infrastruktur einer Stadt betreffen.

Städte können Freiräume für gesellschaftliche Beteiligung schaffen, mit unterschiedlichem Hintergrund - um einmal selbst Sachen ausprobieren zu können. Sei es etwa eine Freifläche für Urban Gardening zu schaffen, intergenerationale Einrichtungen, Kreativräume für Sozialunternehmertum oder eine Bildungsinitiative zu starten.

Das sind alles nette Projekte - aber ist das nicht ein Kratzen an der Oberfläche, solange wir in einem System leben, das inhärent auf wirtschaftliches Wachstum ausgelegt ist?

Die Baustellen sind vielfältig. Deshalb ist es wesentlich, dass im Kleinen etwas passiert, wie Urban Gardening im Grätzel. Aber natürlich muss sich auch systemisch und strukturell etwas ändern. Bei der UN-Weltkonferenz für nachhaltige Entwicklung in Rio 2012 gab es schon Gespräche darüber, dass eine ausschließliche Messung des Wirtschaftswachstums über das Bruttoinlandsprodukt nicht die richtige Messlatte für die Zukunft ist. Man muss neue Formen der Messung von Wachstum und Entwicklung schaffen. Auch wenn das momentan ein noch viel zu träger Prozess des Umdenkens ist.

Es sind die kleinen Ideen, die viel verändern und zugleich müssen sich neue Ideen und Denkweisen auch in Wirtschaft und Politik durchsetzten . Dabei denke ich auch an Leute wie jene Studierenden, die jetzt neue Inhalte für ihr Wirtschaftsstudium fordern. Eines Tages werden genau diese Leute selbst CEO eines Unternehmens sein - und es dann hoffentlich anders machen.

Interview: Theresa Aigner, science.ORF.at

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