Standort: science.ORF.at / Meldung: "Reis fördert den Gemeinschaftssinn"

Thailändischer Arbeiter in Reisfeld

Reis fördert den Gemeinschaftssinn

Dass sich östliche Kulturen im Vergleich zum Westen stärker als Kollektiv begreifen, könnte mit der Landwirtschaft zu tun haben. Die "Reis-Theorie" besagt: Länder, in denen Reis angebaut wird, haben einen stärkeren Gemeinschaftssinn.

Kulturen 08.05.2014

Eine Studie scheint das zu bestätigen. Während die Reiszucht in Asien wegen der aufwendigen Bewässerung ein gemeinschaftliches Vorgehen erforderlich mache, könnten Weizenbauern unabhängiger arbeiten. Das erkläre ihre größere Individualität, schreiben Forscher aus China und den USA im Fachblatt "Science".

Die Studie:

"Large-Scale Psychological Differences Within China Explained by Rice Versus Wheat Agriculture" von Thomas Talhelm und Kollegen ist am 8.5.2014 in "Science" erschienen.

Konflikte bei Reisanbau "teurer"

In Umfragen stellten die Forscher entsprechende Zusammenhänge zwischen regionaler Psychokultur und der Bepflanzung von Feldern fest. "Die Idee ist, dass Reis wirtschaftliche Anreize zur Kooperation gibt und solche Kulturen über viele Generationen stärker ineinandergreifen", sagt der führende Wissenschaftler Thomas Talhelm, der vier Jahre in China gelebt hat.

Um historische, politische und kulturelle Unterschiede auszuklammern, wurde allein in China geforscht, wo im Süden Reis und im Norden Weizen angepflanzt wird. Tests an 1162 Han-Chinesen zeigten: Die Vorhersagen der "Reis-Theorie" treffen auch innerhalb Chinas zu, ähnlich, wie sich östliche und westliche Kulturen in Bezug auf Individualismus und Gemeinschaftssinn unterscheiden.

Für die Unterschiede gibt es laut Talhelm einfache Erklärungen: Bewässerungsnetze für Reisfelder und Wassernutzung erfordern Kooperation; erstens, weil die Kanäle nur von größeren Gruppen errichtet werden können und zweitens, weil der Wasserverbrauch einer Familie auch jenen der Nachbarn beeinflusst. Außerdem sei der Arbeitseinsatz mindestens doppelt so groß wie beim Weizen, schreiben die Forscher in ihrer Studie. Kooperation beim Reisanbau sei wirtschaftlich gesehen also wertvoller, Konflikte widerum schädlicher.

"Man muss kein Bauer sein ..."

Dagegen bräuchten Weizenbauern nur den Regen und könnten sich viel mehr um ihre eigenen Felder kümmern, ohne allzu sehr von Nachbarn abzuhängen, erläutern die Forscher. Die befragten Chinesen waren meist Universitätsstudenten, die nicht einmal selber auf Feldern gearbeitet haben. Nach der "Reis-Theorie" wird die Kultur über Jahrtausende weitergegeben. "Einfach gesagt: Man muss nicht Reisbauer sein, um die Reiskultur geerbt zu haben", so die Forscher.

Um Klimafaktoren auszuschließen, wurden auch Chinesen entlang der Reis-Weizen-Grenze Chinas getestet, wo sich die Unterschiede trotz der geringen Distanz beider Gruppen bestätigten. Fazit der Forscher: "Wir stellen fest, dass die Reis-Theorie teilweise Unterschiede zwischen Ost und West erklären kann."

Alternative Erklärungen

Außer der Bewirtschaftungstheorie gibt es freilich noch andere Thesen, die kulturelle Unterschiede erklären wollen. So geht die Modernisierungshypothese davon aus, dass Menschen mit wachsendem Wohlstand gebildeter, kapitalistischer und damit individueller werden. In Japan, Südkorea oder Hongkong sind die Menschen aber trotz größeren Reichtums kollektivistisch geblieben.

Eine andere Theorie geht davon aus, dass Gesellschaften mit einer höheren Verbreitung von Krankheitserregern enger zusammenrücken. Solche Pathogene kommen bei höheren Temperaturen häufiger vor. Höhere Temperaturen sind allerdings auch für den Reisanbau notwendig - so gesehen könnten die beiden Theorien einander ergänzen.

science.ORF.at/dpa

Mehr zu diesem Thema: