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Fossiler Schädel und Knochen

Teenagerfossil klärt Amerikas Urgeschichte

Es wurde zwischen den Knochen von Säbelzahntigern, Pumas und Luchsen in einer Unterwasserhöhle gefunden: Das Fossil eines 15-jährigen Mädchens zeigt, wie Amerika besiedelt wurde. Die indigenen Amerikaner stammen alle von einer Gruppe ab.

Paläontologie 16.05.2014

Normalerweise haben Fossilien nur Katalognummern, aber die besonders gut erhaltenen und wichtigen unter ihnen bekommen richtige Namen. "Lucy" und "Ardi" etwa, jene zwei Vormenschen aus Afrika, die ihre Prominenz der Stellung im Stammbaum an der Wurzel der Hominidenlinie verdanken.

Seit kurzem kann auch die amerikanische Paläontologie ein Skelett vorweisen, das das Zeug zur Identifikationsstiftung hat. Es stammt von einem 15- bis 16-jährigen Mädchen, das vor rund 12.000 Jahren auf tragische Weise umgekommen ist. "Naia", wie das Mädchen nun genannt wird, stürzte in ein Erdloch, unter dem sich ein riesiger Hohlraum befindet.

Aus diesem gab es kein Entkommen, die Höhle war auch für andere Tiere des Pleistozäns eine tödliche Falle. Daher ist der Fundort auf der mexikanischen Halbinsel Yucatan ein Dorado für Paläontologen.

Fund im "Schwarzen Loch"

Nach dem Ende der Eiszeit wurde der Hohlraum geflutet, und das blieb er bis heute. 2007 drang der Höhlentaucher Alberto Nava erstmals in das umfangreiche System ein, schwamm mehr als einen Kilometer durch einen engen Tunnel - bis sich ein 60 Meter breiter, dunkler Raum öffnete. "Der Boden verschwand unter unseren Füßen und wir konnten nicht bis zum anderen Ende sehen", erinnert sich Nava.

Er nannte die Höhle "Hoyo Negro", spanisch für "Schwarzes Loch". Beim nächsten Mal hatte Nava Unterwasserlampen dabei - und fand auf einem Felsvorsprung einen kopfüber stehenden Schädel mit perfekt erhaltenen Zähnen.

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Nachfolgende Untersuchungen von Wissenschaftlern förderten eine Auffälligkeit zutage: "Naias" Schädel unterschied sich - wie jene von anderen prähistorischen Amerikanern - von der Kopfform der heute lebenden Indigenen. Was wiederum eine alte Hypothese belebte, der zufolge Amerika durch mindestens zwei Einwanderungswellen besiedelt wurde.

Der zeitliche Rahmen ließe viele Szenarien zu. Vor 18.000 bis 26.000 Jahren kamen die ersten Menschen aus Asien via Beringstraße nach Amerika und drangen dann nach Süden vor. Genaueres wusste man bisher nicht.

Forscher um James Chatters stellen nun im Fachblatt "Science" eine genetische Analyse vor, die der amerikanischen Urgeschichte klare Konturen gibt. Das analysierte Erbmaterial - mitochondrielle DNA, sie wurde aus einem Zahn gewonnen - lässt keinen Zweifel: "Naia" mag zwar eine etwas andere Schädelform als die indigenen Amerikaner besitzen, aber sie gehört zur gleichen Ahnenlinie.

Sie ist, wenn man so will, das "connecting link" zwischen den ersten Einwanderern und ihren heute lebenden Nachfahren. "Es gibt viele, viele Theorien über die Besiedlung Amerikas und die Frage, wer wann wo war", sagt Co-Autor Ripan Malhi. "Wie es aussieht, werden wir in Zukunft eine Menge dieser Theorien mit Hilfe der Genetik widerlegen können."

Robert Czepel, science.ORF.at

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