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Mund eines Mädchens

Von der Geste zum Genitiv

Begonnen hat alles mit einzelnen Lauten oder Gesten, vermutlich mit beidem. Heute kann man mit Sprache zwar nicht alles, aber unglaublich viel ausdrücken. Warum hat keine andere Spezies eine vergleichbare Fähigkeit entwickelt? Den entscheidenden Anstoß dürften jedenfalls die sozialen Umstände geliefert haben.

Sprachentwicklung 21.05.2014

Auf interdisziplinäre Weise versucht man heute, die Entwicklung von den Anfängen bis jetzt nachzuzeichnen. Alles deutet darauf hin, dass Sprache und Sprachen in rasantem Tempo recht komplex geworden sind. Überraschenderweise scheint es so, als habe sich dieser Trend in der jüngeren Vergangenheit auf einmal umgekehrt, und große Sprachen wie z.B. das global gesprochene Englisch werden immer einfacher.

Theoretischer Wildwuchs

Ö1 Sendungshinweis:

Dem Thema Sprache und Evolution widmen sich auch die Dimensionen am 21. Mai 2014 um 19:05.

Theorien zum Sprachursprung gab es schon viele. Besonders im 19. Jahrhundert gab es einen regelrechten Wildwuchs an zum Teil bizarren Mutmaßungen: Die "Wau-Wau"- beziehungsweise Nachahmungstheorie besagte zum Beispiel, dass Sprache aus der Nachahmung von Tierlauten hervorging, die "Sing-Sang"-Theorie hielt Gesänge für die Vorboten der Sprache, und die "HauRuck"-Theorie stellte die Atemgeräusche beim gemeinsamen Arbeiten in den Mittelpunkt.

Die wachsende Zahl an phantastischen Szenarien führte sogar zu einem einstweiligen Bann, der 1866 von der Societé linguistique de Paris über alle Arbeiten zum Sprachursprung ausgesprochen wurde. Sie wurden ab sofort als unwissenschaftlich verdammt. Er hat fast über hundert Jahre gehalten, wie der Anglist Nikolaus Ritt von der Universität Wien erklärt. Erst seit wenigen Jahrzehnten traut man sich auch in der Linguistik wieder, zu diesem Thema zu forschen. Schuld an diesem lang bestehenden Tabu ist auch einer der wichtigsten Linguisten des 20. Jahrhunderts: Noam Chomsky.

Vom Himmel gefallen?

Anders als seine Vorgänger hält der bekannte US-Intellektuelle die menschliche Sprachbegabung zwar immerhin für eine angeborene biologische Eigenschaft. Sie sei Teil unseres genetischen Programms und soll in Form einer Universalgrammatik in uns allen angelegt sein. Die Suche nach den Wurzeln dieser bemerkenswerten Fähigkeit bleibt für ihn allerdings Zeitverschwendung.

Die Sprache ist gewissermaßen vom Himmel gefallen, wie er in seinem erst im Jahr 2000 erschienenen Werk "The Architecture of Language" schreibt. Demnach hätte irgendwann, irgendwo eine zufällige Mutation stattgefunden, vielleicht infolge kosmischer Strahlung, die die Sprache in das Primatengehirn gezaubert hat. Diese Fabel hält der Linguist für genauso wahrscheinlich wie jede andere Erklärung zum Sprachursprung.

Diese fast starrsinnige Haltung des Starforschers hat dazu geführt, dass der Evolutionsbegriff erst 200 Jahre nach Charles Darwin auch die Sprachursprungsforschung erreicht hat. Erste Anstöße kamen daher wenig überraschend aus der Biologie, die beispielsweise die Sprachbegabung unserer nächsten tierischen Verwandten untersucht und sich dabei Erkenntnisse für den menschlichen Sprachursprung erhofft. Mittlerweile ist ein großes interdisziplinäres Forschungsfeld entstanden, in dem Biologen, Anthropologen, Psychologen, Neurowissenschaftler, Informatiker und zu guter Letzt nun auch Linguisten zusammenarbeiten.

Dünne Faktenlage

Die meisten Forscher sind sich laut Nikolaus Ritt heute jedenfalls einig, dass Sprache nicht über Nacht als voll funktionierendes System entstanden ist. Wie sich die Entwicklung abgespielt haben könnte, versucht man etwa mit neuen empirischen Methoden herauszufinden. Denn die Faktenlage ist nicht sehr gut. Es gibt keine sprachlichen Fossilien und anhand schriftlicher Aufzeichnungen kommt man maximal 5.000 Jahre in die Vergangenheit, danach verflüchtigt sich die Spur. Jede Theorie muss daher letztlich spekulativ bleiben.

Dennoch versucht man die Entwicklung der unterschiedlichen sprachlichen Aspekte, von den Lauten bis zur Grammatik, fassbar zu machen. Welche Laute sich durchsetzen, hat der Computerwissenschaftler Bart de Boer z.B. mit Simulationen untersucht und dabei festgestellt, dass sich aus einem zufälligen Anfangsinventar von Vokalen meist ein System aus fünf Selbstlauten, nämlich [i, e, a, o, u], durchsetzt. Das liegt wahrscheinlich an ihrer guten akustischen Unterscheidbarkeit. Das dürfte eines der Grundprinzipien aller Lautsysteme sein: Phoneme sollen gut unterscheidbar und außerdem einfach zu produzieren sein.

Zu ähnlichen Zwecken werden mitunter auch Experimente mit Sprechern durchgeführt. Dabei wird unter anderem sichtbar, wie stark das Strukturprinzip in der Sprache wirkt. Ein Beispiel für diese Tendenz ist der Prozess der Grammatikalisierung, den die meisten Sprachen durchlaufen haben. Nikolaus Ritt beschreibt ein klassisches Beispiel: "In vielen indoeuropäischen Sprachen hat sich aus einem Demonstrativum, das man zuerst rein optional verwenden konnte, ein Artikel entwickelt, der verpflichtend zu setzen ist." Bei der Grammatikalisierung werden also aus Inhaltwörtern mitunter Funktionswörter. Geht der Prozess noch weiter wird die Funktion z.B. in Form eines Affixes in ein Inhaltswort integriert. Im deutschen "Ich wartete" beispielsweise gibt die Endung an, wer, wann eine Handlung vollzieht.

Warum wir Menschen?

Aber was stand am Anfang des ganzen Prozesses? Die meisten Forscher wie Jim Hurford von der University of Edinburgh glauben, dass die ersten Symbole einzelne Wörter waren. Manche meinen, dass Ausdrücke aus der Babysprache wie "Mama", "Papa" eine besondere Rolle spielten. Ungeklärt ist die Frage, ob die erste Kommunikation mit Gesten oder Vokalisierungen stattgefunden hat. Die meisten halten eine Kombination zu Beginn für wahrscheinlich. Aber langfristig hatten die auch im Dunklen hörbaren Lauten mit Sicherheit Vorteile.

Für Jim Hurford sind das alles nur Details, ihn interessieren die großen Fragen, auch wenn sich manche niemals beantworten werden lassen. Wie er in seinem heuer erschienenen Buch "The origins of language" schreibt, werden wir etwa niemals wissen, wann Sprache genau entstanden ist, es könnte vor 100.000 Jahren geschehen sein, aber auch schon vor 200.000. Auch die Frage nach dem "Wo" lässt sich nur recht vage mit "Wahrscheinlich irgendwo in Afrika" beantworten. Welche Sprache damals gesprochen wurde, wird sich ebenso wenig rekonstruieren lassen. Aber dem "Wie" und dem "Warum" könne man sich zumindest nähern, mit der Frage: Welche Umstände haben dazu geführt, dass wir als einzige Spezies auf diesem Planeten ein derartig komplexes Kommunikationssystem entwickelt haben?

Er glaubt jedenfalls nicht, dass einzelne Mutationen oder andere körperliche Veränderungen - im Gehirn oder beim Artikulationsapparat - den entscheidenden Anstoß geliefert haben. Diese waren vermutlich eher eine Art Begleiterscheinung.

Der Anthropologe Chris Knight von der University of East London ist überzeugt, dass es dabei nicht um Intelligenz geht - viele Tiere seien sehr intelligent: Es brauchte ihmzufolge vor allem eine entscheidende Voraussetzung: "Damit dieser Prozess überhaupt beginnen kann, muss es ein bestimmtes Maß an Vertrauen zwischen Sprecher und Zuhörer geben, das man bei unseren nächsten Verwandten nicht findet." Demnach habe sich in den frühen Jäger-und-Sammler-Gesellschaften eine extrem kooperative Haltung entwickelt, wo die Menschen die meiste Zeit in der Gruppe verbrachten und jeder für den anderen da sein musste. Diese spezielle kollektive Atmosphäre habe den Boden für unsere Sprachfähigkeit bereitet.

Sobald die erste rudimentäre Sprachfähigkeit vorhanden war, kann es recht schnell gegangen sein, wie die meisten Forscher glauben. Man habe begonnen die Wörter zu kombinieren und zu segmentieren, der Wortschatz ist gewachsen und die Grammatikalisierung vorangeschritten - so ist die Sprache zu ihrer unglaublichen kombinatorischen Stärke gekommen, ein nahezu unendlicher Ausdrucksraum hat sich dadurch eröffnet.

Paradoxon der Gruppengröße

Nachdem die Tendenz zu mehr Struktur, zum Zerlegen und zur Grammatik so grundlegend erscheint, könnte man annehmen, dass Sprachen immer komplexer werden müssten. In vielen Fällen passiert aber heute genau das Gegenteil. Große Weltsprachen wie Englisch werden augenscheinlich einfacher. Haben die historischen Linguisten, die schon im 19. Jahrhundert den Sprachverfall beklagten, etwa Recht? Diese dachten, dass es einst mit Sanskrit, Latein und Altgriechisch ein goldenes Zeitalter für Sprache gab. Ihrer Ansicht nach war Sprache damals perfekt. Seit damals geht es demnach bergab - Sprachen verlieren ihre grammatikalischen Formen und werden immer einfacher. Das war ein echtes Rätsel.

Heute ist man einer Antwort schon näher. Unter anderem mit Computersimulationen hat man herausgefunden, dass Sprachen, die von vielen gesprochen werden, eher einfach sind, sie haben allerdings ein größeres Lexikon; jene in kleinen Gruppen hingegen sind meist sehr komplex. Laut Florencia Reali von der University of Berkeley spricht man in kleinen Gemeinschaften nur mit wenigen, meist vertrauten Leuten, in großen aber auch mit Fremden. Diese Unterschiede führen dazu, dass in großen Gruppen öfters einfache lexikalische Dinge, wie neue Wörter, erfunden und weitergegeben werden. Schwierige Eigenschaften struktureller Natur sind hingegen in kleinen Gemeinschaften viel häufiger.

Das beste Beispiel dafür, wie sich Sprache in einer großen Gruppe verändert, ist natürlich die heute global gesprochene Sprache Englisch, die viele grammatikalische Markierungen, wie Fälle oder Geschlecht, verloren habe. Laut Hurford liegt dies an den unterschiedlichen Zwecken von Sprache: "Einer ist es, zur Gruppe zu gehören und genauso zu sprechen wie die anderen, zu zeigen, dass man dazugehört. Der andere ist es das zu bekommen, was man möchte - einfach zu kommunizieren." Es sei dafür egal, ob man sagt: "Wo kann ich Milch kaufen?" oder "Wo Milch?"

Wird also ein rudimentäres Englisch alles sein, was letztlich überbleibt? Jim Hurford verneint: "Bildung sowie unsere Lese- und Schreibfähigkeit werden dafür sorgen, dass die Komplexität nicht ausstirbt. Und in den nächsten tausend Jahren werden sicher noch drei- bis vierhundert Sprachen wichtig sein. Aber sie werden einfacher werden, wetten?"

Eva Obermüller, science.ORF.at

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