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Ausschnitt des Buchcovers "Die letzten Zeugen. Vom Kaiserreich bis zum 'Anschluss'" des Amalthea Signum Verlags

"Die letzten Zeugen" der "Welt von Gestern"

Sie sind Exponenten der "Welt von Gestern", wie sie Stefan Zweig nicht besser hätte beschreiben können: "Die letzten Zeugen", die zum Jubiläumsgedenken an den Ausbruch des Ersten Weltkriegs in dem neuen Buch "Vom Kaiserreich zum 'Anschluss'"zu Wort kommen.

Erster Weltkrieg 22.05.2014

Sie erzählen vom Ende der Monarchie, dem Justizpalastbrand oder dem Nazi-Putsch vom Juli 1934. Teils emotional, teils abgeklärt, aber stets unverfälscht. In der Anthologie sind "Prominente" wie der ehemalige Widerstandskämpfer, Zeitungsherausgeber und Verleger Fritz Molden, der Ex-Spitzenbanker Heinrich Treichl oder Marko Feingold, Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde der Stadt Salzburg, vertreten, aber auch unbekannte Zeitzeuginnen und -zeugen aus unterschiedlichsten Milieus.

Persönliche Schilderungen

Während Molden im vergangenen Jänner im 90. Lebensjahr verstarb, sind Treichl und Feingold über hundertjährig noch am Leben. Molden und Treichl stammten aus durchaus begüterten Verhältnissen, wodurch sie die Not der Zwischenkriegszeit zwar miterlebten, aber nicht unbedingt am eigenen Leib verspürten.

Das Buch:

Gerhard Jelinek/Birgit Mosser-Schuöcker (Hg).: "Die letzten Zeugen. Vom Kaiserreich bis zum 'Anschluss'". Amalthea Signum Verlag. Das Buch wird am Donnerstag, 22.5., um 19 Uhr in der Industriellenvereinigung, 1030 Wien, Schwarzenbergplatz 4, präsentiert.

Im Gegensatz zu Feingold, der sehr wohl das quälende Hungergefühl kennenlernte. Auch weil es in den Geschäften nicht einmal die per Karten rationierten Lebensmittel zu kaufen gab. In einer Erinnerung an das Jahr 1916 erzählt er von seiner Mutter, die sich jeden Tag bereits in der Nacht vor einem Greißler anstellte, um wenigstens irgendetwas Essbares für ihre drei Kleinkinder zu ergattern.

Den jüngsten Sohn nahm sie immer mit, "um schneller dranzukommen", wie Feingold auch ein knappes Jahrhundert danach noch weiß. Der Kleine bekam zweimal hintereinander Lungenentzündung. "Beim zweiten Mal war er nicht mehr zu retten, obwohl wir alles für ihn getan haben. Mein kleiner Bruder ist 1916 in Wien gestorben. (...) Ich habe immer gesagt, er wurde für uns drei geopfert."

Grausame Details

Manche Erzählungen aus der Zeit der Vertragsverhandlungen von Saint Germain 1919, des Kärntner Abwehrkampfes oder der Zeit des Austrofaschismus vor dem Bürgerkrieg 1934, bergen hauptsächlich Altbekanntes, wiewohl diese Geschichten nicht oft genug erzählt werden können. Manche fördern Details zutage, die im Gedächtnisfundus der Allgemeinheit möglicherweise nicht überall vorrätig sind.

Etwa wenn die 1909 geborene (und 2011 verstorbene) Frieda Jeszenkowitsch von 1921 erzählt, als das damalige Deutschwestungarn nach einer Volksabstimmung Österreich angeschlossen wurde. Da ist die Rede von grausamen Kämpfen mit Freischärlern, die eine Abtrennung von Ungarn verhindern wollten. "Einen österreichischen Soldaten haben sie nackt am Grenzbaum aufgehängt. Einen österreichischen Sanitäter, der einen Freischärler verbunden hat, hat ein anderer Freischärler mit dem Bajonett erstochen. Die waren brutal."

Oral History

Die Kehrseite der Medaille war freilich, dass es nach der Volksabstimmung zu einer Art schleichenden (weil gewaltfreien) ethnischen Säuberung kam. So erzählte die betagte Frau über die Vorgänge in ihrem Heimatdorf: "In der Schule und im Rathaus gab es große Veränderungen. Die nur Ungarisch sprechenden Beamten gingen aus Rust überhaupt weg. Einer war mit einer Rusterin verheiratet. Der ist geblieben, sprach aber mit seiner Frau nur Ungarisch."

"Die Gespräche waren so unterschiedlich wie meine Gesprächspartner selbst, heiter oder traurig" schreibt die Juristin Birgit Mosser-Schuöcker, die unterstützt vom TV-Journalisten Gerhard Jelinek für die Herausgabe des Bandes verantwortlich zeichnet, der im Rahmen einer ORF III-Dokumentationsreihe entstand. "Immer aber waren sie berührend, weil sie authentisch und unverstellt waren." Punktgenau. Eben das macht den Reiz dieses Buches in der Tradition der "Oral History" aus.

Edgar Schütz, APA

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